VonPia Seitlerschließen
Winfried Kretschmann findet es nicht nötig, dass Schüler eine zweite Fremdsprache lernen. Was dann verloren gehen würde, erklärt eine Linguistin.
Der ehemalige Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger hat einen Vorschlag des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann scharf kritisiert. Kretschmann will die zweite verpflichtende Fremdsprache in der Schule abschaffen und stattdessen ein Schulfach namens „digitale Medienkompetenz“ einführen.
Bei einem medienpolitischen Kongress in Stuttgart Mitte November sagte Kretschmann, das Beherrschen von Fremdsprachen sei heute nicht mehr nötig: „Ich stecke mir einen Knopf ins Ohr und mein Telefon übersetzt – egal ob mein Gegenüber Spanisch, Polnisch oder Kisuaheli spricht“. Bereits im vergangenen Jahr hatte der ehemalige Gymnasiallehrer betont, dass Technik das Erlernen einer zweiten Fremdsprache ersetzen könnte.
„Die von Herrn Kretschmann wiederholt geäußerte Ansicht, die zweite Fremdsprache an Gymnasien sei in Zeiten von KI verzichtbar, hat mich entsetzt“, sagt Meidinger BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA. Kretschmann unterschätze den Bildungswert von Fremdsprachen trotz der technischen Fortschritte gewaltig.
Lernen einer Fremdsprache in der Schule fördert wichtige Fähigkeiten
Beim Fremdsprachenlernen in der Schule lernten Schülerinnen und Schüler etwas über die andere Kultur, Literatur und Traditionen. „In jeder Sprache steckt eine andere Sicht der Welt, die man nur erfahren kann, wenn man die Sprache selbst beherrscht. Sprachenlernen ermöglicht Empathie“, sagt Meidinger BuzzFeed News Deutschland.
Die Linguistin und Expertin bei der Sprachlernplattform Babbel Maren Pauli bestätigt Meidingers Ansicht: „Wer mehrere Sprachen spricht, erhält Zugang zu neuen Perspektiven und Kulturen. Das fördert nicht nur Empathie, sondern auch ein Verständnis dafür, wie andere denken“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland. Sprache präge unser Denken, das merke man zum Beispiel daran, dass es im Spanischen kein Wort für „fremdschämen“ gebe. „Das Lernen einer neuen Sprache trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen und bereitet junge Menschen auf eine globalisierte Welt vor“, sagt Pauli.
Wenn Kinder keine emotionalen Kompetenzen wie Empathie lernen, kann das „weitreichende Folgen“ haben, sagt Erziehungswissenschaftlerin Hannah Ulferts BuzzFeed News Deutschland. Als Erwachsene könnten sie „ein Leben lang schlechte Leistungen, auch im Job“ haben. Allein im Bewerbungsgespräch sei es notwendig, Durchsetzungskraft, Überzeugungsfähigkeit und Empathie zu besitzen.
Fremdsprachen-Unterricht an Schulen hat sich laut Lehrerverbandsehrenpräsident „total gewandelt“
Meidinger hält den Verzicht auf eine zweite Fremdsprache für „fatal“. In der heutigen Welt sei es „wahnsinnig wichtig“, dass die Beherrschung von Fremdsprachen Brücken zwischen Ländern und Kulturen baue. Zwar sei der Fremdsprachenunterricht zu Zeiten, als er und Kretschmann Schüler waren, sehr oft trocken und grammatiklastig gewesen, doch das habe sich „total gewandelt“. Dazu komme, dass Schulpartnerschaften und Austauschprogramme den Mehrwert des Fremdlernens erfahrbar machen würden.
Und was ist mit der digitalen Medienkompetenz, für die die zweite Fremdsprache im Stundenplan Platz machen soll? Meidinger plädiert dafür, dass „die Vermittlung von Medienkompetenz eine Gemeinschaftsaufgabe aller Fächer ist, die man nicht in ein neues Fach auslagern kann“.
Rubriklistenbild: © Marijan Murat/dpa

