„Das ist doch kein Zustand“

„So erleichtert“: Papa geht drastischen Schritt und nimmt Tochter aus der Kita

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In vielen Kitas in Deutschland gibt es regelmäßig Notbetrieb. Einem Vater reicht es: „Dann lieber gar keine Betreuung“, denkt er sich und kündigt seinen Kita-Vertrag.

Deutsche Kindertagesstätten stecken in der Krise: Besonders kleine Kitas kämpfen mit bürokratischen und finanziellen Hürden und mit Personalmangel. Laut Paritätischem Gesamtverband fehlen deutschlandweit 125.000 Erzieher und Erzieherinnen. 306.000 Dreijährige haben keinen Kitaplatz, zeigt eine aktuelle Analyse des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW).

Damit können 13,6 Prozent der Kinder in diesem Alter nicht in die Kita, obwohl die Eltern Bedarf haben. Die Eltern, deren Kinder einen Betreuungsplatz haben, müssen immer wieder Schließungen und ungeschultes Personal in Kitas hinnehmen. Oder auch nicht, dachte sich Jannis Johannmeier aus Bielefeld. Er nahm seine Tochter aus der Kita, „weil dort quasi dauerhaft Notbetrieb wegen Personalmangel war“, sagt er BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA.

Er habe sich nicht darauf verlassen können, dass seine Tochter am nächsten Tag betreut werde, sagt er. Das System versagt an der Stelle Kita komplett. Da gibt es nichts schönzureden“, schreibt er Mitte Januar 2025 in einem LinkedIn-Beitrag. Er bezeichnet es als „Kernproblem“, dass politische Entscheider und Entscheiderinnen einfach nicht verstehen, wo es konkret im Alltag hakt.

Weil in der Kindertagesstätte seiner Tochter dauerhaft Notbetrieb war, nimmt ein Vater sein Kind aus der Kita. (Symbolbild)

Kind aus Kita genommen: „Wir hatten null Planungssicherheit“

Seit September 2024 habe es kaum eine Woche gegeben, in der die städtische Kita Normalbetrieb gehabt habe. Jeden Tag hätten er und seine Frau schauen müssen, wie viele Kinder morgen überhaupt in die Kita kommen dürften. „Wir konnten uns auf nichts einstellen, hatten null Planungssicherheit. Das ist doch kein Zustand“, sagt der Geschäftsführer einer PR-Agentur, bei der Angestellte ihre Kinder mit zur Arbeit bringen können.

Die Kita, in der seine Tochter war, sei nur noch „ein Sammelbecken für Kinder“ gewesen. „Ich finde das super traurig. In meiner Idealvorstellung ist eine Kita ein Ort, an dem Kinder miteinander spielen, herumturnen“, sagt Johannmeier BuzzFeed News Deutschland. Dass das nicht mehr funktioniere, weil Kitas marode und das Personal überfordert seien, findet er „total schade“. Er fragt: „Ist das unser Anspruch an Kita? Ganz ehrlich: Dann lieber gar keine Betreuung!“

Vater aus Bielefeld nimmt Kind aus Kita – Jugendamt äußert sich

Das eigene Kind aus dem System Kita zu nehmen, sei „die beste Entscheidung“ gewesen. „Es hat uns so erleichtert, uns einzugestehen, dass es so nicht funktioniert“, sagt der Vater. Die Großeltern betreuten seine zweieinhalbjährige Tochter jetzt dreimal die Woche fünf Stunden lang. „Darauf können wir uns verlassen. Das ist viel weniger emotionaler Stress“, sagt er. Aber er wisse, dass Großeltern als Betreuungsangebot ein Privileg seien, das nicht viele hätten.

Das Jugendamt der Stadt Bielefeld, Träger der Kita, in der Johannmeiers Tochter war, teilt BuzzFeed News Deutschland mit, dass die Kita, um die es gehe „in der Tat durch krankheitsbedingte Ausfälle immer mal wieder von personellen Einschränkungen betroffen“ war. Komplett geschlossen sei die Kita-Gruppe nur an zwei Tagen gewesen, die Vorwürfe „kaum nachvollziehbar“.

In Bielefeld setze man bei Personalmangel auf ein „rollierendes System“: Alle Kinder der Kita sind in Gruppen eingeteilt. Bei einem Engpass in der Betreuung, legt die Einrichtung fest, welche Gruppen an welchen Tagen kommen dürfen. „Wir versuchen dann die Eltern immer schnellstmöglich zu informieren, damit sie sich auf veränderte Betreuungssituationen einstellen können. Teilweise ist dies aufgrund von kurzfristigen Änderungen leider nur schwer möglich.“ Alle Kinder hätten Anspruch auf Kinderbetreuung, stellt das Jugendamt klar und plädiert für eine Änderung der Rahmenbedingungen, damit es einen besseren Kind-Personal-Schlüssel geben könne.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Michael Gstettenbauer

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