Experte im Interview

Stöhr fürchtet „heftigen“ Corona-Winter – Virologe spricht auch über ungewöhnliche Pirola-Symptome

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Die Corona-Varianten Eris und Pirola sind auf dem Vormarsch. Klaus Stöhr erklärt gegenüber IPPEN.MEDIA, was das für die Pandemie und die Impfstrategie bedeutet.

Frankfurt – Zu Beginn der kalten Jahreszeit, nimmt die Anzahl von Atemwegserkrankungen in Deutschland wieder deutlich zu. Auch Corona-Fälle häufen sich wieder, die sich in vielen Fällen auf neue Varianten zurückführen lassen. Wie Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) zeigen, macht der Subtyp Eris (EG.5) 53 Prozent der Infektionen aus – die jüngst entdeckte Pirola-Variante sei in rund zehn Prozent nachgewiesen worden (Stand: 22. November 2023). Zum Vergleich: In der Vorwoche waren es noch sieben Prozent. Verbreitet sich Pirola also stetig in Deutschland?

Corona-Experte Stöhr im Interview: Sind die neuen Pirola-Symptome besorgniserregend?

Für den Epidemiologen und Virologen Klaus Stöhr ist die Debatte um Corona-Varianten aus medizinischer Perspektive von geringer Bedeutung, da die Impfstoffe weiterhin gegen schwere Krankheitsverläufe schützen. In Deutschland zirkulieren Dutzende von Varianten, so Stöhr gegenüber IPPEN.MEDIA. Bei den Krankheitsverläufen gebe es jedoch keine signifikanten Unterschiede: Die meisten Menschen erkranken leicht, nur ein kleiner Prozentsatz erlebe schwere Verläufe. Dies sei bei Sars-CoV-2 sehr ähnlich wie bei anderen endemischen Atemwegserkrankungen.

Ob eine Variante als besorgniserregend eingestuft wird, hängt von einem bestimmten Problem ab, so Stöhr – beispielsweise ob andere Altersgruppen betroffen sind, Impfstoffe nicht mehr wirken, schwere Krankheitsverläufe oder andere Symptome auftreten oder die Variante ansteckender ist als ihre Vorgänger. Bei Pirola sei dies nicht der Fall. Zwar könnten einige Aspekte des klinischen Bildes bei der Corona-Variante etwas anders aussehen und sich unter anderem durch Durchfall und Hautveränderungen äußern. Diese seien jedoch vorübergehend und nicht lebensbedrohlich und bei der Behandlung der Infektion irrelevant.

Klaus Stöhr, Virologe und Epidemiologe, blickt hinsichtlich des Corona-Virus auf den Winter.

Impfmüdigkeit nach Corona in Deutschland riesig: „Größten Kollateralschäden der Pandemie“

„Die respiratorischen Symptome bleiben dominant“, sagte Stöhr. Das bedeutet: Die meisten Symptome betreffen hauptsächlich die Atemwege. Vor allem in Großbritannien gibt es Berichte über ungewöhnliche Symptome der Pirola-Variante. Diese würden sich laut Stöhr auf medizinische Begleituntersuchungen stützen. Grundsätzlich sind Eris und Pirola ähnlich, sagte Virologe Hendrik Streeck der Welt. „Es gibt aber erste Hinweise darauf, dass BA.2.86 womöglich etwas ansteckender ist.“ Für den Chef der Charité, Christian Drosten, ist Pirola derzeit kein Grund zur Sorge. Es gebe keine Hinweise auf schwere Krankheitsverläufe: „Ich kann vorerst Entwarnung geben“, sagte er der Zeit.

Dennoch ist es laut Stöhr wichtig, die Diskussion und Beobachtung von Varianten fortzusetzen, um gegebenenfalls Impfstoffe anzupassen. Auch müsse die Krankheitslast in diesem Winter dringend durch Studien bewertet werden. Denn: Im nächsten Jahr muss die Ständige Impfkommission (Stiko) entscheiden, ob es noch verhältnismäßig ist, Corona-Impfungen für Menschen ab 60 Jahren und Personen mit erhöhtem Infektionsrisiko weiterhin zu empfehlen. „Für besonders gefährdete Gruppen ohne einen entsprechenden Impfschutz kann Corona nach wie vor eine schwere Erkrankung sein“, sagte Markus Beier, der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbands, gegenüber Welt. Auch Stöhr lässt sich impfen, wie er unserer Redaktion mitteilte.

Allerdings scheinen sich immer weniger Menschen impfen zu lassen. Die Impfmüdigkeit in Deutschland und den USA war „noch nie so groß wie jetzt“, sagte Stöhr. „Die Impfraten haben bei wichtigen Kinderimpfungen wie Polio und Masern nachgelassen.“ Dies sei einer der „größten Kollateralschäden der Pandemie“. Wichtige Impfungen seien negativ konnotiert. Dies hätte auch langfristige Auswirkungen auf das Gesundheitssystem.

Corona-Winter in Deutschland: Stöhr über mögliche Infektionswelle

Aber wie wird sich die Corona-Situation in den nächsten Monaten entwickeln? In der 45. Kalenderwoche wurden dem RKI 21.764 Covid-19-Fälle gemeldet, 6114 Fälle wurden im Krankenhaus behandelt. Laut RKI setzt sich damit der Anstieg fort. Zwei Wochen (43. Kalenderwoche) zuvor wurden noch 17.222 Fälle gemeldet und 5325 Personen im Krankenhaus behandelt. Die Dunkelziffer dürfte höher sein. Der Druck auf Krankenhäuser und Intensivstationen sei teilweise extrem, so Stöhr. „Ich glaube, dass es in diesem Winter heftiger sein wird“, beschrieb der Virologe mit Blick auf eine mögliche Sars-Infektionswelle.

Ein Immunstatus wie nach vielen Jahren endemischer Durchseuchung bei anderen Atemwegserregern sei nach drei Jahren Pandemie in Deutschland noch nicht erreicht. Besonders ältere Menschen mit Vorerkrankungen seien gefährdet. Sich angesichts der aktuellen Situation mit einer FFP2-Maske zu schützen, sei laut dem Virologen aber nicht sinnvoll. Auch eine Corona-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Masken in der Pandemie eher unwirksam waren.

„Wer noch nie gehört hat, dass es fünf verschiedene an den Kopf anzupassende FFP2-Markengrößen gibt und auch keine entsprechende Schulung mitgemacht hat, sollte lieber bei der medizinischen Maske bleiben“, stellte Stöhr klar. Wenn eine Maske nicht richtig sitzt, sei der Schutz nicht gegeben. Masken würden zwar in erster Linie vor Infektionen schützen, doch wie erfolgreich das ist, lasse sich nur schwer sagen. Kranke sollten aber auf jeden Fall zu Hause bleiben, um Kontakte zu minimieren, riet der Experte. (kas)

Für diesen von der Redaktion geschriebenen Artikel wurde maschinelle Unterstützung genutzt. Der Artikel wurde vor Veröffentlichung von Redakteurin Alina Schröder sorgfältig überprüft.

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