Aufstieg auf K2

Drama im Himalaya: Bergsteiger lassen Helfer auf 8000er „elendig verrecken“

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Auf dem K2 im Himalaya, dem zweithöchsten Berg der Welt, stürzt ein Träger in die Tiefe. Seine Gruppe steigt an dem hilflosen Mann vorbei zum Gipfel.

Pakistan – Es geschah am 27. Juli 2023 auf dem K2 im Karakorum-Gebirge, dem zweithöchsten Berg der Welt. Auf über 8000 Metern, im Grenzgebiet zwischen China und Pakistan, erlebten die einen mit der Gipfelerstürmung einen Tag des Triumphs – für einen endete die Tour mit einem Sturz in den Tod. Dabei hätte dem verunglückten Mann geholfen werden können, sagen Zeugen. Wenn nur einer der Bergsteiger stehengeblieben wäre, um ihm zu helfen.

Ein Träger stürzte auf über 8.000 Meter ab – und die Bergsteigern gingen an ihm vorbei

Nachdem ein 27-jähriger pakistanischer Hochträger gegen 2.30 Uhr im vorderen Teil der Gruppe abgestürzt war, seien demnach etwa 50 Menschen an ihm vorbei gestiegen, die sich hinter ihm auf der Strecke befanden. Dabei habe der Mann die ganze Zeit kopfüber und mit nackten Beinen in einem Sicherungsseil gehangen – das er selbst für die zahlenden Bergsteiger angebracht hatte.

Für die Expeditionsgruppen wurde als Ersatz ein neues Seil angebracht, um an der Unglücksstelle vorbei steigen zu können. Erst eine Dreiviertelstunde nach dem Unglück wurde der Mann hochgezogen, wie der österreichische Bergsteiger Wilhelm Steindl der österreichischen Zeitung Standard berichtet.

Der Gipfelsturm war offenbar wichtiger als die Rettung des Mannes. Dabei warnen selbst Experten vor den Gefahren des Bergsteigens – und sagen, dass kein Traum es wert sei, dafür zu verunglücken. Oder, wie in diesem Fall, einen anderen Menschen verunglücken zu lassen.

Das Drama auf dem K2 spielte sich an besonders enger Stelle ab

Steindl hat das Unglück am K2 zwar nicht aus unmittelbarer Nähe beobachtet, da er an dem Tag selbst nicht mit auf den Berg gestiegen war. Er hatte die Tour aufgrund schlechter Wetterverhältnisse an dem Tag bereits zuvor abgebrochen. Zwei Schneelawinen waren bereits abgegangen, welche die Gruppe der Gipfelstürmer jedoch verschont hatten.

Mit einer Drohne hat ein mit Steindl befreundeter Kameramann, der im Auftrag von Servus TV unterwegs war, die Besteigung gefilmt. Anhand dieses Materials konnten Steindl und der Kameramann Philipp Fläming später die Geschehnisse am sogenannten „Flaschenhals“, einer besonders gefährlichen Schlüsselstelle auf dem K2, rekonstruieren.

Der K2 im Karakoram-Gebirge ist der zweithöchste Gipfel der Welt. Er gilt als besonders anspruchsvoll. Nun hat er sein 96. Todesopfer gefordert.

Das Zeitfenster zum Besteigen des Gipfels des K2 war kurz – entsprechend hoch der Druck

Aufgrund der schlechten Bedingungen standen den verschiedenen Expeditionen mit insgesamt rund 200 Bergsportlern nur ein sehr begrenztes Zeitfenster zur Verfügung, um den Gipfel zu erklimmen. Entsprechend hoch war offenbar der Erfolgsdruck – womöglich so hoch, dass man es einfach ignorierte, dass da ein Mensch in eine lebensbedrohliche Situation geraten war.

„Fakt ist, dass keine organisierte Rettungsaktion stattfand, obwohl Sherpas, aber auch Bergführer vor Ort waren, die hätten aktiv werden können“, erklärte Fläming dem Standard. „Keiner kann behaupten, dass er dort die Diagnose hätte stellen können, dass dem Menschen nicht mehr geholfen werden kann.“

„Er ist dort elendig verreckt“ – Verunglückter Träger wurde von Bergsteigern einfach hängengelassen

Sein Kollege geht in seinen Anschuldigungen gegen die andere Bergsteiger sogar noch weiter: „Er ist dort elendig verreckt. Es hätte nur drei, vier Leute gebraucht, ihn runterzubringen.“

Am 27. Juli erzielte die Norwegerin Kristin Harila am K2 einen neuen Weltrekord: In nur 92 Tagen erklomm sie alle 14 Berge, die höher als 8.000 Meter sind. In der Szene ist ihr Erfolg durchaus umstritten, da er nur durch viel technische und menschliche Hilfe möglich war. Viele machen Bergsteiger wie sie auch für den großen Konkurrenzkampf auf den Gipfeln verantwortlich. Dass es nun am Tag ihres großen Erfolgs auf dem Gipfel, der ihre 8000er-Sammlung komplettiert, zu diesem tödlichen Drama kam, bestätigt viele in dieser Meinung.

Drama am K2: „Da wird ein lebender Mensch liegengelassen, damit Rekorde erzielt werden können“

 „Es war ein sehr aufgeheizter, konkurrenzbeladener Gipfelrush“, berichtet auch Steindl. „Was da passiert ist, ist eine Schande. Da wird ein lebender Mensch liegengelassen, damit Rekorde erzielt werden können.“ Nach Aussage seines Kollegen Fläming soll der verunglückte Hochträger außerdem nicht qualifiziert genug für eine derart anspruchsvolle Tour gewesen sein. Er ist das 96. Todesopfer, das auf dem Berg sein Leben ließ.

Dass Bergsteigen eine durchaus gefährliche Leidenschaft ist, wissen wohl die meisten. Immer wieder kommt es zu tödlichen Unfällen. In Tirol starben dabei sieben Menschen in acht Tagen. Dann ist oft die Bergrettung gefragt, die auch an der Zugspitze aktiv ist, um Menschen in Notsituationen zu helfen. Häufig sind Lawinen oder Steinschläge vorher nicht abzusehen und bringen Alpinisten in gefährliche Situationen.

Rubriklistenbild: © Pond5 Images/IMAGO

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