VonJulia Hanigkschließen
Der Marmolata-Gletscher verliert täglich sieben bis zehn Zentimeter Masse. Ein Todesurteil, das er mit anderen Gletschern teilt.
Trentino – Die Marmolata (ital. ‚Marmolada‘) ist Bergsteigern und Einheimischen auch bekannt als die „Königin der Dolomiten“. Mit 3343 Metern ist sie der höchste Berg der Gebirgsgruppe. An der Nordseite befindet sich ein ganzer Gletscher. Doch Glaziologen sehen für das Wahrzeichen mehr und mehr Schwarz. Denn täglich verliert der zwischen sieben und zehn Zentimeter an Masse – und wird wohl irgendwann ganz verschwinden.
Düstere Prognose für Marmolata-Gletscher: „Irreversibles Koma“
Aufgrund der globalen Erwärmung schmelzen Gletscher immer weiter ab und gehen somit zurück. Das trifft auch das Massiv an der Marmolata. Laut Umweltvereinigung Legambiente und der Alpenschutzkommission Cipra in wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit dem italienischen Gletscherkomitee, stehe dieses kurz vor dem Verschwinden. Das belegen jüngste Messungen.
Aus der Veröffentlichung geht hervor, dass sich der Gletscher seit 1888 um 1200 Meter zurückgezogen habe. Die Rede ist von einem Flächenverlust von mehr als 80 Prozent und einem Volumenverlust von mehr als 94 Prozent. In den letzten fünf Jahren waren es ganze 70 Hektar Fläche. „Bei diesem Tempo wird der Marmolata-Gletscher bis 2040 nicht mehr existieren“, so die düstere Prognose. Die Experten sprechen von einem „irreversiblen Koma“ und einem „Todesurteil“.
Statt weißer Fläche sieht man an der Marmolata schon jetzt immer mehr Gestein und kahle Fläche. „Die glaziologischen Daten der Marmolada machen diesen Gletscher zum Symbol für das Leiden aller Alpengletscher“, so Valter Maggi und Marco Giardino, Präsident bzw. Vizepräsident des italienischen Glaziologischen Komitees.
„Todesurteil“ gilt für mehrere Gletscher – ob Schweiz, Italien oder Deutschland
Und damit haben sie recht. Die Gletscherschmelze ist ein Schicksal, das nicht nur den Marmolata-Gletscher betrifft. Auch den Adamello-Gletscher zwischen der Lombardei und dem Trentino und den Forni-Gletscher in der Lombardei trifft der Klimawandel hart. „Messungen der Oberflächenbeschaffenheit der Gletscher deuten darauf hin, dass die Marmolada- und Forni-Gletscher kurzfristige Dickenverlustspitzen von sieben bzw. zehn cm pro Tag aufweisen“, heißt es in der Meldung.
Aber auch in Deutschland begutachten Wissenschaftler mit Sorge die dahinschmelzenden Gletscher. In den nächsten Jahren werden die vier letzten deutschen Gletscher nacheinander ihren Status als Gletscher verlieren, so die Prognose. Das sind: Nördlicher Schneeferner (Zugspitze), Watzmanngletscher, Höllentalferner (Wettersteingebirge) und Blaueisgletscher (Berchtesgadener Alpen). In gut zehn Jahren dürfte Deutschland gletscherfrei sein. Das veröffentlichte die dpa. Experten prognostizierten auch für Österreich schon: „Hier geht nichts mehr“.
Auch in der Schweiz heißt es, dass die Gletscherhöhlen am Monte Rosa-Massiv, bekannt als „Eiskathedralen“, immer schneller schmelzen. Alessio Romeo, ein Geologe und Höhlenforscher, berichtete der Zeitung La Repubblica, dass er vor zwei Jahren noch ein beeindruckendes Höhlensystem mit Deckenhöhen von bis zu zehn Metern am Gornergletscher entdeckt hatte. Heute sei aus der einst „wunderschönen Kathedrale aus Eis“ eine völlig kahle Landschaft mit bloßem Fels geworden. „Nun gibt es dort nur noch den Himmel“, sagte der Geologe, der das Gebiet seit 1998 untersucht. Südamerika verlor bereits seinen letzten Gletscher.
Gletscherschmelze birgt Gefahr für Bergsteiger – Todesfälle an der Marmolata
Das Abschmelzen der Gletscher birgt aber auch für Besucher eine enorme Gefahr. Für Bergsteiger bedeutet das: Steinschlag nimmt zu, Randspalten zwischen Eis und Fels werden größer, neue Gletscherspalten entstehen. Am 3. Juli 2022 starben bei einem Fels- und Gletschersturz elf Menschen – neun Italiener und zwei Tschechen. Ein Mann und eine Frau aus Deutschland wurden schwer verletzt. Als eine mögliche Ursache des damaligen Unglücks galt der Klimawandel. Auch am 4. September 2024 meldete die dpa, dass ein Alpinist beim Aufstieg auf der Marmolata ums Leben gekommen war.
Der EU-Klimadienst Copernicus berichtete, dass der Sommer 2024 der heißeste seit Beginn der Aufzeichnungen war. (jh/dpa)
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