Frankreich

Proteste bei Paris: Mutter von Nahel (†17) geht von rassistisch motivierter Tat aus – „wollte ihm das Leben nehmen“

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    Moritz Bletzinger
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Bei einer Verkehrskontrolle wird ein 17-Jähriger aus nächster Nähe erschossen. Auch in der Nacht zum Freitag kam es wieder zu gewaltsamen Ausschreitungen. Der News-Ticker.

Update vom 30. Juni, 07.14 Uhr: In der Nacht von Donnerstag auf Freitag kam es in Frankreich erneut zu gewaltsamen Ausschreitungen. Aus mehreren Städten wurden Proteste, Plünderungen und Feuer gemeldet. Zuvor wurden landesweit rund 40.000 Polizisten und Gendarme zur Eindämmung der Gewalt mobilisiert, berichten die Zeitung Le Parisien und der Sender BFMTV. Bisher wurden mindestens 420 Menschen festgenommen, so wurde es aus dem Umfeld von Innenminister Gérald Darmanin, bekannt.

Nachdem es auch zu Angriffen auf den öffentlichen Personennahverkehr gekommen war, legten Beschäftigte der Verkehrsbetriebe in Grenoble ihre Arbeit nieder. Auch in Paris galt ab Donnerstagabend um 21.00 Uhr eine Einstellung des Bus- und Straßenbahnverkehrs. Die Stadt Clamart, östlich von Paris, verhängte dahingegen eine nächtliche Ausgangssperre. Diese soll von Donnerstagabend bis Montagmorgen von jeweils 21.00 Uhr bis 6.00 Uhr gelten.

Auch in der Nacht von Donnerstag auf Freitag gehen die Proteste auf den Straßen Frankreichs in eine neue Runde.

Unterdessen gab die Mutter des Opfers ihr erstes Medieninterview im Sender France 5. Sie gehe von einer rassistisch motivierten Tat aus. Der Polizist habe „das Gesicht eines Arabers gesehen, einen kleinen Bengel, und wollte ihm das Leben nehmen“, sagte sie. Trotzdem mache sie nicht die ganze Polizei für den Tod ihres Sohnes verantwortlich. „Ich gebe nicht der Polizei die Schuld, ich gebe einer Person die Schuld“, erklärte sie. Der Polizist befindet sich aktuell in Untersuchungshaft – er wird der „vorsätzlichen Tötung beschuldigt“, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte.

Mittlerweile weiten sich die Proteste auf das Nachbarland Belgien aus. In der Hauptstadt Brüssel kam es ebenfalls zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und Ordnungskräften. 30 Menschen, vornehmlich Minderjährige, wurden festgenommen.

Proteste in Frankreich: Video zeigt, wie Einsatzkräfte auf Menge zustürmen

Update vom 29. Juni, 16.38 Uhr: Wieder steigt dichter, schwarzer Rauch über Nanterre auf. Protestierende liefern sich erneut Gefechte mit der Polizei. Ein Video zeigt, wie Einsatzkräfte geschlossen auf die Menge zustürmen. Frankreich erwartet die nächste unruhige Nacht.

„Hört auf mit eurem Blödsinn!“: Oma von Nahel (†17) stoppt Protestierende auf den Straßen bei Paris

Update vom 29. Juni, 15.12 Uhr: „Arrêtez vos conneries là!“, „Hört auf mit eurem Blödsinn“, ruft die Großmutter von Nahel M., der am Dienstag von einem Polizisten erschossen wurde. Seine Oma läuft jetzt durch die brennenden Straßen von Nanterre und stoppt die Protestierenden, auf die sie trifft. Die Bild hat sie dabei gefilmt.

„Wir wollen Frieden, die Justiz macht ihre Arbeit“, appelliert sie – ohne Erfolg. Rund um Paris toben seit Dienstagabend Unruhen und sogar in entfernten Städten wie Nizza und Bordeaux kam es zu Krawallen.

Nahels Großmutter will das nicht. Zur Bild sagt sie: „Ich will, dass wir Gerechtigkeit erhalten und ich zähle auf die Regierung, dass sie das Nötige dafür tut.“ Ihre Familie ist beliebt in Nanterre, das zeigen die Krawalle und die große Anteilnahme beim Trauermarsch am Mittwochnachmittag. Menschen säumten die Straßen des Pariser Vororts, eineinhalb Kilometer lang soll der Zug gewesen sein, schreibt die Zeitung LeFigaro. T-Shirts werden verteilt.

Mit dabei: Nahels Mutter, die auf einem Wagen mitfuhr. Teilnehmer sagten LeFigaro: „Wir bitten alle, die Prozession friedlich über die Bühne zu bekommen, für Nahel und für seine Mutter. Wir werden ihnen zeigen, dass wir keine Wilden sind, dass sie uns einen Sohn, einen Freund, einen Nachbarn gestohlen haben.“

„Gerechtigkeit für Nahel“, steht auf dem T-Shirt, das seine Mutter trägt: Sie fährt auf einem Wagen beim Trauermarsch mit.

„Er war mein Kumpel, letzte Woche habe iich ihm gesagt, wir sehen uns bald, aber die Bullen haben sich wie ein Kaninchen auf ihn gestürzt“, sagt ein Demonstrant. „Was ihm passiert ist, hätte jedem von uns passieren können“, ein anderer.

Eine Frau erklärt: „Die Menschen werden hier zerstört. Ich war in der Arbeit und bin zum Marsch gekommen, weil ich es nicht geschafft habe, zu arbeiten.“ Merklich bewegt schildert eine andere: „Jeder hat gesehen, dass er ein Kind war, er starb wie ein Hund.“

„Rechtliche Voraussetzungen für Waffeneinsatz nicht erfüllt“: Staatsanwalt über Todesschuss von Nanterre

Update vom 29. Juni, 12.05 Uhr: „Die rechtlichen Voraussetzungen für den Einsatz der Waffe sind nicht erfüllt“, sagte die Staatsanwaltschaft Nanterre bei einer Pressekonferenz. Der Polizist habe bei seiner Anhörung erklärt, er habe eine „erneute Flucht“ des Jugendlichen verhindern wollen. Das Verhalten des 17-jährigen Fahrers habe ihm Angst gemacht. Der Polizist fürchtete, so sagte er, dass der Minderjährige mit dem Auto Menschen verletzt.

Nach derzeitigem Kenntnisstand reicht diese Begründung nicht aus, ordnete die Staatsanwaltschaft ein. Der Polizist werde nun wegen des Vorwurfs der vorsätzlichen Tötung vor zwei Ermittlungsrichter gestellt.

Die Krawalle rund um Paris gehen nach den tödlichen Schüssen bei Paris weiter.

Update vom 29. Juni, 10.05 Uhr: Nach dem tödlichen Schuss eines Polizisten auf einen 17-Jährigen in Nanterre kursiert in den sozialen Netzwerken ein Video, das den mutmaßlichen Rettungssanitäter zeigen soll, der den Jungen am Dienstag noch notversorgte. Trotz Wiederbelebungsversuchen war Nahel M. durch die Schusswunde in der Brust gestorben.

In den Aufnahmen ist der Mann zu sehen, der sichtbar aufgebracht auf mehrere Polizistinnen und Polizisten einredet und mehrfach mit der Hand auf sie zeigt. „Es ist ein Kind. Jeder sieht, dass es ein Kind ist“, übersetzt eine österreichische Journalistin einen Teil der wütenden Ausrufe des Mannes in einem Kommentar unter dem Video. Die Polizeibeamten hören dem Ausbruch schweigend zu.

Der tödliche Schuss, den ein Polizist dem 17-Jährigen bei einer Verkehrskontrolle zufügte, sorgt landesweit für Wut und Kritik am Verhalten der Sicherheitskräfte. Viele Menschen prangern den Vorfall Jungen als weiteres Beispiel maßlos überzogener Polizeigewalt an. Vor allem in den Pariser Vororten kam es deshalb in der Nacht zu Donnerstag wieder zu schweren Ausschreitungen, die 150 Festnahmen zur Folge hatten.

Die Krawalle rund um Paris gehen nach den tödlichen Schüssen bei Paris weiter.

Dies gab der französische Innenminister Gérald Darmanin am Donnerstag im Onlinedienst Twitter bekannt und sprach in dem Zusammenhang von einer „Nacht der unerträglichen Gewalt gegen Symbole der Republik“. „Rathäuser, Schulen und Polizeistationen“ seien „in Brand gesetzt oder angegriffen worden“.

Krawalle bei Paris nach tödlichem Polizeischuss auf 17-Jährigen – Grundschule brennt

Update vom 29. Juni, 6.24 Uhr: Nach dem tödlichen Polizeischuss auf einen 17-Jährigen gehen die gewaltsamen Proteste bei Paris weiter. In Nanterre, einem Vorort der französischen Hauptstadt, wurden in der Nacht zum Donnerstag (29. Juni) mindestens drei Autos sowie Mülleimer angezündet, zudem errichteten die Demonstranten Straßenbarrieren. Auf Häuserfassaden schrieben sie „Gerechtigkeit für Nahel“ und „Polizei tötet“. Auch in Lille, Nantes, Toulouse und Lyon versammelten sich Menschen, um zu protestieren, berichteten die Zeitung Le Figaro und der Sender BFMTV.

Allein in Nanterre wurden 2000 Beamte mobilisiert, die erneute Krawalle verhindern sollten. Die Polizei setzte auch Drohnen ein. Mindestens 77 Menschen seien bei den Protesten in der vergangenen Nacht festgenommen worden, eine Grundschule ging in Flammen auf. Auch die Haftanstalt in Fresnes bei Paris wurde mit Feuerwerkskörpern angegriffen. Die Pariser Feuerwehr rief die Bevölkerung auf, den Notruf angesichts der Lage nur in dringenden Fällen zu nutzen.

Im südfranzösischen Nizza wurden zwei Polizeiwachen und Streifenwagen mit explodierenden Feuerwerkskörpern angegriffen. Demonstranten errichteten Barrikaden und legten Feuer. In Mons-en-Baroeul bei Lille in Nordfrankreich griffen vermummte Protestler ein Bürgermeisteramt an, im nahen Roubaix wurde eine Polizeiwache attackiert.

Polizist erschießt 17-Jährigen – dann brennen in Frankreich die Vororte

Die gewaltsamen Revolten in Frankreich weiten sich aus. Nach dem Tod eines Jugendlichen in Nanterre lautet der Vorwurf: Polizeigewalt
Nach dem tödlichen Schuss eines Polizisten auf einen 17-Jährigen: Im Großraum Paris und zahlreichen weiteren französischen Städten kommt es zur Randale, wie hier in Nanterre. © Christophe Ena/AP/dpa
Fahrzeuge und Mülltonnen stehen in Flammen.
Ein Auto steht in Nanterre in Flammen. © Zakaria Abdelkafi/AFP
„Eine Nacht unerträglicher Gewalt gegen Symbole der Republik“ beklagte Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin.
„Eine Nacht unerträglicher Gewalt gegen Symbole der Republik“ beklagte Frankreichs Innenminister Gérald Darmanin. © Geoffroy van der Hasselt/AFP
Der Polizist, der den tödlichen Schuss abgefeuert hatte, befand sich zunächst in Polizeigewahrsam. Gegen ihn wird wegen Totschlagsverdacht ermittelt.
Der Polizist, der den tödlichen Schuss abgefeuert hatte, befand sich zunächst in Polizeigewahrsam. Gegen ihn wird wegen Totschlagsverdacht ermittelt. © Florian Poitout/ABACA/Imago
E.in Anwohner in Nanterre filmt die Krawalle mit seinem Smartphone.
E.in Anwohner in Nanterre filmt die Krawalle mit seinem Smartphone. © Geoffroy van der Hasselt/AFP
Staatschef Emmanuel Macron nannte den Tod des 17-Jährigen „unverzeihlich“, rief aber zugleich zur Ruhe auf.
Staatschef Emmanuel Macron nannte den Tod des 17-Jährigen „unverzeihlich“, rief aber zugleich zur Ruhe auf. © Lionel Bonaventure/AFP
Ausgebrannte Autos in Neuilly-sur-Marne nach den nächtlichen Krawallen.
Ausgebrannte Autos in Neuilly-sur-Marne nach den nächtlichen Krawallen. © Bertrand Guay/AFP
Polizeigewerkschaften und die Rechtspopulistin Marine Le Pen hingegen prangerten eine Vorverurteilung der Polizei an.
Polizeigewerkschaften und die Rechtspopulistin Marine Le Pen hingegen prangerten eine Vorverurteilung der Polizei an. © Florian Poitout/ABACA/Imago
Im Pariser Vorort Nanterre soll am 29. Juni ein Trauermarsch für den Jugendlichen stattfinden.
Im Pariser Vorort Nanterre soll am 29. Juni ein Trauermarsch für den Jugendlichen stattfinden.  © Lionel Bonaventure/AFP

Schwere Krawalle bei Paris: Menschen werfen mit Steinen auf Einsatzkräfte

Update vom 28. Juni, 21.02 Uhr: Die Untersuchungshaft des Polizeibeamten, der für den Tod des 17-Jährigen verantwortlich war, sei verlängert worden, gab die Anklage am Ende des Tages in einer Pressemitteilung bekannt: „Im Hinblick auf eine für morgen (Donnerstag) vorgesehene Offenlegung der Justizauskünfte.

Die Unruhen in Frankreich halten nach wie vor an: So wurden Feuerwehrleute bei ihrem Einsatz im Bezirk Reynerie mit Steinen beworfen, wo ein Feuer ausgebrochen war. Laut Berichten wurden am frühen Abend außerdem Polizisten von hundert Personen mit Projektilen beworfen, im Rahmen dessen wurde auch ein Fahrzeug in Brand gesteckt.

Auf dem Place de la République in Paris findet derzeit eine Demonstration statt, um gegen die Auflösung der Umweltschutzgruppe Soulèvements la Terre zu protestieren. „Keine Gerechtigkeit, kein Frieden“, riefen die Demonstranten, um den 17-jährigen Nahel zu unterstützen.

Tödlicher Polizeischuss auf 17-Jährigen: Macron und Prominente äußern sich

Update vom 28. Juni, 18.10 Uhr: Nach dem tödlichen Polizeischuss auf einen 17-Jährigen äußerte sich nun auch Präsident Emmanuel Macron zum Vorfall: „Wir haben einen Jugendlichen, der getötet wurde, das ist nicht zu erklären und nicht zu entschuldigen.“ Damit die Wahrheit schnell offengelegt werde, solle die Justiz ihre Arbeit in Ruhe machen, so Macron. Weiter sagte er: „Zunächst möchte ich hier die Emotion der ganzen Nation ausdrücken nach dem Geschehen und dem Tod des jungen Nahel und der Familie unsere ganze Solidarität und das Mitgefühl der ganzen Nation ausdrücken.“

Neben Macron bezogen weitere berühmte Franzosen Stellung, etwa der Schauspieler Omar Sy: „Meine Gedanken und Gebete sind bei der Familie und den Angehörigen von Nahel, der heute Morgen im Alter von 17 Jahren gestorben ist, von einem Polizisten in Nanterre erschossen. Möge eine Justiz, die diesen Namen verdient, das Andenken dieses Kindes in Ehren halten.“ Auch Fußballer Kylian Mbappé von Meister Paris Saint-Germain äußerte sich: „Mein Frankreich tut mir leid. Eine inakzeptable Situation. Alle meine Gedanken gelten Nahels Familie und seinen Lieben, diesem kleinen Engel, der viel zu früh gegangen ist.“

Update vom 28. Juni, 14.15 Uhr: Die Haft des beschuldigten Polizisten wird verlängert, wie die AFP aus vertrauten Kreisen erfahren hat. Die Generalinspektion der Nationalen Polizei befragt ihn wegen des Verdachts der vorsätzlichen Tötung.

Update vom 28. Juni, 13.31 Uhr: „Wir wollen Gerechtigkeit für Nahel, wir werden sie friedlich erreichen, mit Anwälten vor Gericht“, sagt Nanterres Bürgermeister Patrick Jarry auf einer Pressekonferenz.

Er appelliert, „diese zerstörerische Spirale“ zu stoppen. „Gestern Abend legten Gruppen junger Menschen, die den Tod von Nahel rächen wollten, Müllbrände und beschossen die Polizei spät in der Nacht mit explosiven Projektilen“, rekapituliert er: „Am frühen Morgen wachte die Stadt, unsere Stadt, geschockt, beschädigt und besorgt von dieser Welle der Gewalt auf.“

Am Mittwoch um 14 Uhr findet ein Protestmarsch, genannt „weißer Marsch“ statt. Bürgermeister Jarry und seine Familie werden ihn begleiten.

Ausschreitungen in Frankreich nach Tod von 17-Jährigen: Innenminister kündigt 2000 Polizisten an

Update vom 28. Juni, 10.12 Uhr: 31 Personen sollen in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch festgenommen worden sein, teilt Innenminister Gérald Darmanin bei einer Pressekonferenz mit. 24 Polizeibeamte wurden leicht verletzt.

Die Lage in den Banlieus ist nach wie vor sehr angespannt. Polizisten mussten vergangene Nacht teils im Laufschritt den Rückzug antreten. Für Mittwochabend kündigt der Innenminister an, 2000 Einsatzkräfte in die Vororte zu schicken.

Der Bürgermeister von Nanterre, Patrick Jarry, ruft derweil zur Ruhe auf. In einer Pressemitteilung spricht er von einer „Nacht inakzeptabler Beschädigungen“. „Nanterre erlebte einen der schrecklichsten Tage seiner Geschichte“, hält er fest.

Erstmeldung vom 28. Juni, 1.09 Uhr: Nanterre – Im Pariser Vorort Nanterre sind nach einem tödlichen Polizeischuss auf einen 17 Jahre alten Autofahrer bei einer Verkehrskontrolle schwere Krawalle ausgebrochen. Mülltonnen, Autos und eine Grundschule wurden von aufgebrachten Menschen in Brand gesetzt, Einsatzkräfte mit explodierenden Feuerwerkskörpern beschossen.

In Nanterre sind nach einem tödlichen Polizistenschuss auf einen 17-Jährigen schwere Krawalle ausgebrochen.

Zwischen den Hochhaussiedlungen wurden Barrikaden errichtet und Feuerwehrkräfte bei ihren Einsätzen behindert, wie französische Medien berichteten.

Die Unruhen, die am Dienstagabend mit einer Demonstration vor der Polizeiwache von Nanterre begonnen hatten, griffen in der Nacht auf angrenzende Orte über. In Mantes-la-Jolie wurde ein Rathaus in Brand gesetzt und ging lichterloh in Flammen auf. Die Polizei setzte Tränengas und Gummigeschosse ein, musste sich angesichts der massiven Angriffe aber teils im Laufschritt zurückziehen. Nach Behördenangaben wurden 20 Menschen festgenommen.

Tödlicher Schuss in die Brust – Beamter richtet Waffe auf 17-Jährigen

Eine Motorradstreife der Polizei hatte das mit drei Personen besetzte Auto gestern Morgen gestoppt. Ein vom Sender France Info verifiziertes Video zeigt, wie einer der Beamten seine Waffe auf Höhe der Fahrertür in das stehende Auto richtete. Die Situation scheint unter Kontrolle, hektische Bewegungen sind nicht zu erkennen. Als der 17-Jährige am Steuer plötzlich losfährt, feuert der Beamte aus nächster Nähe auf den Jugendlichen und trifft ihn tödlich in die Brust.

Das Auto fuhr dann noch einige Meter weiter und rammte schließlich eine Straßenabsperrung. Ein - ebenfalls minderjähriger - Mitfahrer wurde festgenommen und später wieder freigelassen, ein dritter ergriff laut Staatsanwaltschaft die Flucht.

Wie France Info berichtete, wurde der Beamte unter Totschlagsverdacht in Polizeigewahrsam genommen. Nach Angaben von Innenminister Gérald Darmanin nahm die Polizeiaufsicht Ermittlungen auf, um den Vorfall aufzuklären. Für den Beamten und seinen Kollegen gelte vorerst die Unschuldsvermutung, betonte der Minister.

Widersprüchliche Informationen der Polizei – Teenager soll polizeibekannt gewesen sein

Laut France Info hatten die Streifenpolizisten zunächst ausgesagt, der Jugendliche habe sie überfahren wollen. Später seien sie von dieser Version wieder abgerückt und hätten erklärt, er habe ihren Anordnungen keine Folge geleistet und dann plötzlich Gas gegeben - von einer Tötungsabsicht war keine Rede mehr.

Der Teenager soll wegen früherer Verkehrsdelikte und Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte polizeibekannt gewesen sein. Innenminister Darmanin bezeichnete seinen Tod als „Drama“, wies zugleich aber darauf hin, dass Widerstand gegen die Staatsgewalt schon in vielen Fällen zum Tod von Polizisten geführt habe. Die Familie des Jungen kündigte über ihren Anwalt an, sie werde den Todesschützen wegen Mordes verklagen und auch wegen Falschaussage, weil seine Darstellung der Ereignisse von den Videoaufnahmen eindeutig widerlegt werde.

Heftige politische Debatte – Vorfall löst in Frankreich Empörung aus

Der tödliche Vorfall löste in Frankreich Empörung aus, angesichts der Videoaufnahmen wurde einmal mehr maßlos überzogene Polizeigewalt angeprangert. Immer wieder kommen Menschen in Frankreich bei banalen Fahrzeugkontrollen ums Leben, wenn sie sich nicht an Polizeianweisungen halten. Oft geht es dabei nicht um Schwerkriminelle, sondern wie auch im Fall von Nanterre um Menschen, die mit Bagatelldelikten aufgefallen sind. Der 17-Jährige soll ursprünglich wegen eines Verstoßes gegen die Verkehrsregeln angehalten worden sein, wie France Info berichtete.

Auch deshalb löste der jüngste Todesfall bei einem Polizeieinsatz eine heftige politische Debatte aus. „Die Todesstrafe gibt es in Frankreich nicht mehr. Kein Polizist hat das Recht zu töten, es sei denn, es handelt sich um Notwehr“, twitterte Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon. Die Polizei bringe die Autorität des Staates in Verruf und müsse von Grund auf reformiert werden. Andere Politiker aus dem linken Spektrum zeigten sich ebenfalls empört und betonten, dass Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte noch lange nicht die Tötung eines Menschen rechtfertige. dpa

Brennende Mülltonnen und Tränengas: Es sind Szenen, die in Deutschland kaum vorstellbar – und in Frankreich immer wieder Normalität sind. Ein Experte erklärt, woran das liegt.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Stephane Rouppert

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