Gefährliche Gletscherschmelze

„Dramatischer Auftauprozess“ an Österreich-Gletschern – Experte sieht „unberechenbare Gefahren“

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Österreichs Gletscher schwinden in ungeahntem Tempo. Die Rekordhitze sprengt regelrecht die Felsen. Wanderer sind in ernsthafter Gefahr, warnen Experten.

Schladming – Der Klimawandel mit immer weiter steigenden Temperaturen und Naturkatastrophen bedroht auch die Alpen – in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Die Gletscher schmelzen, der Permafrost im Inneren der Gipfel taut auf. „Unsere Berge fallen von alleine zusammen“, erklärten bereits Alpenvereine in Tirol. Auch das „ewige Eis“ der Nordalpen in Österreich schwindet dramatisch. Bergsteiger müssen in höheren Lagen nun mit unvorhersehbaren Gefahren rechnen, warnen Experten.

„Dramatischer Auftauprozess“ an Österreich-Gletschern – Experte warnt Wanderer vor „unberechenbaren Gefahren“

„Die anhaltende Hitzewelle dieses Jahres hat den Permafrost, den Kitt in Fels und Schutt, weiter geschwächt und zu einem Auftauprozess geführt, der viele Gesteinswände extrem instabil gemacht hat“, erklärte Andrea Fischer vom Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften gegenüber merkur.de von IPPEN.MEDIA.

Ein beunruhigendes Beispiel bietet die Situation bei den Gletschern im Alpengebiet, wie Alpenverein-Austria-Legende Fritz Macher gegenüber der Kronenzeitung betonte: „Die Randkluft und der Bergschrund am Dachstein sind nur noch schwer oder überhaupt nicht zu passieren.“

Österreichs Gletscher schwinden in ungeahntem Tempo. Auch am Dachstein ist die Gletscherschmelze dramatisch. (Archivbild)

Das beispiellose Tempo der Gletscherschmelze in den Ostalpen führt dazu, dass die einst massiven Gipfel vor den Augen der Forscher sprichwörtlich zerfallen. Immer neue Hitze-Rekorde setzen den Bergen zu. Selbst im Herbst. Am Dienstag (3. Oktober) zeigte das Thermometer in Langenlebarn (Niederösterreich) 30,3 Grad Celsius. Der Uraltrekord vom 4. Oktober 1956 in Eisenstadt mit 30,2 Grad wurde gebrochen. „Die hohen Temperaturen im Wechsel mit Extremniederschlägen sorgen für einen ganz neuen Typus von Ereignissen“, erklärt Glaziologin Fischer.

Felsschlag, Eisstürze, Gletscherabbrüche – Alpinisten in Österreich in Gefahr

„Die hohen Temperaturen und Wolkenbrüche im Wechsel lösen das Eis, den Kitt in den Hohlräumen des Gesteins, und lassen die Alpen bröckeln“, so Fischer. Gleich mehrere Felsstürze brachten Bergwanderer an der Seiser Alm und den Drei Zinnen im Norden Italiens in Lebensgefahr. Felssturz-Ereignisse machen das Bergwandern zur Gefahr, vor allem allerdings in weglosem Gelände im Hoch- und Klettertourenbereich.

Zu äußerster Vorsicht rät Extrembergsteiger, Bergführer und Psychologe Dr. Roland Newerkla im Gespräch mit merkur.de von IPPEN.MEDIA: „Ich bin grundsätzlich gegen übertriebene Panikmache. Mit der aktuellen Entwicklung kommt jedoch noch einiges auf uns zu.“

Ich bin grundsätzlich gegen übertriebene Panikmache. Mit der aktuellen Entwicklung kommt jedoch noch einiges auf uns zu.

Extrembergsteiger, Bergführer und Psychologe Dr. Roland Newerkla 

Dramatische Gletscherschmelze in Österreich:„Apptauen“ zeigt Auswirkung des Klimawandels

Die Website Apptauen macht deutlich, wie dramatisch die Gletscherschmelze in Österreich am Dachstein in Oberösterreich (Hallstätter Gletscher) seit 1856 ist. Die Videoanimation zeigt, wie dramatisch sich die Lage bis 2100 entwickeln könnte – und macht die konkrete Auswirkung der Temperaturentwicklung auf den Gletscher sichtbar, basierend auf den bisherigen Entwicklungen: Gestiegenen Temperaturen, schwindenden Gletscherflächen, Eisvolumen und Eisdicke.

Die Animation veranschaulicht: Seit 1850 haben die Gletscher in der Dachsteinregion mehr als die Hälfte ihrer Fläche verloren. Der Hallstätter Gletscher, der größte der vier Dachstein-Gletscher, ist von einem Volumen von 397,2 Millionen Kubikmetern Eis auf rund 98 Millionen Kubikmeter Eis zusammengeschmolzen. Seit 2006 hat der Gletscher eine Fläche von 700.000 Quadratmetern verloren. Das entspricht 98 Fußballfeldern.

Österreichs Gletscher schwinden in ungeahntem Tempo. Die Web-Anwendung „Apptauen“ zeigt die dramatische Gletscherschmelze am Dachstein.

Gletscherschmelze bedroht Alpinisten: Rekordhitze gefährdet Bergsteiger in den Alpen

Wo die Natur leidet, bleibt auch für den Menschen der Spaß auf Strecke. Denn auch in der Bergwelt hat der Klimawandel dramatische Folgen. Früher war das Skifahren im Herbst oder sogar im Sommer am Dachstein möglich. Vor fünf Jahren öffneten die Schlepplifte noch im September, im Jahr 2021 dann erst Mitte November, und in der letzten Saison blieben sie erstmals komplett geschlossen: „In Verantwortung gegenüber Natur und Wirtschaftlichkeit wird der Skibetrieb am Dachsteingletscher in der Herbst-Wintersaison 2022/23 ausgesetzt“, hieß es von den Betreibern der Dachstein Gletscherbahnen.

Nun trifft es auch die Alpinisten. „Durch diesen dramatischen Auftauprozess sind viele Gesteinswände gerade extrem einsturzgefährdet. Auf Bergsteiger lauern daher wegen des Klimawandels vor allem in Gebieten, wo Eis, Schnee und Fels zusammentreffen, unberechenbare Gefahren“, so Roland Newerkla. Er fügt hinzu: „Ich kann Alpinisten im Hochsommer nur raten, im Mittelgebirge zu bleiben und Gletscher sowie kombinierte Felsgelände zu meiden.“

Ich kann Alpinisten nur raten, im Mittelgebirge zu bleiben und Gletscher sowie kombinierte Felsgelände zu meiden.

Extrem-Alpinist Roland Newerkla

Die Alpen seien geprägt von Gestein und „erleben, beschleunigt durch den Klimawandel, eine Veränderung, die nicht positiv ist“, so Newerkla. In manchen Gebieten ereignen sich gewaltige Felsabstürze „aus 3000 Metern Höhe bis ins Tal, wie in diesem Sommer im Schweizer Bergdorf Brienz, das nur knapp einer Katastrophe entgangen ist“, warnt der Alpinist.

Rubriklistenbild: © Barbara Gindl/dpa

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