Bekanntester Geheimtipp Europas

Urlaubsland Albanien – Geheimtipp oder bald zu voll?

  • schließen

30 Prozent mehr Touristen binnen eines Jahres. Albanien boomt. Der Ministerpräsident ist begeistert – und opfert dafür viel.

Berlin – Albanien boomt als Reiseziel. Das Land verzeichnet weltweit das vierthöchste Wachstum an internationalen Touristen. Für das wirtschaftlich sonst eher schwache Land ein enormer Wohlstandshebel, sagt Albaniens Ministerpräsident Edi Rama gegenüber IPPEN.MEDIA. Und trotzdem: Der billige Tourismus birgt nicht nur Chancen. Das sieht man derzeit unter anderem in Spanien. In vielen Regionen protestiert die Bevölkerung dort immer heftiger gegen den sogenannten Übertourismus. Droht das Schicksal auch Albanien? Der Naturschutz leidet unter den sich tummelnden Touristen bereits.

Urlaub in Südosteuroa: Rekordwachstum bei Tourismus in Albanien

Innerhalb eines Jahres wuchs die Zahl der Touristen in Albanien um rund 30 Prozent – ein Rekord. 2022 waren es noch 7,5 Millionen internationale Gäste, 2023 bereits 10,1 Millionen. Das ergeben Zahlen der UN Tourismus-Organisation. Allein der Tourismus hat demnach massiv zu den fünf Prozent Wirtschaftswachstum von 2022 beigetragen. In EU-Ländern – besonders Deutschland – gilt Albanien schon längst als der wohl bekannteste Geheimtipp, wenn es um günstigen Urlaub, schöne Natur und geschichtsträchtige Architektur geht.

Albanien und seine schöne Landschaft gilt in Europa kaum noch als Geheimtipp – der Tourismus wird für das ehemals abgeschottete Land zur immer wichtigeren Wirtschaftssäule.

Besonders der wachsende Tourismus aus Deutschland freut Ministerpräsident Rama. Dieser war im Rahmen der Westbalkan-Konferenz auf Staatsbesuch in Berlin und traf sich mit dieser Redaktion zum Interview. „Das ist in mehrerlei Hinsicht eine tolle Sache. Zum einen hatte Albanien in Deutschland lange Zeit einen schlechten Ruf. Albanien stand für Verbrechen, Korruption und ein düsteres Land. Das ändert sich durch den wachsenden Tourismus gerade enorm“, sagte Rama im Gespräch. Der kommunistische Autokrat Enver Hoxha hat Albanien während des Kalten Kriegs jahrzehntelang abgeschottet. Mittlerweile sucht Albanien den Schulterschluss mit der EU, ist seit 2014 Beitrittskandidat.

Deutsche Touristen für Albanien ein „Glücksfall“

„Zum anderen stehen gerade deutsche Touristen stellvertretend für bleibenden Erfolg. Das zeigt die Erfahrung aus anderen Ländern: Wenn Urlauber aus Deutschland in größerer Zahl ein Land besuchen, ist das ein Zeichen für einen stabilen und dauerhaften Tourismussektor.“ Diesen will der Ministerpräsident vorantreiben. „Die Deutschen haben oft 30 Urlaubstage. Und sie nehmen meist nur ein paar Tage für kürzere Urlaube. Davon verbringen immer öfter einige Tage in Albanien. Für uns ist das ein Glücksfall.“

Albaniens Ministerpräsident Edi Rama freut sich besonders über deutsche Touristen. Sie markieren ihm zufolge einen stabilen Wirtschaftssektor.

Kritikerinnen und Kritiker weisen bei derart stark steigenden Zahlen an Touristinnen und Touristen oft auf Übertourismus hin. Was passiert, wenn Scharen an Gästen kommen und die heimische Bevölkerung – neben den wirtschaftlichen Vorteilen – zunehmend darunter leidet, zeigt sich etwa in Spanien. Ministerpräsident Rama will davon derzeit nichts hören und sieht momentan keine Gefahr im Übertourismus.

Naturschutz zieht den Kürzeren

Die albanische Politik empfängt die Urlauberinnen und Urlauber mit offenen Armen und opfert für sie viel. Naturschutzprojekte wie etwa am letzten unregulierten Fluss Europas, Vjosa, der in die Adria mündet, werden in Teilen vom Naturschutz ausgenommen. Mitten in eine Route von Zugvögeln wird ein neuer Flughafen gebaut, um auch in den kommenden Jahren noch mehr Urlauberinnen und Urlauber empfangen zu können.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Armando Babani

Kommentare