Permafrost schmilzt

Felsstürze, Lawinen, Erdrutsche: Experten warnen vor Entwicklung in den Alpen

  • schließen

Die Ostertage waren durch Extremwetterereignisse in den Alpen geprägt. Experten sagen voraus, dass diese in Zukunft weitaus öfter auftreten werden.

München – Erdrutsche, Felsstürze und Lawinen haben in den vergangenen Tagen zu zahlreichen Großeinsätzen in Österreich, Italien und der Schweiz geführt. Teils wurden riesige Felsbrocken auf die Autobahnen geschleudert und Bäume krachten auf die Fahrbahnen. Jetzt warnen Experten, dass dies der Anfang eines neuen Zeitalters in Europa sein könnte.

Der Geograf und Alpenforscher Prof. Dr. Werner Bätzing erklärte im Gespräch mit der Bild am Dienstag (2. April): „Früher haben Menschen die Alpen stabilisiert. Heute zerstören wir sie.“ Der Klimawandel habe zur Folge, dass im Winter häufiger Schnee statt Regen fällt. Außerdem tauen im Sommer mehr Gletscher und Permafrost als gewöhnlich. „Der Permafrost hält Gesteine wie eine Klebemasse zusammen. Wenn er taut, führt das zu vielen Erdrutschen und Bergstürzen“, so Bätzing.

Alpen von zahlreichen Felsstürzen betroffen – müssen wir uns auf ein neues Europa einstellen?

Boris Biskaborn vom Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung erklärt in einem Artikel des Alfred-Wegener-Instituts, warum das Verschwinden dieses wichtigen „Klebers“ neben Starkwetterereignissen in der betroffenen Region noch andere Folgen hat. Durch das Schmelzen des Permafrosts werden große Mengen Treibhausgas in die Atmosphäre getrieben, wodurch auf globale Sicht die Erderwärmung verstärkt wird. „Tauender Dauerfrostboden hat somit nicht nur lokale Auswirkungen, sondern betrifft das Klima und so auch Menschen weltweit.“

Ein tonnenschwerer Fels ist im März auf die Gardesana-Uferstraße am Gardasee gestürzt.

Was ist Permafrost?

„Von Permafrost oder Dauerfrostboden sprechen Forscher, sobald die Temperatur des Bodens in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Jahren unter null Grad Celsius liegt. Der Untergrund kann dabei aus Gestein, Sedimenten oder Erde bestehen und unterschiedlich große Eismengen enthalten.“ Quelle: Alfred-Wegener-Institut

Dabei ist es wichtig zu erwähnen, dass Felsstürze auch ein natürliches Phänomen sein können. Der Deutsche Alpenverein betont auf seiner Website, dass „viele kleine und große Felsbewegungen [grundsätzlich] eine normale Erscheinung in den Bergen“ und Teil eines natürlichen Verwitterungsprozesses sind. Der Berg Hochvogel im Allgäu werde zum Beispiel seit Jahren überwacht, da sich immer größere Spalten im Gipfelbereich bilden. Es bestehe die Gefahr, dass der Berg eines Tages auseinander bricht. Aber: „Was in den jüngsten Jahren anders ist: Immer öfter kommt es zu Felsstürzen in Hochgebirgslagen, von denen man dies bisher in dieser Art nicht kannte“, schreibt der Deutsche Alpenverein weiter.

Weniger Skifahren, weniger Wandern: Experte warnt vor mehr Extremwetterereignissen in den Alpen

Viele Alpenregionen in Europa müssen sich darauf einstellen, dass Vorfälle wie Felsstürze oder Erdrutsche in Zukunft zunehmen. „In der Zeit von 1905 bis 1987 gab es eine Katastrophenlücke im Alpenraum. Doch seitdem hatten wir bspw. zwei Jahrhundertstürme innerhalb weniger Jahre. Je wärmer das Klima wird, desto häufiger und heftiger werden solche Jahrhundertereignisse“, sagte Bätzing der Bild. Der Alpenforscher fordert deshalb, Vorbereitungen zu treffen. Es müssten neue technische Vorkehrungen getroffen werden, um die Infrastruktur vor Extremwetterereignissen zu schützen.

Auch im Allgäu droht ein Felssturz: Der Gipfel des 2592 Meter hohen Hochvogels bricht zusehends auseinander, in dem Fall aber aus natürlichen Gründen.

Neben der Infrastruktur könnten in Zukunft auch andere Bereiche des Lebens und Tourismus eingeschränkt werden. Bätzing glaubt, dass unter anderem Skifahren seltener und noch teurer werden wird. Auch mehr und mehr Wanderwege könnten mit zunehmenden Ereignissen instabil und möglicherweise geschlossen werden. Wenn sich häufiger Felsstürze auf Autobahnen und Landstraßen, wie zuletzt im Schweizer Engadin, ereignen, bedeute das in Zukunft außerdem hohe Kosten für Reparaturen und zunehmende Probleme im Verkehr durch die Alpen. (nz)

Rubriklistenbild: © Comune di Toscolano Maderno

Kommentare