„Sie wollten, dass ich sterbe“

Menschen gefesselt und ins Meer geworfen? Schwere Vorwürfe gegen griechische Küstenwache

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Polizei und Küstenwache in Griechenland sollen Migranten systematisch zurückdrängen – teils mit menschenverachtenden Methoden. Zeugen berichten.

München – Vor einem Jahr ereignete sich vor der griechischen Küste eines der schwersten Schiffsunglücke im Zusammenhang mit Migranten, bei dem mehr als 600 Menschen starben. Überlebende werfen der griechischen Küstenwache vor, nicht adäquat geholfen zu haben, und klagten. Jetzt werden neue Vorwürfe gegen die Küstenwache laut – und sie schockieren.

Angehörige der griechischen Küstenwache sollen systematisch Geflüchtete zurück aufs Meer gedrängt und sie ihrem Schicksal überlassen haben. Eine Praxis an den EU-Außengrenzen, die Aktivistinnen und Aktivisten immer wieder kritisieren. Die BBC untersuchte einen Zeitraum von drei Jahren und interviewte mehrere Betroffene. Das Ergebnis ist in der sendereigenen Dokumentation „Totenstille: Töten im Mittelmeer?“ zu sehen.

Griechische Küstenwache soll menschenverachtende Pushbacks durchführen

Seit Längerem steht die griechische Regierung im Verdacht von illegalen „Pushbacks“. „Ärzte ohne Grenzen“ prangerte bereits im November 2023 physische Gewalt gegen, sowie Erniedrigungen und demütigende Leibesvisitationen von Migrantinnen und Migranten an. Was jetzt überlebende Geflüchtete schildern, wirft ein noch grausameres Licht auf die Vorwürfe. BBC analysierte 15 Vorfälle, die zwischen Mai 2020 und Mai 2023 stattgefunden haben sollen. In 43 Fällen seien Menschen gestorben, einige überlebten und schilderten Unmenschliches.

Die griechische Küstenwache soll brutal gegen Migranten vorgehen. (Symbolbild)

Ein Kameruner berichtet vom Martyrium, das er und zwei weitere Migranten erfuhren, nachdem sie im September 2021 die Insel Samos erreicht hatten. „Kaum hatten wir angelegt, kam die Polizei von hinten“, erzählte der Mann BBC. „Es waren zwei Polizisten in Schwarz und drei weitere in Zivil. Sie waren maskiert, man konnte nur ihre Augen sehen.“ Von ihnen seien sie auf ein Boot der griechischen Küstenwache gebracht worden.

Gefesselt ins Meer geworfen? Migrant schafft es gerade noch ans rettende Ufer

Auf dem Meer haben sie demnach zunächst den anderen Kameruner und dann den Mann von der Elfenbeinküste über Bord geworfen. „Langsam glitt seine Hand unter die Wasseroberfläche und wurde vom Wasser verschlungen“, schilderte der Überlebende. Er selbst sei „wie ein Tier“ geschlagen worden. Dann haben sie auch ihn ohne Schwimmweste ins Wasser geworfen. Er habe sich ans Ufer retten können, seine beiden Begleiter seien später tot an der türkischen Küste geborgen worden. Samos ist keine 40 Kilometer von der Türkei entfernt.

Nichts mehr wie zuvor - ein außenpolitischer Rückblick

Januar: Geschichte ist zuerst immer Tragödie, danach nur Farce. Die Gefolgschaft des geschassten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro versucht eine Kopie des Trump-Putsches 2021, stürmt die Hauptstadt Brasilia und scheitert kläglich. Aber man sieht mal wieder die Prachtbauten Oscar Niemeyers. rut/Bild:Sergio Lima/AFP
Januar: Geschichte ist zuerst immer Tragödie, danach nur Farce. Die Gefolgschaft des geschassten brasilianischen Präsidenten Bolsonaro versucht eine Kopie des Trump-Putsches 2021, stürmt die Hauptstadt Brasilia und scheitert kläglich. Aber man sieht mal wieder die Prachtbauten Oscar Niemeyers.  © AFP
Seit April: Finnland ist das 31. Mitglied der Nato – Putin und seiner Invasion der Ukraine sei’s gedankt. Damit beendet Helsinki seine Neutralität und wird westlich. Die finnische Marine läuft dann im November zum „Freezing Winds“-Manöver mit ihren neuen Kameradinnen und Kameraden in die Ostsee aus. rut/Bild: Imago Images
Seit April: Finnland ist das 31. Mitglied der Nato – Putin und seiner Invasion der Ukraine sei’s gedankt. Damit beendet Helsinki seine Neutralität und wird westlich. Die finnische Marine läuft dann im November zum „Freezing Winds“-Manöver mit ihren neuen Kameradinnen und Kameraden in die Ostsee aus.  © IMAGO/Lehtikuva
Mai: So stellt sich Recep Tayyip Erdogan die Zukunft der muslimischen Welt vor – Somalis feiern die Wiederwahl des türkischen Präsidenten. Merke: Die Freudenfeiern in Mogadischu hat die somalische Regierung organisiert. Erdogan kann nun an seiner „osmanischen“ Renaissance weiterarbeiten. rut/Bild: Hassan Ali Elmi/AFP
Mai: So stellt sich Recep Tayyip Erdogan die Zukunft der muslimischen Welt vor – Somalis feiern die Wiederwahl des türkischen Präsidenten. Merke: Die Freudenfeiern in Mogadischu hat die somalische Regierung organisiert. Erdogan kann nun an seiner „osmanischen“ Renaissance weiterarbeiten.  © AFP
Juni: Söldnerunternehmer Jewgenij Prigoschin will seine „Loyalität zu Putin“ bekunden und inszeniert einen Putsch seiner „Wagner“-Truppe. Im letzten Augenblick wird er ins Exil nach Belarus abgelenkt. Im August stürzt er mit einem Flugzeug ab, seitdem verehrt man in Moskau sein Andenken. rut/Bild: NATALIA KOLESNIKOVA/AFP
Juni: Söldnerunternehmer Jewgenij Prigoschin will seine „Loyalität zu Putin“ bekunden und inszeniert einen Putsch seiner „Wagner“-Truppe. Im letzten Augenblick wird er ins Exil nach Belarus abgelenkt. Im August stürzt er mit einem Flugzeug ab, seitdem verehrt man in Moskau sein Andenken.  © AFP
August: Die Freude in Gabun ist riesig, als das Militär die Herrscherdynastie Bongo nach fast 56 Jahren an der Macht endlich wegputscht. Vor Gabun wurde im Niger geputscht, davor in Mali, davor in der Zentralafrikanischen Republik. Besser wird das Leben unter den neuen Mächtigen in Tarnfarben aber nicht. rut/Bild: Afp
August: Die Freude in Gabun ist riesig, als das Militär die Herrscherdynastie Bongo nach fast 56 Jahren an der Macht endlich wegputscht. Vor Gabun wurde im Niger geputscht, davor in Mali, davor in der Zentralafrikanischen Republik. Besser wird das Leben unter den neuen Mächtigen in Tarnfarben aber nicht.  © AFP
September: Die prekäre Lage der armenischen Enklave Berg-Karabach in Aserbaidschan endet innerhalb eines Tages mit Waffengewalt. Nach dem Sieg der Aseris im „Drohnenkrieg“ im September 2020 war das fast schon zu erwarten. Die 120 000 dort Ansässigen ergreifen die Flucht nach Armenien. rut/bild: ALAIN JOCARD/AFP
September: Die prekäre Lage der armenischen Enklave Berg-Karabach in Aserbaidschan endet innerhalb eines Tages mit Waffengewalt. Nach dem Sieg der Aseris im „Drohnenkrieg“ im September 2020 war das fast schon zu erwarten. Die 120 000 dort Ansässigen ergreifen die Flucht nach Armenien.  © AFP
Seit Oktober: Israelische Reservistinnen und Soldaten, Frauen und Männer nehmen am 7. November, einen Monat nach den Angriffen der Terrororganisation Hamas auf den Süden des Landes, an einer von Kerzen beschienenen Mahnwache auf dem Kikar Dizengoff in Tel Aviv teil. Die Massaker, bei denen um die 1200 Menschen getötet wurden, versetzen das Land in einen Schockzustand, von dem es sich nur langsam löst. Während man sich weitestgehend einig ist, dass die Hamas nicht mehr länger hingenommen werden kann, melden sich auch immer mehr Stimmen, die der Regierung Netanjahu Versagen aus eigenem Interesse vorwerfen. rut/Bild: JACK GUEZ/AFP
Seit Oktober: Israelische Reservistinnen und Soldaten, Frauen und Männer nehmen am 7. November, einen Monat nach den Angriffen der Terrororganisation Hamas auf den Süden des Landes, an einer von Kerzen beschienenen Mahnwache auf dem Kikar Dizengoff in Tel Aviv teil. Die Massaker, bei denen um die 1200 Menschen getötet wurden, versetzen das Land in einen Schockzustand, von dem es sich nur langsam löst. Während man sich weitestgehend einig ist, dass die Hamas nicht mehr länger hingenommen werden kann, melden sich auch immer mehr Stimmen, die der Regierung Netanjahu Versagen aus eigenem Interesse vorwerfen.  © AFP
Dezember: Nikki Haley mag so chancenlos wie die ganze republikanische Konkurrenz Donald Trumps sein. Aber wenigstens stellt die einzige Frau im Verfolgerfeld – ehedem UN-Botschafterin von Trumps Gnaden – sich klar gegen den Mann, der für seinen Wahlsieg 2024 schon eine Diktatur angekündigt hat. rut/bild:Sophie Park/AFP
Dezember: Nikki Haley mag so chancenlos wie die ganze republikanische Konkurrenz Donald Trumps sein. Aber wenigstens stellt die einzige Frau im Verfolgerfeld – ehedem UN-Botschafterin von Trumps Gnaden – sich klar gegen den Mann, der für seinen Wahlsieg 2024 schon eine Diktatur angekündigt hat.  © Getty Images via AFP

Bei einer anderen Gruppe soll die griechische Küstenwache noch grausamer vorgegangen sein. Ein Somalier schilderte, dass er und weitere Geflüchtete im März 2021 „mit Kabelbindern gefesselt mitten ins Meer“ geworfen worden sei. „Sie wollten, dass ich sterbe.“ Er habe nur überlebt, weil er es auf dem Rücken schwimmend schaffte, eine Hand aus der Fessel zu lösen und ans Ufer zu gelangen. Andere ertranken.

Österreichischer Menschenrechtsaktivist berichtet von geheimen Zwangsrückführungen

Ein Migrant aus Syrien berichtete, dass die griechische Küstenwache seine Familie nach einem Hilferuf in türkische Gewässer zurückgebracht und sie auf ein Schlauchboot gesetzt habe. Weil das Ventil nicht richtig verschlossen gewesen sei, begannen sie „sofort zu sinken. Sie hörten uns alle schreien und trotzdem ließen sie uns im Stich“, sagte er der BBC. Sieben oder acht Kinder seien gestorben, manche kurz, bevor ein türkisches Rettungsschiff eintraf.

In der BBC-Dokumentation kommen weitere Opfer zur Sprache, die ähnliches erlebten und den Verdacht illegaler „Pushbacks“ durch die griechische Küstenwache erhärten. Der österreichische Menschenrechtsaktivist Fayad Mulla berichtete, dass Zwangsrückführungen oft geheim ablaufen. Auf eine BBC-Anfrage zu den Vorwürfen antwortete die Küstenwache, dass sie alle Vorwürfe illegaler Aktivitäten entschieden zurückweise. Ein Problem sind Pushbacks und Gewalt auch auf der Balkanroute. (mt)

Rubriklistenbild: © picture alliance / Michael Svarnias/AP/dpa | Michael Svarnias

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