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Ein Video bereitet Italiens Süden Sorgen. Es zeigt, wie katastrophal der Supervulkan der phlegräischen Felder ausbrechen könnte. Dabei ist das noch ein bescheidenes Szenario.
Pozzuoli/Neapel – Eine Eruption brächte in wenigen Minuten den Tod in den Süden Italiens: Eine gigantische Glutsäule schießt am westlichen Stadtrand von Neapel in die Höhe und bricht dann in sich zusammen. Bis zu 700 Grad heiße Wolken aus Gas und Asche rollen dann über die Neapolitaner Stadtteile Bagnoli und Fuorigrotta hinweg. Glühende Lava ergießt sich bis zum Meer. Für die über 150 000 Einwohner gäbe es kein Entrinnen, falls sie nicht evakuiert worden wären.
Ein Video des Nationalen Geophysikalischen und Vulkanologischen Instituts INGV wird derzeit in den sozialen Netzwerken in der Bucht von Neapel und weit darüber hinaus geteilt. Es ist die Computer-Simulation eines Vulkanausbruchs der Phlegräischen Felder, des Supervulkan westlich von Neapel, der seit Monaten fast unentwegt bebt. Die Computer-Animation zeigt die Verbreitung der pyroklastischen Wolken, also Asche- und Gaswolken, wie sie bei Explosionen von Vulkanen in die Umgebung geschleudert werden.
Italiens Supervulkan: Ascheglut schießt in Simulation 45 Kilometer in die Höhe und stürzt dann zu Boden
Erst schießen sie in die Höhe, dann brechen sie in sich zusammen und töten da, wo sie auftreffen, alles oberirdische Leben da. Auch vulkanische Bomben aus Lava können die Umgebung treffen. So kamen beim Ausbruchs des Vesuv im Jahr 79 n. Chr. die meisten Menschen ums Leben.
Der Ausbruch, den das INGV schon im Jahr 2011 in dem Video simulierte, könnte Tage dauern. Auch heftige Explosionen sind möglich, deren Eruptionssäulen bis zu 45 Kilometer in die Atmosphäre schießen könnten. Die pyroklastischen Wolken könnten mit Temperaturen zwischen 200 und 700 Grad über 100 km/h durch die Bucht schießen. Die äußeren hellroten Flächen im Video zeigen Temperaturen von etwa 100 Grad Celsius, die inneren roten und gelben Flächen Temperaturen von 350 Grad.
Das Video ist tatsächlich verstörend, zumal sich die Menschen in der Bucht von Pozzuoli derzeit wegen der andauernden Erdbeben große Sorgen vor einem bevorstehenden Ausbruch haben. Doch das INGV erklärt offiziell, dass es sich in dem Video nicht um ein Szenario handle, das derzeit bevorstehe: „Die von einigen Fernsehsendern ausgestrahlten und aus dem Zusammenhang gerissenen dreidimensionalen Simulationen von Eruptionen aus dem YouTube-Profil des INGV haben für die aktuelle Situation an den Phlegräischen Felder keine Relevanz“, erklärt Giovanni Macedonio, Geophysiker am INGV-Vesuv-Observatorium, gegenüber meteoweb.eu.
Video rekonstruiert den heftigsten Ausbruch des Supervulkans seit 4100 Jahren
Das INGV habe dabei den Ausbruch des Agnano-Kraters am Rand des gleichnamigen Stadtteils von Neapel rekonstruiert, der vor etwa 4100 Jahren stattfand. „Dies ist der heftigste Ausbruch, der in den Phlegräischen Feldern in den letzten 15 000 Jahren dokumentiert wurde.“ Macedonio weiter: „Es ist nicht das Szenario, das wir im Moment erwarten, sondern angesichts seiner Seltenheit sogar das unwahrscheinlichste.“
Vielmehr gehen die Wissenschaftler nach offizieller Meinung des INGV davon aus, dass der nächste Vulkanausbruch in den Phlegräischen Feldern dem von 1538 ähneln könnte – der bislang letzten Eruption im Supervulkan. Die Eruption dauerte damals vom 29. September bis zum 6. Oktober 1538, war durch pyroklastische Ströme und durch die Förderung großer Mengen von Asche und kleiner Vulkanbomben gekennzeichnet.
Der letzte Ausbruch in Italiens Supervulkan forderte 26 Menschenleben
Es entstand der heute 133 Meter hohe Vulkankegel des Monte Nuovo, des „neuen Bergs“ im Westen der Hafenstadt Pozzuoli. Ein Dorf namens Tripergle, die Villa des altrömischen Staatsmanns Cicero und antike Bäder wurden verschüttet. Es gab 26 Tote – Schaulustige am Kraterrand, die bei einer Explosion im Inneren starben. Die Anwohner waren ansonsten rechtzeitig geflüchtet, da sie von Erdbeben und dem Rückzug des Meeres um 370 Meter gewarnt waren.
Im Vergleich dazu, was in den Phlegräischen Feldern während der Eiszeiten geschah, war das eine Mini-Eruption: Der größte Ausbruch ereignete sich vor etwa 39 280 Jahren. Damals löschten die Feuerströme alles Leben im Umkreis von gut 100 Kilometern aus. Rund 10 000 Quadratkilometer Land (etwa die Fläche Niederbayerns) versanken unter einer bis zu 100 Meter dicken Schicht aus Asche.
Die größte Explosion der Phlegräischen Felder trieb Asche von Italien bis nach Russland
Der Aschenregen dieses Ausbruchs wurde über dem Balkan bis in die russischen Steppen verteilt. Nach der Explosion stürzte der Krater mit einem Durchmesser von 16 Kilometern ein – die heutigen Phlegräischen Felder. Es gibt keine vergleichbare Eruption in historischer Zeit. Der seitdem nicht an Heftigkeit übertroffene Ausbruch des Pinatubo 1991 auf den Philippinen hinterließ einen Krater mit 2,5 Kilometer Durchmesser, 875 Menschen starben.
Die Folgen für die in Europa lebenden Neandertaler-Menschen waren offenbar fatal: António Costa, von der University of Reading, Großbritannien, hat mithilfe von Computersimulation herausgefunden, dass die freigesetzten Schwefelaerosole tatsächlich ausreichten, um das Klima mehrere Jahre lang deutlich abzukühlen.
Am stärksten bemerkbar machte sich das laut scinexx.de in Osteuropa und Asien, aber selbst in Westeuropa. Dort, wo in jener Zeit noch die meisten Neandertaler lebten, sanken die Temperaturen ein bis zwei Jahren lang um zwei bis vier Grad.
Wissenschaftler: Phlegräische Felder stehen kurz vor Ausbruch
Ob und wann und wie die Phlegräischen Felder ausbrechen, darüber sind sich die Wissenschaftler uneinig, auch darüber, wie viel Zeit für einer Evakuierung bliebe. Das INGV hält derzeit ein schweres Erdbeben als Katastrophenereignis für am wahrscheinlichsten. Prof. Christopher Kilburn vom University College London (UCL) stellte hingegen in einer im Juni veröffentlichten Studie fest: „Unsere neue Recherche bestätigt, dass die Phlegräischen Felder kurz vor einem Ausbruch stehen.“ Das müsse aber nicht unbedingt passieren.
Nicht nur die Phlegräischen Felder bereiten den Forschern Sorge, auch der benachbarte Vulkan Vesuv ist für einen Ausbruch überfällig, der Inselvulkan Stromboli zwischen Neapel und Sizilien ist derzeit auch aktiver als gewöhnlich.
Rubriklistenbild: © INGV/youtube



