Messdaten zeigen Ausmaß

Gigantischer Felssturz in Tirol: Eine Million Kubikmeter brechen vom Fluchthorn ab

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19 Meter ist der Gipfel jetzt niedriger: Eine Million Kubikmeter an Gestein sind vom Fluchthorn abgebrochen. Neue Daten zeigen das Ausmaß des Felssturzes.

Galtür – In der Gemeinde Galtür oberhalb der Jamtalhütte lösten sich am Sonntag (12. Juni) riesige Felsbrocken und stürzen hunderte Meter ins Tal. Nach Polizei-Informationen gibt es keine Verletzten. Anders als bei dem Felssturz in der Schweiz, bei dem nur knapp ein Dorf verfehlt wurde, befindet sich unterhalb des Fluchthorns abgesehen von Wanderwegen keine Infrastruktur.

Eine Million Kubikmeter an Gestein samt Gipfelkreuz seien vom Alpen-Massiv abgebrochen, berichtete das regionale Onlinemagazin Dolomitenstadt. Das entspreche der Ladung von rund 120.000 Lkw, sagte Landesgeologe Werner Thöny gegenüber dem Magazin. Der Südgipfel des Fluchthorns ist jetzt – statt wie ursprünglich 3.399 – nur noch 3.380 Meter hoch.

Felssturz in Tirol: Eine Million Kubikmeter brechen vom Fluchthorn ab

Nach dem Ereignis untersuchten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das Gebiet. „Mit einem Laserscanner, der an einem Hubschrauber befestigt wurde, konnten hochgenaue Daten der Oberfläche des Abbruchgebietes und der unmittelbaren Umgebung gesammelt werden“, schilderte Maria Attwenger von der Abteilung Geoinformationen vom Land Tirol. Anhand der Messdaten ließe sich nun das Ausmaß des Felssturzes abbilden. Nahezu der gesamte Gipfelbereich ist abgebrochen.

Dieses vom Land Tirol zur Verfügung gestellte Handout zeigt einen Blick auf einen Bereich des Fluchthorns, nachdem sich Gesteinsmassen gelöst und bergab gerutscht sind.

Man will die Bereiche rund um den Felssturz weiter beobachten, so Thöny gegenüber Dolomitenstadt. „Die Messergebnisse bieten eine genaue und fundierte Grundlage, um das Ereignis auch wissenschaftlich aufzuarbeiten.“ Nach dem Felssturz wurden einige Wanderrouten um das Fluchthorn geschlossen. Thöny zufolge soll geprüft werden, inwieweit diese im Gebiet verlegt werden können.

Gigantischer Felssturz in Tirol durch Permafrost ausgelöst

Ausgelöst wurde der Felssturz in Tirol aller Voraussicht nach durch das schwindende Permafrost-Eis im Gestein. „Das Eis schmilzt wegen der stattfindenden Klimaerwärmung, und das sorgt eben dafür, dass die Berge bröckeln“, erklärte Landesgeologe Thomas Figl. „Das Eis ist der Klebstoff der Berge, und dieser Klebstoff geht jetzt schön langsam verloren.“

Die Gletscher schmelzen – So verändert der Klimawandel die Erde

Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben.
Die Erde erwärmt sich, die Gletscher schmelzen. Links zu sehen ist der Okjökull-Gletscher auf dem Gipfel des Vulkans Ok auf Island im September 1986. Im August 2019 (rechtes Bild) ist von dem einstigen Gletscher nur noch ein kleiner Eisfleck übrig geblieben. © dpa/NASA/AP
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer.
„Zieht die Notbremse“ steht auf dem Schild, das ein Mädchen in Island trägt. Sie ist unterwegs zu einer Gedenkveranstaltung für den früheren Gletscher Okjökull. Forschende zeigen immer wieder, dass die Zeit drängt: Die Eismassen der Erde schmelzen immer schneller, der Meeresspiegel steigt und die Ozeane werden warm und sauer. © Felipe Dana/dpa
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen.
Wichtige Gletscherteile des Titlisgletschers werden vor dem Sommer 2018 mit Vlies bedeckt, um sie in den warmen Sommermonaten vor dem Schmelzen zu schützen. Rund 6000 Quadratmeter Vlies sollen bis zum Herbst die Eishöhe von bis zu anderthalb Metern schützen. © Urs Flueeler/dpa
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen.
Der Nevado Huascarán ist mit 6768 Metern der höchste Berg Perus. Das Eis am Gipfel des Bergs ist tausend Jahre alt und soll Forschenden Informationen rund um den Klimawandel liefern. Bei einer Expedition im Jahr 2019 wurden Eisproben entnommen. © Oscar Vilca/INAIGEM/afp
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden.
Auch der Rhonegletscher, der älteste Gletscher der Alpen, wird durch spezielle Decken vor dem Schmelzen geschützt. So soll verhindert werden, dass die Gletscher in den Alpen verschwinden. © Urs Flueeler/dpa
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination.
Ein Eisberg schwimmt im Juni 2019 durch die Bonavista Bay in Neufundland. Wasser von Eisbergen gilt als „rein“ und wird für bestimmte Produkte vermarktet – unter anderem für Wodka, Likör, Bier und Kosmetik. Gleichzeitig schmilzt das Eis dieser Erde immer schneller – eine schlechte Kombination. © Johannes Eisele/afp
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser.
Ein Eisberg an der südöstlichen Küste Grönlands kalbt: Eine große Eismasse bricht vom Apusiajik-Gletscher ab und stürzt ins Wasser. © Jonathan Nackstrand/afp
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt.
Der Aletsch-Gletscher ist der größte Gletscher in den Alpen. Wenn nichts getan wird, um den Klimawandel aufzuhalten, könnte er bis zum Ende des Jahrhunderts komplett verschwinden, hat eine Studie im Jahr 2019 gezeigt. © Fabrice Coffrini/afp
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien.
Das Foto stammt aus dem Jahr 2007, doch an der Situation hat sich seitdem nicht viel geändert: Die massiven Gletscher Tibets leiden unter dem Klimawandel und schmelzen. In den vergangenen Jahrzehnten sei das Eis in dieser Region zehnmal schneller geschmolzen als in den Jahrhunderten davor, heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2019. Seit der letzten kleinen Eiszeit seien zwischen 400 und 600 Kubikkilometer Eis verschwunden – das entspricht dem gesamten Eisvolumen der europäischen Alpen, des Kaukasus und von Skandinavien. © Peter Parks/afp
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten.
Der Gletscher Nr. 12 im Laohugou-Tal im westlichen Teil des Qilian-Gebirges in der nordwestchinesischen Provinz Gansu ist der längste Gletscher im Qilian-Gebirge. Da er aufgrund des Klimawandels schrumpft, sind Ausflüge zu dem Gletscher verboten. © imago/Xinhua
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.
Im Sommer 2010 ist vom Petermann-Gletscher vor der Nordwestküste Grönlands ein gewaltiger Eisbrocken abgebrochen. Das Bruchstück hat etwa zweieinhalb Mal die Fläche der Insel Sylt, mit dem Wasser, aus dem der Eisbrocken besteht, könnte der gesamte Wasserverbrauch der USA für vier Monate gestillt werden.  © NASA Earth Observatory/Jesse Allen und Robert Simmon/United States Geological Survey/dpa
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen.
Während seiner Zeit als Bundesaußenminister besucht Heiko Maas (l., SPD) Gletscher bei Pond Inlet in der kanadischen Arktis. Die Erderwärmung ist in dieser Region zwei bis drei Mal so stark wie in anderen Weltregionen. © Kay Nietfeld/dpa

Zwar nehme die Gefahr von Bergstürzen angesichts des Klimawandels zu. Erst kürzlich stürzte die Dolomiten-Spitze Nadel L‘Omo ins Tal. Grund zur Panik gebe es aber nicht. „Viele der sich entwickelnden Hotspots in den Alpen sind bekannt und werden gemanagt“, sagte der Glaziologe Jan Beutel von der Universität Innsbruck der dpa. Behörden würden rechtzeitig warnen oder Wege sperren. „Ein Restrisiko bleibt aber“, räumte der Forscher und Bergführer ein. Felsstürze wie auf dem Fluchthorn-Massiv blieben dennoch extrem selten.

Mit Klimawandel nimmt Bergsturz-Gefahr zu: Wanderrouten nicht mehr begehbar

Der tauende Permafrost betreffe vor allem Bergtouren in höheren Lagen ab 2500 bis 3000 Meter, erklärte der Deutsche Alpenverein in München. Deshalb könnten im Hochsommer bestimmte Wanderungen nicht mehr gemacht werden. Angesichts des Klimawandels seien andere Routen überhaupt nicht mehr begehbar, etwa weil eine Eiswand nicht mehr verreist sei.

Von Permafrost spricht man, wenn die Temperatur des Bodens in mindestens zwei aufeinanderfolgenden Jahren unter null Grad Celsius liegt, informierte das Alfred-Wegner-Institut. Wenn es taut, kann darüber liegendes Wasser versickern, der Boden wird instabil und die Gefahr für Erdrutsche sowie Steinschläge steigt. (kas/dpa)

Rubriklistenbild: © Land Tirol/dpa

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