Ungleiche Arbeitsverteilung

Video zur „Freizeitkluft“ geht auf TikTok viral: Väter haben im Schnitt 37 Minuten mehr Freizeit am Tag

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Eine Mutter spricht auf TikTok über die ungleiche Freizeitverteilung von Müttern und Vätern. Und regt damit im Netz eine wichtige Debatte an.

Paige Turner ist eine berufstätige Vierfach-Mutter, die auf TikTok und Instagram unter dem Name @sheisapaigeturner über die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Karriere sowie die mentale Belastung von Frauen und fehlende Gleichberechtigung spricht. In einem kürzlich veröffentlichten Video berichtet sie von der „Freizeitkluft“ zwischen Müttern und Vätern und hat damit im Netz eine wichtige Diskussion entfacht.

Männer haben im Jahr durchschnittlich 218 Stunden mehr Freizeit

Studien zeigen: Während Müttter „freie Zeit“ oft zum Abarbeiten von To-Do-Listen nutzen, investieren Väter sie häufiger in Freizeitaktivitäten. (Symbolbild)

Der Clip thematisiert ein Problem, das viele Familien betrifft, aber nur selten offen diskutiert wird: Männer haben durchschnittlich mehr Zeit für Hobbys und zur Erholung als Frauen, die ihre „freie“ Zeit oft mit unbezahlten Haushaltstätigkeiten oder der Kindererziehung verbringen.

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Dabei handelt es sich nicht um ein subjektives Empfinden – sondern um eine Tatsache, die durch Untersuchungen belegt ist. So zeigen Studien, dass Männer in Mehrpersonenhaushalten mit Kindern im Schnitt täglich 37 Minuten mehr Freizeit haben als Frauen. Auf das Jahr gerechnet sind das 218 Stunden. Damit haben Väter sogar mehr freie Zeit als alleinlebende Männer, während Frauen die meiste Freizeit haben, wenn sie kinderlos sind und alleine wohnen. Das ergibt eine Auswertung der Zeitverwendungserhebung der Statistik Austria. Immerhin: Arbeiten beide Elternteile in Vollzeit, reduziert sich die Freizeitkluft zwischen Frauen und Männern auf sechs Prozent.

@sheisapaigeturner The leisure gap between moms and dad’s is very real. Men have more time for rest and hobbies and women often spend that time during the unpaid labor required to manage a home and have a family. #motherhood #parenting #marriage #fairplay #domesticlabor #chores #raisingkids #millennialmom #defaultparent #hobbies ♬ original sound - Paige

Frauen nutzen ihre „freie“ Zeit für mentale To-Do-Listen

Doch woran liegt das? In ihrem Video spricht Paige Turner darüber, dass Frauen in ihren vermeintlichen Pausen häufig Multitasking betreiben, mentale To-Do-Listen erstellen und abarbeiten, den Haushalt schmeißen, auf Abruf bereit stehen und sich um die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder kümmern. Männer würden ihre freie Zeit hingegen vor allem für Freizeitaktivitäten nutzen.

Mental Load, Stress, Schlafmangel, Einsamkeit: Dinge, die sich Eltern mit Kind anders vorgestellt haben

Mutter liegt mit Baby in der Wiese
Die Elternzeit wird schön, endlich Freizeit, wie Urlaub, abschalten und die Zeit mit dem Baby genießen, viel spazieren gehen, die angefangenen Bücher fertig lesen, neue Kochrezepte ausprobieren. Was sich gerade Mütter während der ersten Schwangerschaft ausmalen, entspricht in vielen Fällen nicht dem, wie es dann wird. Manche Mütter und Väter fühlen sich vom neuen Lebensabschnitt überrollt und trotz aller Vorbereitungen doch nicht genug vorbereitet. (Symbolbild) © Kzenon/Imago
Frau enttäuscht am Telefon
So sehr sich viele Mütter über den positiven Schwangerschaftstest und den Nachwuchs freuen, umso herausfordernder kann dann die Organisation rund um die Geburt werden. Je nachdem, in welcher Stadt sie leben, wird Eltern geraten, sich frühzeitig um einen Platz zur Entbindung in einer Klinik zu bemühen. 24vita.de sprach mit einer Mutter, die bereits in der 6. Woche der Frühschwangerschaft von Kliniken am Telefon abgewiesen wurde, weil sie zum errechneten Entbindungstermin keinen Platz ermöglichen konnten. „Das habe ich wirklich nicht erwartet“, berichtete die Mutter. (Symbolbild) © AntonioGuillem/Imago
Zwei Frauen mit Baby am Wickeltisch.
Ein für viele Mütter besonders frustrierender Umstand ist der Mangel an Hebammen in Deutschland, insbesondere zur Nachsorge. Ein Umstand, den sich so manche Eltern wohl anders vorgestellt haben. Die Hebamme kommt nach der Geburt zu den Müttern nach Hause – anfangs täglich, später wöchentlich – sieht nach dem Baby und ist auch wertvolle Ansprechpartnerin für die Mutter. Eltern brauchen speziell am Anfang Unterstützung und Kraft, um ihre nötige Kompetenz entwickeln zu können. Gerade nach der Geburt fühlen sich viele Mütter körperlich und mental erschöpft. Die Hebamme kontrolliert in der Nachsorge zudem die Rückbildung der Gebärmutter bei der betreffenden Mutter, den Wochenfluss sowie die Wundheilung von Riss- oder Operationswunden bei Dammriss oder -schnitt sowie Kaiserschnitt. Außerdem zeigt die Hebamme ihnen erste Übungen der Rückbildungsgymnastik. (Symbolbild) © Mareen Fischinger/Imago
Mutter sitzt erschöpft vor Babybett
Ein Baby bedeutet das pure Glück – so denken und hoffen es die meisten Eltern. Doch nicht immer stellt sich nach der Geburt das Gefühl von Glück und unendlicher Liebe ein. Bei etwa 710.000 Geburten pro Jahr in Deutschland zeigen über 70.000 Frauen und mit ihnen auch Männer pro Jahr Symptome einer postpartalen Depression. (Symbolbild) © Highwaystarz/LOOP IMAGES/Imago
Vater und Sohn schlafen im Sitzen
„Schlaf immer dann, wenn das Baby schläft.“ Ein gut gemeinter Rat von anderen Eltern, der nach der Geburt eine besondere Bedeutung einnehmen wird. Denn den schwierigen Umstand der veränderten Schlafqualität mit Schlafmangel haben sich viele Eltern definitiv anders vorgestellt. Nicht selten fühlen sich die übermüdeten Mütter und Väter dann über den ganzen Tag schläfrig-benommen, leiden unter Konzentrationsschwierigkeiten, Stimmungsschwankungen und sind stark reizbar. (Symbolbild) © Tanya Yatsenko/Imago
Mutter mit Baby erinnert sich
Zu dem neuen Leben mit Baby kommen auch jede Menge Aufgaben auf Mütter und Vater zu, angefangen vom neuen Tagesablauf, den oftmals kurzen Nächten, über das Stillen des Babys und Fläschchen geben bis hin zu Nachsorge- und Vorsorgeterminen. Gerade Mütter berichten, das Gefühl zu haben, an vieles denken zu müssen und machen dabei häufig die Erfahrung – auch wenn das Kind schon älter ist sowie, wenn Geschwister dazu kommen – Termine, Verabredungen oder Aufgaben zu vergessen. (Symbolbild) © Highwaystarz/LOOP IMAGES/Imago
Frau sortiert Wäsche in Waschmaschine
Mit dem Nachwuchs wird die Arbeit im Haushalt nicht weniger, ganz im Gegenteil. „Ich hätte es nie für möglich gehalten, so viel Wäsche pro Woche zu waschen“, erzählt eine Mutter 24vita.de im Gespräch. Mit dem Baby in der Familie fehlt es dann schlicht und ergreifend häufig an Zeit und vielen Eltern auch an Energie, Aufgaben zu erledigen, selbst wenn Eltern das Kind einbinden oder sich zur Erholung zum schlafenden Baby dazu legen. (Symbolbild) © YAY Images/Imago
Frau in der Dusche
Eine ausgiebige Dusche oder ein schönes, warmes Bad. Was für Menschen ohne Kinder meist selbstverständlich ist, muss von Eltern mit Baby nicht selten zeitlich eingeplant werden. „Ich habe anfangs immer nur ganz schnell duschen können, weil unser Kleiner nicht gerne abgelegt werden wollte und dann viel weinte“, beschreibt eine Mutter im Gespräch mit 24vita.de. Zwar mag es für die einen absurd klingen, doch ist dieser Umstand für so manche Mutter oder manchen Vater nach der Geburt des Babys blanke Realität, die vorher nicht in ihrer Vorstellung vorkam. (Symbolbild) © Ihar Ulashchyk/Imago
Mutter wiegt Baby im Arm
Über neun Monate warten Eltern darauf, ihr Baby in den Armen halten zu können. „Jeden Tag war das für mich ein besonderer Moment, wenn ich unser kleines Baby im Arm hielt, sie wiegte, an ihr roch“, so die Mutter einer jetzt 4-Jährigen. Die meisten Eltern freuen sich auf ihre Elternzeit mit Kind, doch es gibt auch die Mütter und Väter, die sich in dieser ersten Zeit mit Kind dennoch alleine fühlen, da ihnen beispielsweise die Ansprache mit anderen fehlt. (Symbolbild) © Monkey Business 2/Imago
Eltern mit kleinem Baby
Mit der Geburt des Babys werden aus zwei Menschen eine Familie. Wo sich vorher die Frau und der Mann voll auf ihre Partnerschaft konzentrieren konnten, stehen nun in der Regel vorrangig die Bedürfnisse des Nachwuchses im Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Baby verändert zwar eine Partnerschaft, kann sie aber auch bereichern. Mutter und Vater ist eine Rolle im Leben, in die Eltern zunächst hineinwachsen müssen, die auch mit Tücken, Hindernissen und verschiedenen Gefühlen verbunden ist, auch wenn es in der eigenen Vorstellung einfacher schien. (Symbolbild)  © Cavan Images/Imago

Eine entscheidende Rolle spielt dabei also der sogenannte „Mental Load“. Also die mentale Belastung, die die Organisation des Familienlebens (Termine einhalten, Essen kochen etc.) mit sich bringt. Durch diese unsichtbaren Aufgabenlast werden potenzielle Auszeiten häufig unterbrochen. Manchmal werden die Verantwortung und der chronische Stress dabei so groß, dass sie in einem Erschöpfungszustand, dem sogenannten „Eltern Burn-out“ enden. Ein Phänomen, das vor allem Frauen betrifft: In Deutschland leidet etwa jede fünfte Mutter an frauenspezifischen Burnout-Symptomen, wie das Müttergenesungswerks (MGW) berichtet.

TikTok-Nutzer teilen ihre Erfahrungen

Paige Turner greift diesen Aspekt auf und erklärt in ihrem Video: „Der Unterschied liegt nicht nur in der Zeit, sondern auch im mentalen Raum.“ Sie erklärt, dass die Freizeitkluft vielmehr eine Frage der Fairness und des emotionalen Gleichgewichts, als der protokollierten Stunden sei.

Das bestätigen auch die TikTok-Nutzer in ihren zahlreichen Kommentaren, in denen sie von ihren Erfahrungen berichten:

  • So schreibt eine Mutter unter dem Name @Sydney: „Selbst wenn ich so aussehe, als würde ich auf der Couch sitzen und auf meinem Handy scrollen, kaufe ich in Wirklichkeit Winterkleidung für die Kinder, recherchiere Tipps zum Töpfchentraining, bestelle Lebensmittel usw.“
  • Die Userin @Angel kommentiert: „Es macht mich traurig zu sehen, wie viele meiner Freundinnen 80 % der Arbeitsbelastung zu Hause haben.“
  • Und die Nutzerin @Pennyiscute schreibt: „Ich kann mich in meinem eigenen Zuhause nicht entspannen. Jeder Raum, den ich betrete, erinnert mich an die Aufgaben, die ich erledigen muss. Mein Mann sagt mir, ich solle mich entspannen, aber ich kann nicht 😩“

Doch es gibt auch andere Stimmen. So beschreibt die Mutter @Adele: „Ehrlich gesagt ging es mir am Anfang auch so, ich habe einfach ständig irgendetwas gemacht. Wenn die Kinder jetzt außer Haus sind, mache ich den Sch*** nicht mehr. Setzen Sie sich einfach hin und entspannen Sie sich, Sie müssen nicht rund um die Uhr etwas tun“.

Und die Userin @Lisa teilt eine ähnliche Herangehensweise: „Ich erledige Hausarbeiten nur, wenn meine Kinder wach sind, damit sie diese 1. mitkommen und lernen und 2. ich mich entspannen kann, wenn sie schlafen oder anderweitig beschäftigt sind.“

Erholung priorisieren, Verantwortung aufteilen

Die Autorin Jordan Fink schreibt für das Elternportal Motherly und rät Paren in diesem Zusammenhang zu offenen Gesprächen über die Arbeitsaufteilung und die unsichtbare mentale Belastung. Ein erster Schritt sei hierbei Bewusstsein zu schaffen – etwa durch die Fair Play Methode – und Aufgaben anschließend gerecht aufzuteilen.

Ein Modell könnte hier eine abwechselnde Aufgabenzuteilung sein. Zum Beispiel bei der Essensplanung oder der Frage, wer die Kinder ins Bett bringt. Auch Hilfe anzunehmen und Aufgaben wie das Putzen auszulagern könne eine Möglichkeit sein, Eltern zu entlasten.

Darüber hinaus sollten auch Väter bezahlte Elternzeit nehmen und es müsse sichergestellt sein, dass ausreichend Betreuungsplätze zur Verfügung stehen, um Mütter nicht unverhältnismäßig zu belasten. Denn letztlich sei das Freizeitgefälle zwischen Müttern und Vätern „ein Symptom veralteter Geschlechterrollen und gesellschaftlicher Normen“. Videos, wie das von Paige Turner sollten als Aufruf zum Handeln verstanden werden, um „zu überdenken, wie wir Haushaltspflichten definieren und aufteilen.“ Dabei gehe es nicht nur um Fairness, sondern auch darum, „ den Müttern, die Chance zu geben, durchzuatmen, neue Energie zu tanken und das Leben wirklich zu genießen.“

Rubriklistenbild: © YAY Images/Imago

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