Aufregung in Italien

„Jeder, der etwas tun will, wird niedergemacht“: Mann sammelt Schrott am Gardasee – und soll 500 Euro blechen

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Ein Rentner aus Desenzano am Gardasee wurde zu einer Geldbuße verurteilt, weil er Müll vom Strand einsammelte. Jetzt solidarisieren sich die Bürger aus ganz Italien mit ihm.

Desenzano – Enzo Fattori ist in Desenzano am Südufer des Gardasees bekannt wie ein bunter Hund, auch in den Nachbargemeinden ist man froh über sein Hobby: Denn der Italiener, den die Einheimischen „Racmen“ nennen, sammelt Müll von den Ufern des „Benaco“, wie die Einheimischen den Gardasee nennen, ein. Leere Getränkedosen, Radkappen von Autos, weggeworfene Unterhosen und Bikinis, es gibt nichts, was Fattori nicht schon aus Italiens größtem See gefischt hat.

Enzo Fattori sammelt Müll am Gardasee ein - und muss dafür jetzt 500 Euro Strafe bezahlen.

„Ich mache das seit dreißig Jahren, weil mich Plastik am meisten stört, aber es gibt auch Windeln, Kondome, Binden, Rasierklingen... Der See ist voll, und wenn ich nicht weitermachen würde, hätten wir furchtbare Zustände am Strand“, so Fattori auf Facebook. Und das alles macht er umsonst: „Ich habe noch nicht mal um ein Paar Handschuhe gebeten“, sagt er.

Schon ein ganzes vom Sturm angeschwemmtes demoliertes Segelboot hat er mal entdeckt und für dessen Entfernung gesorgt. Der Müllsammler ist überzeugt: „Plastik ist ein umweltschädliches Material, es entsteht Mikroplastik und Nanoplastik, das wir dann trinken, denn ich trinke das Wasser der Gemeinde und viele andere auch.“

„Wenn ich nicht weitermachen würde, hätten wir furchtbare Zustände am Strand“

Enzo erzählt weiter: „Und wenn ich etwas Brauchbares finde, bringe ich es zum Life Help Center.“ Dort werden die weggeworfenen Sachen für einen guten Zweck verkauft. „Wenn ich Regenschirme finde, ordne ich sie neu und verschenke sie.“ Doch am Mittwoch (17. April) hat der Müllsammler einen Strafzettel bekommen, weil er am Feltrinelli-Strand einen verrosteten Kotflügel aufgelesen hatte und ihn die Kommunalpolizei um 10.40 Uhr dabei „in flagranti erwischte“.

Der Hintergrund: Die Gemeinde Desenzano hatte am 25. Januar 2024 eine Verordnung erlassen, die das Sammeln von Gegenständen zwischen den Stränden und im Wasser des Gardasees verbietet. Grund war der Fund von Munition bei der Sanierung des alten Hafens von Desenzano und des Wellenbrechers an der Hafeneinfahrt der Piers. Dabei wurden 23 deutsche 20-Millimeter-Granaten aus dem Zweiten Weltkrieg, eine britische 40-Millimeter-Granate sowie eine italienische 149-Millimeter-Granate aus dem Ersten Weltkrieg zutage befördert.

Bei Bauarbeiten am Gardasee kamen Unmengen Munition an die Oberfläche

Außerdem kamen 610 Schuss Gewehrmunition des Kalibers 7,62 Millimeter an die Oberfläche. Die Geschosse wurden kontrolliert gesprengt. Am Ende beider Weltkriege, die auch am Gardasee tobten, wurde Munition im See „entsorgt“. Auf der Insel Trimelone bei Brenzone lagerten bis vor wenigen Jahren zehntausende Granaten aus dem Ersten Weltkrieg, die Strömung spült immer wieder im Kies verschüttete Munition frei.

Wegen der brisanten Funde hat die Gemeinde beschlossen, das Entfernen und Sammeln von Material im Wasser und an den Stränden zu verbieten, um die Sicherheit der Bürger zu gewährleisten, bis das Gebiet vollständig saniert ist. Die Entscheidung bestraft jedoch Freiwillige wie Enzo, die den See und seine Strände wöchentlich von Müll befreien.

Als sich die Sache mit Strafzettel herumspricht, wühlt es ganz Italien auf: „Jeder wird niedergemacht“

„Eine Strafe von 500 Euro, da fehlen mir die Worte, das ist paradox“, sagt Fattori in dem Video, das sein Freund Rino Polloni auf dem Facebook-Profil „Desenzano different ,Mind‘ pickers of Desenzano del Garda“ veröffentlicht hat. Und Fattori fährt fort: „Diese Verordnung, und ich sage es Ihnen von ganzem Herzen, ändern Sie sie, denn so kann man nichts machen: Man kann kein Papier, kein Glas, kein Plastik mehr sammeln“

Als sich die Sache mit dem Strafzettel herumsprach, bahnte sich eine Welle der Solidarität ihren Weg. Enzos Freunde und viele, die sich für die Umwelt engagieren, erklärten sich solidarisch und boten an, das Bußgeld zu übernehmen. „Alle stehen auf Enzo Fattoris Seite, leider wird jeder, der in dieser Stadt etwas tun will, niedergemacht und verjagt“, schreibt ein User.

Gardasee-Gemeinderat schaltet sich in die Diskussion ein

„Jeder normale Mensch versteht nicht, dass man so mit Menschen umgeht, die etwas tun und sich für ihr Territorium einsetzen wollen“, schreibt eine Frau auf Facebook. Eine andere Person schreibt: „Absurd, lasst uns sofort Geld sammeln.“ Und ein anderer Nutzer fügt hinzu: „Unglaublich, er sollte belohnt werden“.

Auch Gemeinderat Stefano Terzi mischt sich in die Diskussion ein: „Die Einhaltung der Vorschriften ist wichtig, aber ebenso wichtig ist es, dass die Vorschriften angemessen sind, und das gilt auch für die Umsetzung. Denn in Desenzano scheint das Problem der zu sein, der den Müll wegräumt und nicht der, der ihn liegen lässt“. Die Angelegenheit ist zum Tagesthema in ganz Italien geworden: Die italienische Zeitung Corriere della Sera berichtet über Enzos Fall, nachdem die Regionalpresse über ihn berichtet hatte.

Zuletzt hatte der Gardasee wegen vieler Felsstürze für Schlagzeilen gesorgt. Der Radweg rund um den See wird jetzt durch monumentale Tunnels geführt, was für Kritik sorgt. In den vergangenen Monaten hatten sich mehrere Felsstürze entlang der geplanten Route ereignet. Besonders spektakulär war Anfang März der Absturz mehrerer Blöcke an der Stelle, wo die Ponalestraße abzweigt, die der Radweg ebenfalls passieren soll.

Rubriklistenbild: © Facebook/Enzo Fattori

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