„Muss die Hölle sein da unten“

Deutscher tauchte mit dem Titanic-U-Boot: „Das war ein Himmelfahrtskommando“

Ein Deutscher tauchte mit dem U-Boot des Anbieters OceanGate vor zwei Jahren zum Wrack der Titanic, schon damals kam es offenbar zu technischen Problemen.

München – Das Wrack der Titanic liegt auf einer Tiefe von 3.803 Metern am Grund des Nordatlantik. Dorthin war das U-Boot „Titan“ am Sonntag (18. Juni) unterwegs. Etwa eine Stunde und 45 Minuten nach Beginn des Tauchgangs verlor sich der Kontakt zum U-Boot, das seitdem als vermisst gilt.

Titanic-Experte und Tiefseeforscher Paul-Henry Nargeolet sowie der Gründer der U-Boot-Firma OceanGate, Stockton Rush, sind unter den insgesamt fünf vermissten Besatzungsmitgliedern, nach denen aktuell fieberhaft gesucht wird. Zusammen mit Nargeolet und Rush war der deutsche Unternehmer Arthur Loibl bereits vor zwei Jahren an Bord des Tauchbootes und bezeichnet sein Erlebnis im Gespräch mit der Bild-Zeitung als „Himmelfahrtskommando“.

Tauchbeginn des vermissten U-Boots TitanSonntag, 18. Juni 2023
Sauerstoffvorräte (Schätzung)Für 96 Stunden
Anzahl der Passagiere an BoardFünf
Namen der Passagiere an BoardDie pakistanischen Staatsbürger Shahzada Dawood und sein Sohn Suleman, der Tiefseeforscher Paul-Henry Nargeolet, der OceanGate Ceo Stockton Rush und der britische Unternehmer Hamish Harding
Kosten für die Mitreise pro Passagier250.000 US-Dollar (etwa 229.000 Euro)
Gründung des Unternehmens OceanGate 2009

Deutscher über Situation in vermisstem Titanic-Boot: „Das muss die Hölle sein da unten“

Im August 2021 war der deutsche Unternehmer Arthur Loibl selbst zum Wrack der Titanic unterwegs und erinnert sich an zahlreiche technische Probleme. Das erste U-Boot habe nicht funktioniert, weshalb man den ersten Tauchgang bei 1.600 Metern habe abbrechen müssen, berichtete der Geschäftsmann. Er selbst sei an dem Tag erst bei der fünften Mission an Bord gegangen. „Aber auch wir gingen wegen Problemen mit der Elektrik erst fünf Stunden verspätet ins Wasser“, so der gebürtige Niederbayer, der vermutet, dass die Ursache des jetzigen Verschwindens des U-Boots ebenfalls in der Elektronik liegen könnte. „Das war schon damals ein Himmelfahrtskommando“, kommentierte der Unternehmer weiter.

Undatiertes Bild zeigt Mitarbeiter bei der Arbeit im Inneren des Tauchboots „Titan“, mit dem Touristen und Forscher die Wrackstelle der Titanic besuchen können.

Titanic-U-Boot offenbar mit Kabelbinder repariert

Im U-Boot sorgt ein sogenanntes Stabilisierungsrohr für das Gleichgewicht beim Abtauchen. Dieses sei kurz vor seinem Tauchbeginn gerissen und mit einem Kabelbinder neu befestigt worden, erzählte der Deutsche. „Das hat mich nicht weiter beunruhigt“, so Loibl zu Bild. Beunruhigender sei für ihn hingegen die Situation an Bord des Tauchbootes gewesen. „Da braucht man schon gute Nerven, darf keine Platzangst haben und muss zehn Stun­den im Schneidersitz hocken können“, beschreibt der Bayer die Reisebedingungen. „Das muss die Hölle sein da unten“, so der Deutsche über die Situation der Vermissten. „Da sind nur 2,50 Meter Platz, es hat vier Grad, es gibt keinen Stuhl, keine Toilette.“ Er selbst habe bei seiner Exkursion zur Titanic damals „wahnsinniges Glück“ gehabt.

Die Bilder zum Drama um das Titanic-U-Boot: Das letzte Foto der „Titan“ – und die ersten Trümmer

Leonardo Di Caprio und Kate Winslet, die Hauptdarsteller des Films „Titanic“
Sie schufen den Mythos um die 1912 gesunkene „Titanic“: Leonardo Di Caprio und Kate Winslet, die Hauptdarsteller des Films „Titanic“. Der Film gewann elf Oscars. 130 Millionen Besucher zog es in den USA ins Kino, immerhin 18 Millionen in Deutschland. © imago/EntertainmentPictures
Titanic
Die überreste des gesunkenen Luxusdampfers „Titanic“ liegen in rund 3800 Metern Tiefe (undatiertes Archivfoto). © epa PA/epa/dpa
Das Wrack der Titanic.
Titanic Wrack U-Boot.jpg © Atlantic Productions/Magellan/Imago
In diesem aus einem Video von Atlantic Productions entnommene Standbild zeigt einen Teil des 1912 gesunkenen Luxusdampfers, „Titanic“.
In diesem aus einem Video von Atlantic Productions entnommene Standbild zeigt einen Teil des 1912 gesunkenen Luxusdampfers, „Titanic“.  © Atlantic Productions/dpa
Atlantik
Hier liegt das Wrack der „Titanic“ im Atlantik. © Google/dpa
Titan
Dieses vom American Photo Archive herausgegebene Foto zeigt das Tauchboot „Titan“ von OceanGate Expeditions, das zur Besichtigung der Wrackstelle der „Titanic“ eingesetzt wurde. © American Photo Archive/Alamy/PA Media/dpa
Das Archivbild der „Titan“ zeigt den Start des Tauchboots von der Plattform aus.
Das Archivbild der „Titan“ zeigt den Start des Tauchboots von der Plattform aus: Eine Reise zur Titanic kostet Privatpersonen mit dem U-Boot rund 250.000 Dollar. © OceanGate Expeditions / AFP
Dieses Archivbild zeigt das Titanic-Tauchboot „Titan“ im Atlantik.
Titanic-Tauchboot „Titan“ im Atlantik verschollen (Archivfoto). Das kleine U-Boot ist knapp sieben Meter lang und fünf Personen bis in eine Tiefe von 4.000 Metern befördern.  © OceanGate Expeditions/AP/dpa
Der Innenraum des vermissten Tauchboots „Titan“.
Dieses von American Photo Archive zur Verfügung gestellte Foto zeigt den Innenraum des vermissten Tauchboots „Titan“ von OceanGate Expeditions mit den damals reisenden Passagieren. Im Inneren des Tauchboots hat die Besatzung wenig Platz und nur eine bestimmte Menge Sauerstoff, wie eine ältere Fotoaufnahme zeigt. © American Photo Archive Alamy
Hamish Harding
Hamish Harding im Juni 2023 in London. Der britische Geschäftsmann und Abenteurer ist an Bord des Tauchboots, das in der Nähe des „Titanic“-Wracks im Atlantik vermisst wird. © Dirty Dozen Productions/PA Media/dpa
Stockton Rush, CEO von OceanGate, aufgenommen in Seattle. Der CEO von OceanGate ist unter den fünf Passagieren des verschollenen Tauchbootes, das am Abend des 18. Juni in der Nähe des Titanic-Wracks als vermisst gemeldet wurde.
Stockton Rush, CEO von OceanGate, aufgenommen in Seattle. Der CEO von OceanGate ist unter den fünf Passagieren des verschollenen Tauchbootes, das am Abend des 18. Juni in der Nähe des Titanic-Wracks als vermisst gemeldet wurde. © Greg Gilbert/dpa/Archivbild
U-Boot wird nahe Titanic-Wrack vermisst
Das U-Boot Titan ist auf dem Weg zur untergegangenen Titanic verschollen. © Dirty Dozen Productions/dpa
Das letzte Foto der Tauchkapsel „Titan“, bevor sie auf Titanic-Tauchgang ging: Keine zwei Stunden später verlor das Mutterschiff „Polar Prince“ den Kontakt.
Das letzte Foto der Tauchkapsel „Titan“, bevor sie auf Titanic-Tauchgang ging: Keine zwei Stunden später verlor das Mutterschiff „Polar Prince“ den Kontakt. © FP PHOTO / DIRTY DOZEN PRODUCTIONS / HANDOUT
Jamie Frederick, der Kapitän der US-Küstenwache
Jamie Frederick, der Kapitän der US-Küstenwache, leitet die Suche nach dem verschwundenen U-Boot. Ein Wettlauf gegen die Zeit. © Joseph Prezioso / AFP
Karte wo das Tauchboot vermisst wurde
Die Trümmer des Tauchbootes auf dem Weg zur Titanic wurden gefunden. Eine Karte zeigt, wie nahe es dem versunkenen Schiff gekommen ost.  © Google/dpa
Suleman Dawood (l) und sein Vater waren Insassen des „Titanic“-U-Bootes.
Suleman Dawood (l) und sein Vater waren Insassen des „Titanic“-U-Bootes. © AFP PHOTO/DAWOOD HERCULES CORPORATION
OceanGate-CEO Stockton Rush soll laut mehreren Berichten die Sicherheitsvorkehrungen der „Titan“ nicht ordnungsgemäß beachtet haben.
OceanGate-CEO Stockton Rush soll laut mehreren Berichten die Sicherheitsvorkehrungen der „Titan“ nicht ordnungsgemäß beachtet haben. © imago
Trümmer des Tauchboots „Titan“, das vom Meeresboden in der Nähe des Wracks der Titanic geborgen wurde, werden am Pier der kanadischen Küstenwache vom Schiff „Horizon Arctic“ entladen. Die US-Küstenwache sucht nach der Ursache des Unglücks.
Trümmer des Tauchboots „Titan“, das vom Meeresboden in der Nähe des Wracks der Titanic geborgen wurde, werden am Pier der kanadischen Küstenwache vom Schiff „Horizon Arctic“ entladen. Die US-Küstenwache sucht nach der Ursache des Unglücks. © Paul Daly/dpa

Wegen der starken Strömungen und den knappen Sauerstoffvorräten hält Loibl es einem Bericht des BR zufolge für „fast unmöglich“, dass die fünf vermissten Passagiere lebend gefunden werden können. Der Sauerstoff an Bord des verschollenen U-Boots reicht wohl noch bis Donnerstagmittag. Suchteams hatten am Dienstag Berichten zufolge alle 30 Minuten eine Art von Klopfgeräuschen in der Region registriert, die auf Lebenszeichen der Insassen hindeuteten. Allerdings fiel die erste Untersuchung der Unterwassergeräusche negativ aus

Titanic-U-Boot: Sicherheitsbedenken in der Vergangenheit offenbar ignoriert

Der Unternehmer Loibl ist nicht der einzige, der von technischen Problemen und improvisiert wirkenden Lösungen auf dem U-Boot berichtet. Führungskräfte der Tauchboot-Industrie hatten einem Artikel der New York Times zufolge schon vor Jahren Sicherheitsbedenken bezüglich der „Titan“ geäußert. „Wir befürchten, dass der aktuelle experimentelle Ansatz von OceanGate zu negativen Ergebnissen führen könnte - von geringfügig bis katastrophal“, schrieben sie in einem auf 2018 datierten Brief und warfen OceanGate irreführendes Marketing vor. Der nun verschollene Chef Stockton Rush wurde dazu aufgerufen, die „Titan“ von einer unabhängigen Partei testen zu lassen, die Bedenken der Experten wurden allerdings ignoriert.

Dies passt auch zum Eindruck des Reporters David Pogue vom US-Sender CBS, der im vergangenen Jahr zur Titanic tauchte. Der Journalist sagte der BBC, das Gefährt habe auf ihn einen improvisierten Eindruck gemacht. „Man steuert dieses U-Boot mit einem Xbox-Gamecontroller“, so Pogue. Ein Teil des Ballastes bestehe aus Baurohren. Falls das Boot eingeklemmt werde oder Leck schlage, „gibt es kein Backup, keine Rettungskapsel“, so sein Bericht weiter. OceanGate-Ceo Rush hatte im vergangenen Jahr ein Risiko bei der Mission eingeräumt, aber kommentiert: „Wenn du immer auf Nummer sicher gehen willst, dann bleib einfach im Bett.“ (bme/dpa).

Rubriklistenbild: © Oceangate Expeditions/PA Media/dpa

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