VonSophia Sichtermannschließen
Wie es für Kinder nach der Grundschule weitergeht, kann Leben und Karriere beeinflussen. Eine Mutter und eine Lehrerin berichten von ihren Erfahrungen.
Das Gymnasium ist das Ziel vieler Eltern – dabei ist es fraglich, ob es immer das Richtige für die Kinder ist. „Eltern, die ihr Kind entgegen der Empfehlung der Grundschullehrkräfte auf das Gymnasium schicken, tun ihrem Kind nicht unbedingt einen Gefallen“ berichtet die Lehrerin Ronja Jelena Filiz (@ronjajelenafiliz) in einem TikTok-Video. „Es wird sich dumm fühlen, es wird sich nicht fähig fühlen, und dann nach der Erprobungsstufe gegebenenfalls auf eine andere Schulform wechseln.“ Dieser gefühlte Misserfolg könne sich negativ auf das Selbstwertgefühl des Kindes auswirken. Was heißt das für Eltern, die vor der Entscheidung stehen?
Das kommt unter anderem darauf an, in welchem Bundesland sie leben. In Bayern, Berlin, Thüringen, Baden-Württemberg und Brandenburg ist die Empfehlung verbindlich. Die Schüler können ihre Eignung allerdings bei einem dreitägigen Probeunterricht oder einem Potenzialtest beweisen. In den anderen Ländern liegt die Entscheidung bei den Eltern.
Eine Mutter von zwei erwachsenen Kindern berichtet BuzzFeed News Deutschland von IPPEN.MEDIA von der schulischen Laufbahn ihres Sohnes. Ihre ältere Tochter habe „ihr Abitur locker geschafft und sehr gute Noten geschrieben“. Bei ihrem zwei Jahre jüngeren Sohn war das anders. „Bei ihm bereue ich es heute, ihn aufs Gymnasium geschickt zu haben“, sagt Susanne*. Sie ist Mitte 50 und lebt in Baden-Württemberg. In der Grundschule sei ihr Sohn zwar gut gewesen, doch habe es ihm an „Durchhaltevermögen und Konzentrationsfähigkeit“ gemangelt. Die Grundschullehrerin habe ihm das Gymnasium empfohlen, auch, weil sie bei Susanne ein gutes Gefühl gehabt habe, was die Förderung angeht.
Mutter: Ab der achten Klasse ging es „bergab“
Susannes Sohn habe selbst auch unbedingt mit seinen Freunden auf das Gymnasium gehen wollen. Die Probleme in der Schule seien aber immer größer geworden, die Noten immer schlechter. „Im achten Schuljahr ging es dann bergab. Physik, Mathe, Französisch – alles Fünfen. Am Ende musste er auf die Realschule wechseln“, erzählt die Mutter. Er hätte auch die Klasse wiederholen können, doch Susanne hatte Sorge, dass „sich das Ganze nochmal ein Jahr später wiederholt.“ Nach der Realschule machte ihr Sohn das Fachabitur. „Zum Glück ist das Bildungssystem keine Sackgasse“, sagt Susanne.
@ronjajelenafiliz Unpopular opinion here we go
♬ Originalton - Ronja Jelena Filiz
Lehrerin Ronja Jelena Filiz kann das bestätigen: „Es gibt in Deutschland so viele Möglichkeiten des Bildungsaufstiegs“, sagt sie BuzzFeed News Deutschland. Abitur sei auch auf einer Gesamtschule möglich, ebenso könnten Schüler erst ein Fachabitur absolvieren und später das Abitur nachholen. Die Lehrerin betont: „Nicht jeder braucht ein Abitur oder ein Studium.“
Lehrerin: Eltern sollten Rücksprache mit Lehrkräften über Schulform halten
Filiz rät Eltern bei der Entscheidung über die Schulform ihrer Kinder, sich selbst zu reflektieren: „Projiziere ich etwas auf mein Kind, das ich für mich selbst wollte?“ Wenn die Eltern Zweifel an der Schulform haben, sollten sie „auf jeden Fall Rücksprache mit der Lehrkraft halten, die die Empfehlung ausgesprochen hat“. Sie sollten hinterfragen, wieso dem Kind eine bestimmte Schulform empfohlen wurde und fragen, was es selbst möchte. Zudem könne eine Pro- und Contra-Liste helfen.
„Wir bereuen es kein Stück, dass er damals vom Gymnasium runter ist“, sagt Susanne, „aber manchmal frage ich mich schon, ob er überhaupt auf diese Schule hätte gehen sollen.“ Die Mutter berichtet davon, dass der Eindruck einer Zwei-Klassen-Gesellschaft entstanden sei: „Die Elite war auf dem Gymnasium“, erinnert sie sich, „nicht einmal den Pausenhof durften die Realschüler betreten. Klar entstand dadurch auch ein Gefühl von ‚Ich habe versagt‘ bei meinem Sohn.“ Susanne glaubt, dass eine Gesamtschule viele Probleme hätte abfedern können, doch: „dafür müssten wir unser gesamtes Schulsystem reformieren“.
*Name geändert, die Identität ist der Redaktion bekannt.
Rubriklistenbild: © Funke Foto Services/Imago
