Kinderärzte impfen trotzdem

Trotz Grippewelle empfiehlt die Stiko keine Influenza-Impfung für Kinder – warum?

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Trotz Grippewelle empfiehlt die Stiko keine Influenza-Impfung für Kinder. Kinderärzte dürfen entsprechende Vakzine aber auch ohne diese Empfehlung verabreichen.
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Laut dem RKI leidet aktuell fast jedes vierte Kind in Deutschland unter grippeähnlichen Symptomen. Dennoch empfiehlt die Stiko eine Influenza-Impfung nur bedingt.

Berlin – Deutschland befindet sich mitten in einer akuten Influenza-Welle. Die Grippe-Erreger ziehen sich nahezu durch alle Altersgruppen, vor allem Kinder und Jugendliche sind davon betroffen. Wie es vom Robert Koch-Institut (RKI) heißt, leiden etwa elf Prozent der 0-14-Jährigen unter einer Atemwegserkrankung. Dabei entwickeln sie auch Fieber.

Und wie tagesschau.de schreibt, wäre die Rate selbst während der heftigen Grippewelle 2017/2018 niedriger gewesen. Damals lag der entsprechende zwischen acht und neun Prozent. Und trotz alledem spricht die Ständige Impfkommission (Stiko) so gut wie keine Influenza-Impfung für Kinder aus. Das hat Gründe. Doch welche? Eine wissenschaftliche Annäherung.

Trotz Grippewelle empfiehlt die Stiko keine Influenza-Impfung für Kinder – warum?

De facto rät die Stiko aktuell nur Älteren und vulnerablen Gruppen dazu, sich gegen die Influenza impfen zu lassen. Dabei haben Kinder, die mit Influenza infiziert sind, eine deutlich höhere Secondary Attack Rate als Erwachsene. Bedeutet: Sie stecken wesentlich mehr andere Menschen an. Anders verhält es sich übrigens, wenn Kinder mit dem Coronavirus infiziert sind.

In Bezug auf die Influenza kommt laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) erschwerend hinzu, dass ein Drittel der infizierten Kinder ansteckend ist, obwohl sie keine Symptome zeigen. Wer aber mit Fremdschutz argumentiere, müsse auch sehen, dass gerade in den vulnerablen Gruppen viele nicht geimpft sind. Das merkt Fred Zepp, Stiko-Mitglied und ehemaliger Leiter der Kinderklinik des Universitätsklinikums Mainz, an.

Fremdschutz als Argument für eine Influenza-Impfung bei Kindern? Kann unter Umständen gerechtfertigt sein

Laut dem RKI hat sich selbst im Corona-Winter 2020/2021 nicht einmal jeder zweite über 60-Jährige in Deutschland gegen die Influenza immunisieren lassen. Nur wenig angenommen werde die entsprechende Impfung aber auch beim Pflegepersonal, das regelmäßig Kontakt mit vulnerablen Gruppen hat und für das deswegen auch noch die Maskenpflicht greift. Dabei zeigt eine Lancet-Studie, dass die Influenza-Sterblichkeit in Krankenhäusern durch die Impfung reduziert werden kann.

„Die Impfung von Kindern primär mit dem Ziel, Dritte zu schützen, kann unter Umständen gerechtfertigt sein, etwa bei immundefizienten Familienmitgliedern“, heißt es in diesem Kontext von Zepp. Hingegen „ethisch bedenklich“ sei es, wenn die Impfung eines Kindes nur vor dem Hintergrund geschehe, um „gesamtgesellschaftlich ökonomische Belastungen zu reduzieren“. Doch verhält sich nicht jeder Staat in dieser Hinsicht wie Deutschland. In Finnland und Großbritannien beispielsweise werden laut dem European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) Kinder in unterschiedlichen Altersgruppen geimpft.

Ein Blick zurück bis ins Jahr 2004 zeigt: Auch die Stiko hatte schon einmal mit dem Fremdschutz argumentiert. Damals ging es um eine Empfehlung für die Windpocken-Impfung. In der damaligen Debatte ging es aber auch darum, dass infizierte Eltern vor Arbeitsausfällen bewahrt werden müssen. Doch sei laut Zepp ausschlaggebender gewesen, dass sich die Kinder im schlimmsten Fall mit schweren Komplikationen wie lebensbedrohlichen Gerinnungsstörungen konfrontiert gesehen hätten. Das sei laut RKI bei mit Windpocken infizierten Kindern gar nicht so selten der Fall.

Grippeschutzimpfung kann schweren Verlauf bei Kindern laut Studie um 74 Prozent verringern

Dementsprechend geht es der Stiko im Kontext der Grippe-Impfung für Kinder um einen grundsätzlichen und individuellen Benefit für die Betroffenen. Schließlich würde die Impfung eine medizinische Intervention darstellen. Auf dieser Grundlage argumentiert die Stiko ähnlich zurückhaltend wie bei einer Corona-Impfung für Kinder: bei ihnen seien schwere Verläufe und Folgeerkrankungen eher selten. Doch zeigt eine Studie von 2012, dass eine Grippeschutzimpfung die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind aufgrund einer Influenza intensivstationär behandelt werden muss, um 74 Prozent verringert.

Durch die Kombination aus dem Coronavirus, RSV (RS-Virus) und der Influenza kommt es in Deutschland derzeit zu überdurchschnittlich hohen Infektionszahlen. Ärzte und Kliniken stoßen an ihre Grenzen, für Kinder ist die Situation äußerst vertrackt. Vor allem die Krankenhäuser hatten zuletzt immer wieder Alarm geschlagen. Es ist die akute Überlastung, weit über die eigenen Kapazitäten hinaus, die längst zum großen Problem geworden ist. Statistisch gesehen eher selten vorkommende schwere Verläufe bei Kindern machen sich in dieser Extremsituation besonders bemerkbar.

Kinderärzte verabreichen Grippeschutzimpfung auch ohne Stiko-Empfehlung – rechtlich kein Problem

Deswegen wollen viele Kinderärzte im Land nicht länger auf eine Stiko-Empfehlung warten und verabreichen das Vakzin deshalb auch ohne. „Kinder scheinen besonders betroffen zu sein. Insofern macht es in dieser Saison deutlich mehr Sinn, Eltern aufzufordern, ihre Kleinkinder gegen Influenza zu impfen“, heißt es in diesem Kontext von Martin Terhardt, Kinderarzt aus Berlin und selbst Stiko-Mitglied.

Aus rechtlicher Sicht ist das unproblematisch. Schließlich ist der Totimpfstoff gegen Influenza auch für Menschen ab sechs Monaten zugelassen. Und: Die meisten Krankenkassen bezahlen die Injektion-Impfung für alle Altersgruppen. (Stand der Daten: 23. Dezember 2022)

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