VonJana Stäbenerschließen
Millennials beschweren sich, dass sie ihre Kinder alleine erziehen müssen, weil ihre Babyboomer-Eltern als Großeltern so egoistisch seien.
„Der Grund, warum wir Millennials so erschöpft sind, ist, dass unsere Eltern nicht die Art Großeltern sind, die wir hatten“, sagt eine amerikanische Mutter Ende März 2025 auf TikTok. Sie ist nicht die einzige, die das so sieht. Auch ein anderer Millennial-Vater, dessen Sohn mittlerweile 15 Jahre alt ist, erzählt von seiner egoistischen Babyboomer-Mutter und Schwiegermutter, die beide nie vorbeikommen wollten, um ihr Enkelkind zu sehen.
„Dass sie ihren Enkel nie sehen, ist immer unsere Schuld. Sie wollen nichts investieren, obwohl sie als Rentner alle Zeit der Welt haben“, sagt er. Unser dem TikTok-Video kommentiert eine Nutzerin: „Ja. Boomer sind die schlechtesten Großeltern aller Zeiten.“ Eine andere Userin glaubt, dieser Egoismus habe damit zu tun, dass Babyboomer nie wirklich Kinder wollten – das aber in ihren jungen Erwachsenenjahren undenkbar gewesen sei.
„Dahinter steckt viel mehr als nur ‚Egoismus‘“, sagt die systemische Familienberaterin und Pädagogin Katarina Hübner BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Nämlich: „Generationsübergreifende Erwartungen, alte Rollenbilder und eine tiefgreifende gesellschaftliche Veränderung“.
Babyboomer-Großeltern: Erziehungsexpertin sieht „viel mehr als Egoismus“
Hübner würde Boomer-Großeltern nicht pauschal als „egoistisch“ bezeichnen. „Aber: Sie leben heute Großelternschaft anders, als es vorherige Generationen getan haben“, sagt die Erziehungsexpertin BuzzFeed News Deutschland. Für Millennials sei es normal gewesen, dass die Großeltern (meist Teil der sogenannten stillen Generation) sie selbstverständlich am Nachmittag betreut und bekocht hätten. „Das ist heutzutage bei ihren eigenen Kindern kaum der Fall.“
Der Grund dafür sei das Rollenbild der Babyboomer-Generationen, die in „ihrer eigenen Elternschaft oft noch stark in klassischen Rollenmustern gefangen“ war, sagt die systemische Beraterin. „Viele Frauen haben ihre Karrierewünsche hinten angestellt, viele Männer waren emotional weniger eingebunden. Jetzt, im Ruhestand, möchten sie das nachholen, was sie vorher verpasst haben: Reisen, Selbstverwirklichung, Partnerschaft leben.“ Diese Autonomie werde dann von ihren Kindern – den Millennials – oft als „Egoismus“ erlebt. „Ein ‚Egoismus‘, den ihre Großeltern nicht hatten.“
„Kinder bekommen“ sei in der Zeit, in der Babyboomer Eltern wurden, Teil eines Lebensentwurfs gewesen, den man eben zu erfüllen hatte. Pauschal könne man nicht sagen, ob Boomer Eltern sein wollten oder nicht, aber: „Wenn sie nie gelernt haben, auf ihre eigenen Bedürfnisse zu achten oder sie gar auszudrücken – dann kann das spätere Großelternsein dazu führen, dass sie überfordert sind oder sich distanzieren“, sagt Hübner. Die Kinder (also die Millennials) spürten das und erlebten es als „Desinteresse oder Ablehnung“. Dabei gehe es nicht um das Enkelkind selbst, sondern um „ungelöste Dynamiken zwischen den Generationen“.
Was hinter Babyboomer-Großeltern steckt
„Babyboomer sind in der Tat andere Großeltern, da sie auch in der Regel wesentlich älter sind als die Vorgänger-Generationen“, sagt der Generationenforscher Rüdiger Maas BuzzFeed News Deutschland. Auch ihre Kinder, die Millennials, bekämen sehr spät Kinder und ständen schon recht fest im Leben, weshalb die „Boomer-Eltern nicht mehr regelmäßig Teil des alltäglichen Ablaufs“, seien. „Jetzt sind plötzlich Kinder da und sie sollen es nun wieder stärker sein? Wie man vielerorts sieht, funktioniert das nicht per Knopfdruck“, sagt er.
Zudem würden Boomer-Großeltern weniger in die Erziehung eingebunden als die Großeltern der Millennials, denn für Fragen gebe es heute Google oder Social-Media-Ratgeber, sagt Maas. Die klassischen Dorfstrukturen, in denen Familie in unmittelbarer Nähe oder sogar im gleichen Haus wohne und unterstütze, gebe es kaum mehr, sagt Hübner. Das alles könne erklären, warum die Millennials die Generation seien, die am meisten alleine erziehe. Bis jetzt zumindest.
Generationenforscher: „Millennials als Großeltern noch weiter weg“
„Es wird wohl so sein, dass die Millennials als Großeltern noch weiter weg sein werden als es heute bei den Boomern der Fall ist“, sagt Maas. In seinem aktuellen Buch „Konflikt der Generationen“ thematisiert er, dass sich Gesellschaft und damit die Generationen aufgrund von digitalen Errungenschaften wie Künstlicher Intelligenz (KI) immer weiter auseinanderentwickelten. So zum Beispiel wird die Gen Z als Eltern ticken.
Deswegen brauche es „mehr Wertschätzung für unterschiedliche Lebensphasen“, sagt Hübner BuzzFeed News Deutschland. „Großeltern müssen nicht die Kita ersetzen – aber sie können Beziehungsanker sein.“ Wenn das nicht der Fall sei, könne es helfen, wenn Millennials offene Gespräche mit ihren Boomer-Eltern führten – anstatt enttäuscht auf eine Unterstützung zu hoffen, die vielleicht nie komme. Ansonsten gebe es „wunderbare Alternativen“ wie Leih-Omas, Nachbarschaftshilfen oder familiennahe Betreuungskonzepte. „Verbindung und Entlastung sind möglich und nötig – auch wenn sie manchmal einen anderen Weg nehmen.“
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