VonNadja Orthschließen
Bislang wurde geschätzt, dass Italien über rund 8.000 Kilometer Küstenlänge verfügt. Eine neue Messung kam nun auf ein überraschendes Ergebnis.
Rom – Wegen eines Rechtsstreits mit der EU hat Italiens Regierung seine Küsten bemessen – und ist zu einem überraschenden Ergebnis gekommen: Während man bislang schätzte, das Land verfüge zusammengerechnet über rund 8.000 Kilometer Küste, sollen es laut neuen Berechnungen mehr als 11.000 Kilometer sein. Mit den Bemessungen will sich die italienische Rechtsregierung gegen ein EU-Gesetz wehren, das die Küstenstreifen als „knappes Gut“ ansieht und daraus Konsequenzen für zunehmende kostenpflichtige Touristen-Strände ziehen will.
Laut Bemessungen einer Arbeitsgruppe des „technischen Gremiums“, das die Regierung in dem Rechtsstreit berät, sind Italiens Küsten exakt 11.172 Kilometer und 794 Meter lang und damit 3.000 Kilometer länger als bislang angenommen. Zum Vergleich: 3.000 Kilometer entsprechen in etwa einer Flugstrecke von Berlin übers Mittelmeer bis nach Kairo in Ägypten.
Italien berechnet seine Küstenlänge neu - Hintergrund ist ein Rechtsstreit mit der EU
Italiens Regierung gab die Bemessung nicht aus reiner Neugierde in Auftrag, wie mehrere Medien berichten. Nach Angaben der Online-Portale Der Standard und exxpress liefen die Berechnungen vor einem Rechtsstreit um die insgesamt 30.000 „stabilimenti balneari“ in Italien, also kostenpflichtige Strände. In den Augen der EU sind die italienischen Bezahlstrände auf öffentlichem Grund und deshalb angesichts der sogenannten Bolkestein-Direktive, die 2006 beschlossen wurde, illegal.
Die Direktive schreibt vor, dass staatliche Konzessionen regelmäßig neu ausgeschrieben werden müssen, um die Konkurrenz zu fördern. Unter einer Konzession versteht man eine Partnerschaft zwischen dem Staat und einem privaten Unternehmen.
EU-Streit mit Italien: Kostenpflichtige Strände sind historisches und kulturelles Erbe - „nur über meine Leiche“
Italien will die staatliche Konzession nicht regelmäßig neu ausschreiben und hielt sich bislang nicht an die Direktive. Die Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni argumentiert, dass die kostenpflichtigen Strände ein historisches und kulturelles Erbe in Italien darstellen, das von Einheimischen weitergeführt werden soll.
Zudem schaffen die kostenpflichtigen Strände jährlich tausende Arbeitsplätze. Man wolle verhindern, dass internationale Unternehmen bei einer Ausschreibung der Strände mehr bieten und sich ins Land drängen. Vor ihrer Wahl hatte Meloni bereits angekündigt, dass „ein Ausverkauf der Lidos nur über meine Leiche erfolgen wird“. Gleichzeitig herrschen für Touristen unter anderem skurrile Gesetze an italienischen Stränden.
EU hat Verfahren gegen Italiens Regierung: Neu berechnete Küstenlänge könnte im Rechtsstreit helfen
Die EU hat währenddessen genug von Italiens „Streik“ und Mitte November offenbar ein Vertragsverletzungsverfahren gegen das beliebte Urlaubsland eingeleitet. Dagegen will sich die Regierung mithilfe der exakten Küsten-Vermessung nun wehren. Sollte Meloni beweisen können, dass es sich bei den Stränden gar nicht um ein „knappes Gut“ handelt, fällt sie nicht länger unter die Bolkestein-Direktive.
Die kostenpflichtigen Strände in Italien belegen mittlerweile 2.143 von den insgesamt 11.172 Küstenkilometern. Zwar machen sie insgesamt betrachtet nur rund ein Fünftel der gesamten Strandlänge aus, wie Der Standard unter Berufung auf die Umweltschutzorganisation Legambiente berichtet, müssten die Zahlen aber ins Verhältnis gebracht werden. So würden „stabilimenti balneari“ fast nur Sandstrände belegen, kaum hingegen die Felsenküsten. Die Gesamtlänge der Sandstrände betrage lediglich 3.418 Kilometer. Damit würden die 2.143 Kilometer der kostenpflichtigen Strände mehr als 60 Prozent ausmachen. Laut einem italienischen Gesetz seien aber nur maximal 40 Prozent erlaubt. (nz)
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