Coronavirus

Neue Corona-Varianten: Was Fachleute von Eris und Pirola erwarten

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Das Coronavirus wartet zum Herbstbeginn mit neuen Varianten auf, die vermutlich noch leichter übertragbar sind. Was Fachleute dazu sagen.

Frankfurt – Die meisten Menschen werden auch in diesem Herbst und Winter eine Corona-Infektion durchmachen, sagt Sandra Ciesek, Direktorin des Instituts für medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt. Während es für den Großteil nach ein paar Tagen überstanden sein dürfte, werden auch einige schwerer betroffen sein und manche sogar stationär behandelt werden müssen. Stefan Kluge, Direktor der Klinik für Intensivmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, ist gleichwohl überzeugt, dass es keine Situation mehr wie in den ersten Corona-Jahren 2020/21 geben wird. Aktuell befänden sich 182 Patientinnen und Patienten mit positivem Corona-Test auf deutschen Intensivstationen, etwa die Hälfte davon wegen Covid.

Die Corona-Zahlen bewegen sich derzeit insgesamt auf niedrigem Niveau, wenngleich mit Tendenz nach oben. Im letzten Wochenbericht meldete das Robert Koch-Institut 4760 Infektionen bundesweit, wobei die Dunkelziffer groß sein dürfte, da kaum noch getestet wird. Daten aus dem – in Deutschland nicht so weit wie andernorts fortgeschrittenen – Abwassermonitoring weisen auf höhere und steigende Infektionszahlen hin.

Corona-Infektionen verschärfen Personalmangel an deutschen Kliniken

Mehr Sorge als das Infektionsgeschehen bereitet Intensivmediziner Kluge der Personalmangel an deutschen Kliniken, vor allem im Bereich der Pflege. Rund 25 Prozent der Intensivbetten könnten deshalb nicht genutzt werden. Engpässe erwartet Leif Erik Sander, Direktor der Abteilung Infektiologie an der Berliner Charité, zudem in den Notaufnahmen und in der Pädiatrie. Vor allem in vielen Kinderstationen und -kliniken war es im vergangenen Winter wegen Atemwegsinfekten durch Erreger wie RSV und Influenzaviren zu einer teilweise extremen Überlastung gekommen.

Was Corona angeht, so wirken die meisten Fachleute bislang nicht übermäßig besorgt – auch wenn neue Varianten unterwegs sind, die noch leichter übertragbar sind als ihre ebenfalls bereits sehr ansteckenden Vorgängerinnen. Hinweise, dass diese Viren – allesamt Mitglieder der Omikron-Familie – krankmachender sind, gebe es aber nicht, sagt Sandra Ciesek. „So lange es Omikron bleibt, bin ich entspannt“.

In der kalten Jahreszeit ist wieder mit einem Anstieg der Infektionszahlen zu rechnen – nicht nur bei Corona, sondern auch anderen Atemwegsinfekten.

Corona-Varianten Eris und Pirola

Das besondere Augenmerk gilt derzeit zwei Varianten: EG.5, auch Eris genannt, und Pirola, wissenschaftliche Bezeichnung BA.2.86. Während Eris von der im Frühjahr und Sommer dominierenden Omikron-Subvariante XBB.1.5 abstammt, ist Pirola eine Nachfahrin der schon etwas älteren Variante BA.2. Aktuell gehen die meisten Infektionen auf das Konto von Eris. Pirola wurde in Deutschland bislang nicht nachgewiesen, was aber laut Sandra Ciesek nicht viel besagt, da wenig getestet und noch weniger sequenziert wird. Ihre Einschätzung lautet deshalb: „Wahrscheinlich ist die Variante schon hier.“

Das Besondere an Pirola ist die große Zahl der genetischen Veränderungen: Laut der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde Centers of Disease Control and Prevention (CDC) unterscheidet sie sich mit 35 Mutationen von der zuletzt vorherrschenden Variante XBB.1.5. Dieser genetische Sprung entspreche in etwa dem Unterschied zwischen der ursprünglichen Omikron- und der vorherigen Delta-Variante.

In einer ersten Risikobewertung schreiben die CDC, dass „bestehende Tests, Behandlungen und aktualisierte Impfstoffe wahrscheinlich immer noch wirksam sein werden“, aber die Variante „möglicherweise eher in der Lage ist, Infektionen bei Menschen zu verursachen, die zuvor infiziert waren oder geimpft sind.“ Noch sei es zu früh, um zu wissen, ob BA.2.86 eine schwerere Krankheit verursache oder übertragbarer sei als andere Varianten.

Angepasste Corona-Impfstoffe zielen auf Variante XBB.1.5

Die angepassten Impfstoffe zielen auf die Variante XBB.1.5, deren Verbreitung laut CDC Ende August weltweit auf zehn Prozent zurückgegangen ist. Während im vergangenen Jahr noch bivalente Vakzine auf den Markt kamen, die auch Antigene des ursprünglichen Wuhan-Typs von Sars-CoV-2 enthielten, wird mit dem Booster in dieser Saison nur noch die genetische Information für die XBB.1.5-Variante verabreicht.

Doch wer soll sich überhaupt eine Auffrischungsimpfung geben lassen? Empfohlen werde sie für über 60-Jährige, für Menschen, die Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems einnehmen oder aus anderen Gründen ein geschwächtes Abwehrsystem haben, für schwer Lungenkranke, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen sowie für Kinder mit Risikofaktoren, sagt Leif Erik Sander.

Corona-Impfung mit Comirnaty XBB.1.5

Bezahlt wird dabei von der Bundesregierung laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP nur noch eine Boosterimpfung mit Comirnaty XBB.1.5, dem angepassten mRNA-Vakzin von Biontech/Pfizer. Die Kosten für den mRNA-Booster von Moderna oder den Proteinimpfstoff von Novavax würden demnach nicht übernommen.

So lange es Omikron bleibt, bin ich entspannt.

Sandra Ciesek

Verträge der EU mit Biontech/Pfizer verpflichteten Deutschland, „in diesem Jahr 17,5 Millionen und in den zwei Folgejahren je 15 Millionen Impfdosen in Mehrfachdosenbehältern abzunehmen“, sagte der Chef des Apothekerverbands Nordrhein, Thomas Preis, der „Rheinischen Post“. Preis erwartet, dass die fehlende Wahlmöglichkeit (es sei denn, man zahlt selbst) zu Diskussionen in Apotheken und Arztpraxen führen werde.

Corona-Impfung wird nur in Fläschchen mit sechs Dosen ausgeliefert

Der Deutsche Hausärzteverband befürchtet zudem erheblichen Aufwand, weil Comirnaty XBB1.5 bislang nur in Fläschchen mit sechs Dosen ausgeliefert wird. Ist ein Fläschchen einmal angebrochen, müssen die restlichen Dosen bald verabreicht werden. Da die Nachfrage jedoch stark gesunken ist, könnte es schwierig werden, zeitnah weitere Impflinge zu finden. Biontech teilte inzwischen auf Anfrage der dpa mit, es liefen Vorbereitungen für die Einführung von Einzeldosen in verschiedenen Märkten, unter anderem den USA.

Leif Erik Sander rät, neben Corona auch die Grippe nicht zu vergessen und sich dagegen impfen zu lassen, beide Impfungen könne man sich gleichzeitig geben lassen. Das könne auch vor schweren gesundheitlichen Folgen einer Infektion schützen, wobei der Mediziner nicht nur auf Long Covid anspielt. So wisse man etwa, dass bis zu zwölf Monate nach einer Influenza Herzinfarkte und Schlaganfälle gehäuft auftreten würden.

Eine erneute Maskenpflicht befürworten Fachleute derzeit nicht. Der nahezu einhellig geäußerte Rat lautet, sich in der kalten Jahreszeit eigenverantwortlich zu schützen – zum Beispiel, wenn man in der Erkältungssaison mit schniefenden Menschen in Bus oder Bahn unterwegs ist. (pam)

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