„Italienische Besonderheiten“

Italiens Strände im „Albtraumszenario“ gefangen: Sommer-Desaster droht

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Strand-Liegen am Spiaggia von Diano Marina am östlichen Rand der Blumenriviera in Ligurien. (Archivbilder-Collage)
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Italiens Strände sind zum Zank-Apfel zwischen EU und Meloni-Regierung geworden. Leidtragende sind Betreiber, Angestellte – und womöglich auch Urlauber.

Rom – Dieser Anblick gehört zu einem Italien-Urlaub, wie Pizza, Gelato und Autostrada-Gebühren: Vor dem kristallklaren blauen Mittelmeer reihen sich weiße Plastik-Liegen und Sonnenschirme in allen möglichen bunten Farben über die Strände. In vielen Badeorten ist der Strand geradezu durch Holz- und Bast-Barrikaden verrammelt. Doch die kostenpflichtigen Strandbäder sind in Italien Tradition und die Betreiber der kleinen Strandhütten reichen ihre vom Staat vergebenen Lizenzen oftmals über Generationen weiter. Doch durch ein Hickhack mit der EU droht Italien aktuell ein Strand-Desaster.

Hintergrund ist, dass die EU von Melonis Regierung fordert, dass Italien seine Strand-Konzessionen ab 2024 europaweit und nach nachvollziehbaren Kriterien ausschreiben hätte sollen. Basis dafür ist die sogenannte Bolkestein-Richtlinie. Durch diese 2006 verabschiedete EU-Regel soll im EU-Binnenmarkt die grenzüberschreitende Erbringung von Dienstleistungen gewährleistet werden. Die Folge: Die Strand-Konzessionen dürfen nicht mehr wie bisher automatisch verlängert werden. Bei einer neuen Ausschreibung müssten dann Bewerber aus der ganzen EU berücksichtigt werden. Existenzbedrohend für die bisherigen Inhaber. Und auch ein Preisanstieg für Urlauber wird befürchtet.

„Albtraumsituation“ für Italiens Strände: Nach Urteil droht nun Chaos

Die Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni argumentiert, dass die kostenpflichtigen Strände ein historisches und kulturelles Erbe in Italien darstellen, das von Einheimischen weitergeführt werden soll. Man will verhindern, dass ausländische Investoren mehr zahlen, einheimische außen vor bleiben und dann Preise erhöht werden. Seit Jahren wehrt man sich gegen die EU-Regel. Doch im letzten Jahr machte die EU dann ernst und drohte ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Italien einzuleiten.

Die Meloni-Regierung reagierte mit einem Taschenspielertrick: Man ließ die Küste Italiens neu vermessen. Plötzlich hatte das Land 3000 Kilometer mehr Strand. Dadurch sollte der Strand nicht mehr als „knappes Gut“ gelten und man wollte die EU-Richtlinie umgehen. In Brüssel betrachtet man das Vorgehen als nicht sehr glaubwürdig.

Und auch in Italien selbst gibt es Probleme für Melonis Plan: Italienische Gerichte haben die These von den nicht-knappen Stränden zurückgewiesen, wie die Repubblica berichtet. Die von der Regierung bis Ende 2024 verlängerten Konzessionen sind auch laut Staatsrat-Urteil rechtswidrig, da man auch in Italien erkennt, dass nicht unendlich Strand vorhanden ist. Im Anschluss bezeichnete etwa Riccardo Magi von der Partei Piu Europa die neue Kartierung durch die Meloni-Regierung als „Hohn und ungeschickten Versuch, die europäischen Vorschriften zu umgehen“. Dem Urteil nach muss die Ausschreibung der Strände sofort und in einem „wettbewerbsorientierten Kontext“ erfolgen.

Italien-Strände im „Albtraumszenario“ gefangen: „Große Unsicherheit“ kann schlimme Folgen haben

Daraus ergibt sich nun eine extrem schwierige und unsichere Lage für die Betreiber der „stabilimenti balneari“. Viele Wirtschaftsverbände fordern ein Umstrukturierungsgesetz, das zwar die EU-Richtlinie berücksichtigt, aber die italienischen Betreiber schützt. Doch dieses fehlt bislang komplett. Von bloßer „Propaganda“ der Regierung spricht Matteo Ricci, Bürgermeister von Pesaro, jetzt und meint gegenüber der Repubblica: „Das einzige Ergebnis, das die Rechte in der Regierung hervorgerufen hat, eine große Unsicherheit ist, die Investitionen blockiert hat: Niemand investiert, wenn er keine Gewissheit hat, dass er die Tätigkeit fortsetzen kann“.

Der Genossenschaftsverband Legacoop Romagna, dem auch die Stände von Rimini angehören, spricht von einem „Albtraumszenario“. Es könnte nun ein Wettbewerb um jeden einzelnen Strand entstehen, mit unterschiedlichen Regeln für jede Gemeinde. Denn einige Gemeinden haben sich mittlerweile dazu entschieden, der EU-Forderung zu folgen und ihre Strände auszuschreiben. Dabei gibt es aber massive Probleme, da viele Fragen nicht beantwortet sind.

Ranking: Die 15 schönsten und beliebtesten Urlaubsorte Italiens

Siena campo
Platz 15 belegt Siena in der Toskana. Mit der schönen Altstadt und unnachahmlichen Bauwerken zieht die Stadt Urlauber immer wieder in ihren Bann.  © Marco Brivio
Roca Vecchia in Apulien: Die Aufnahme der „Höhle der Poesie“ bei Sonnenuntergang
Roca Vecchial in Apulien: Die Aufnahme der „Höhle der Poesie“ bei Sonnenuntergang steht nur symbolisch für die vielen herrlichen Strände und Landschaften im Südosten Italiens. Rang 14 im IPPEN-Ranking. © IMAGO/Manuel Romano
Sizilien Letojanni
Die Strände Siziliens sind einzigartig und bezaubernd. Bei Check24 belegt die Insel daher den zwölften Platz. In diesem Ranking Platz Nummer 13. Auf dem Foto sieht man den Strand von Letojanni.  © Matthias Tödt
Mailänder Dom
Die norditalienische Metropole Mailand ist bekannt für die wunderschöne Altstadt und etliche teure Modemarken. Hier sieht man den Dom im Zentrum der Stadt. Im Ranking belegt Mailand den elften Platz. Bei Check24 sogar Platz 7.  © Oliver Weiken
Lago Maggiore
Auf Platz 11 ist der prachtvolle Lago Maggiore. Ein Teil des Sees ist in der Schweiz. Bei weg.de ist der Lago Maggiore sogar auf dem siebten Platz der beliebtesten Urlaubsorte in Italien.  © Nando Lardi
Bozen, Italien, Südtirol
Auch Südtirol ist unter Italien-Fans besonders beliebt. Hier erhascht man einen Blick über die Alpen auf die Stadt Bozen.  © Micha Korb
Elba sonnenuntergang
Die kleine Insel Elba ist momentan noch ein Geheimtipp. Hier erlebt man bezaubernde Natur und typische italienische Dörfer. Daher ein verdienter Platz neun.  © Karsten Jeltsch
Cinque Terre Italien
Unter Urlaubern ist außerdem die Cinque Terre besonders beliebt. Die meisten der fünf Dörfer erreicht man nur zu Fuß oder mit einer Bahn.  © Augst / Eibner-Pressefoto
Marina Grande capri
Nicht umsonst ist die kleine Insel Capri im Golf von Neapel ein regelrechter Touristenmagnet. Hier vor Ort kann man nicht nur durch wunderschöne Dörfer schlendern, sondern auch das Meer und die Natur genießen.  © Günter Gräfenhain
Colosseum in Rome
Italiens Hauptstadt Rom hat für alle Gäste etwas zu bieten und belegt daher den sechsten Platz. So zum Beispiel das weltberühmte Kolosseum. Im Ranking von Check24 belegt Rom sogar den zweiten Platz.  © Givaga
Venedig platz acht
Venedig ist mit seinen vielen Kanälen und kleinen Gassen einzigartig. Ein Besuch lohnt sich definitiv, allerdings sollte man am besten im Frühling oder Herbst in die Stadt kommen. Venedig belegt daher den fünften Platz der Top 15 Urlaubsziele in Italien, bei Check24 ist die Stadt an der Adria sogar Erster.  © Frank Bienewald
Florenz-skyline
Das bezaubernde Florenz in der Toskana belegt den vierten Platz. Hier kann man sich durch kleine Gassen treiben lassen und ohne Ende Kultur genießen. © alimdi / Michelle Gilders
Amalfiküste Italien
Die Amalfiküste südlich von der Metropole Neapel belegt den dritten Platz im Ranking um die schönsten Urlaubsorte in Italien.  © Günter Gräfenhain
Costa Smeralda
An der Costa Smeralda auf Sardinien gibt es Strände, die teilweise welchen in der Karibik gleichen. Nicht umsonst belegt sie daher den zweiten Platz. Auch auf dem Reiseportal weg.de zählt die Küste auf Sardinien zu den schönsten Reisezielen in Italien. © Emmanuele Contini
Desenzano del Garda
Den ersten Platz der beliebtesten und schönsten Urlaubsorte in Italien belegt laut weg.de ganz klar der Gardasee. Hier sieht man das wunderschöne Städtchen Desenzano del Garda am Abend.  © Imago / Augst / Eibner-Pressefoto

So wollte etwa die Stadt Rom mit der mehrjährigen Ausschreibung starten, „um dem Sektor Sicherheit und dem Bürger bessere Dienstleistungen zu geben“, wie Stadtrat Tobia Zevi sagt. Es fehle aber nicht nur ein nationales Gesetz als Basis, sondern auch ein Plan für die Nutzung der Strände. Man sei nun dabei, zumindest eine jährliche Ausschreibung für die abgelaufenen Konzessionen durchzuführen.

Chaos um Italiens Strände: Tausende Arbeitsplätze bedroht – Preise drohen zu explodieren

Die Betreiber sprechen nun von 300.000 gefährdeten Arbeitsplätzen. Zudem drohen die Preise zu explodieren und viele Strandbäder könnten gar komplett geschlossen bleiben. Mitte April gingen Tausende Angestellte in Rom auf die Straße, um gegen die aktuelle Rechtsunsicherheit zu protestieren. Auch hier drohte man der Regierung mit geschlossenen Strandbädern.

Italiens Regierung erklärte in Persona des stellvertretenden Ministerpräsidenten Antonio Tajani, dass man im Dialog mit der EU daran arbeite, eine Lösung zu finden. „Der gesunde Menschenverstand“ müsse siegen und „die Europäische Kommission muss die italienischen Besonderheiten verstehen“. Allerdings scheint kurz vor der Europawahl keine schnelle Lösung in Sicht. Eine Tatsache, die Giorgia Meloni durch ihre eigene Kandidatur für Europa sicher ändern möchte. Wie es mit den Strandbädern weitergeht, bleibt damit weiter offen – und die Betreiber sind enormer Unsicherheit ausgesetzt.

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