Aviäre Influenza

Vogelgrippe grassiert in Deutschland: Neuer Ausbruch im Emsland – 4300 Tiere betroffen

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Die Sommerwelle der Vogelgrippe ist noch nicht richtig abgeebbt, da kündigt sich bereits die nächste Welle an. Im Emsland sind erneut 4300 Tiere betroffen.

Update von Dienstag, 18. Oktober 2022, 13:53 Uhr: Lorup – In einem Putenmastbetrieb in Lorup (Landkreis Emsland) ist die Vogelgrippe nachgewiesen worden. Wie es in einem Bericht der Nachrichtenagentur dpa heißt, seien bereits 4300 Puten im Alter von 15 Wochen wegen des Nachweises des Virus-Subtyps H5N1 getötet worden. Dies habe der Landkreis am Dienstag mitgeteilt. Von Mittwoch an gelte zudem eine Allgemeinverfügung, die unter anderem die Einrichtung einer Schutzzone im Umkreis von drei Kilometern um den Betrieb vorsieht.

Vogelgrippe grassiert in Deutschland: Neuer Ausbruch im Emsland – 4300 Tiere betroffen

Von dieser Zone sind 30 Betriebe mit 776.330 Tieren sowie 16 Hobbyhaltungen mit 266 Tieren betroffen. In die größere Überwachungszone mit einem Radius von 10 Kilometern fallen über 3,8 Millionen Tiere.

Experten rechnen mit einer weiteren Welle der Geflügelpest im Herbst. (Archivbild)

In der Schutzzone müssen Betriebe ihre Tiere zweimal wöchentlich auf eine mögliche Infektion hin untersuchen. Innerhalb der beiden Zonen sind der Transport von lebendem Geflügel und Eiern verboten und es gilt eine Stallpflicht. Der betroffene Betrieb werde zudem gereinigt. Frühestens nach 21 Tagen ohne weiteren Fall endet die Schutzzone, erst nach 30 Tagen kann die Überwachungszone enden.

Im Emsland war zuvor in der Gemeinde Surwold ein Vogelgrippe-Ausbruch festgestellt worden, wie der Landkreis mitteilte. Dort wird die Schutzzone nun am 21. Oktober aufgehoben.

Vogelgrippe grassiert in Deutschland: Experte sieht Risiko weiterer Welle im Herbst und Winter

Erstmeldung von Montag, 17. Oktober 2022, 10:50 Uhr: Hannover/Greifswald – Die Sommerwelle der Vogelgrippe hat Deutschland und Niedersachsen in diesem Jahr mit voller Bandbreite erwischt: Wildvogelsterben in der Nordsee, ganze Geflügelbestände fielen der Vogelgrippe zum Opfer. In ganz Niedersachsen wurden bereits hunderttausende Tiere aufgrund der Avivären Influenza getötet. Die Welle ist noch nicht ganz vorbei, da kündigt sich bereits zum Vogelzug im Herbst und Winter die nächste Welle an.

Der Vogelzug habe eingesetzt und gehe seinem Höhepunkt entgegen, sagte Timm Harder vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bei Greifswald der Deutschen Presse-Agentur. „Tiere verschiedener geografischer Herkünfte und Arten kommen auf engem Raum in dieser Zeit jetzt zusammen. Und das ist für einen Virus natürlich eine ideale Gelegenheit, weitere Wirte zu finden“, sagte der Leiter des Nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenza am FLI. Damit steige auch das Risiko neuer Varianten.

Wichtige Informationen zur Vogelgrippe: Was Deutschland im Herbst bevorstehen könnte

  • Droht eine besonders starke Winterwelle?
    Das ist laut Timm Harder schwer vorherzusagen. Zumindest bestehe das Risiko einer weiteren Welle, sagt der Leiter des Nationalen Referenzlabors für Aviäre Influenza am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) bei Greifswald. Der Vogelzug habe eingesetzt und gehe seinem Höhepunkt entgegen. „Tiere verschiedener geografischer Herkünfte und Arten kommen auf engem Raum in dieser Zeit jetzt zusammen. Und das ist für einen Virus natürlich eine ideale Gelegenheit, weitere Wirte zu finden.“ Es gebe die Angst, „dass eine empfängliche Wildvogelpopulation, die jetzt bei uns einfliegt, auf Virus trifft, das bereits hier im Ökosystem zirkuliert.“
  • Wann war normalerweise Vogelgrippe-Saison in Europa?
    Bedingt durch den Vogelzug grassierte die Vogelgrippe laut Harder in zurückliegenden Jahren vor allem zwischen Oktober und April. 2021 habe es dann erstmals auch im Sommer Fälle, vor allem im nördlichen Europa, gegeben. Allerdings nicht in dem Ausmaß wie 2022. „In diesem Sommer ist das ganze Konzept quasi komplett über den Haufen geworfen worden.“
  • Welche Vögel sind in den vergangenen Monaten gestorben und wo?
    Zuletzt hat es nach Aussage des Experten vor allem koloniebrütende Seevögel getroffen: Seeschwalben und Basstölpel an der Nordsee und Kormorane an der Ostsee. Weiter im Norden etwa an den Küsten Schottlands, Norwegens, der Färöer-Inseln bis nach Island und Spitzbergen seien vor allem auch Möwenarten betroffen gewesen. Allein für die Nordsee geht Harder davon aus, dass Zehntausende Wildvögel dem Virus zum Opfer gefallen sind.
  • Wie hat sich die Epidemie in Geflügelbetrieben ausgewirkt?
    Beim Geflügel sei es im Frühsommer etwa im Norden Italiens bei Putenhaltungen zu massiven Ausbrüchen gekommen, sagt Harder. In Frankreich habe es besonders die Entenhaltung getroffen. Ungewöhnlich sei zum einen, dass dieses Mal auch Spanien und Portugal betroffen sei. Außerdem habe es dieses Mal auch viele Ausbrüche quer durch die Geflügelsparten im Vereinigten Königreich gegeben. Laut ECDC wurden während der Vogelgrippesaison 2021/2022 48 Millionen Tiere in Betrieben in Europa gekeult.
  • In Deutschland habe es den Sommer über immer wieder sporadisch Ausbrüche bei Haltern gegeben. Im überwiegenden Maße seien Hühner betroffen gewesen, sagt Harder. „Legehennen-Haltungen waren das in der Regel.“ Aber auch Gänse- und Putenbetriebe seien hierzulande betroffen gewesen.
  • Wie hoch ist das Risiko durch die Vogelgrippe für Betriebe in Deutschland?
    Laut FLI-Risikoeinschätzung von Anfang Juli ist das Risiko für Einträge in Haltungen an den Küsten hoch und ansonsten gering. Allerdings gibt es laut Harder Anzeichen, dass sich das Infektionsgeschehen von den Küsten aus, wo es den Sommer über vor allem auftrat, wieder über Gesamtdeutschland verteilt. Auch die zurückliegenden saisonalen Seuchenzüge im Winter hätten sich meistens auf ganz Deutschland erstreckt. Er erwartet ein steigendes Risiko auch für Betriebe abseits der Küsten und eine entsprechende Aktualisierung der Risikoeinschätzung.
  • Sind in Deutschland Bestände oder gar Arten durch die Vogelgrippe gefährdet?
    Gefahr wird zumindest für Bestände gesehen. Martin Rümmler, Referent für Vogelschutz beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu), hatte in diesem Zusammenhang etwa auf den Basstölpel verwiesen, der in Deutschland nur auf Helgoland brüte. Die Kolonie war stark betroffen. Wenn sie wegfiele, wäre die Art für Deutschland ausgestorben. Harder macht sich mit Blick auf Arten Sorgen, die zwar älter werden, aber pro Wurf vergleichsweise wenige Jungtiere produzierten. Hier seien Verluste schwerer zu ersetzten. Er denke auch an Greifvögel, die sich durch das Fressen infizierter Tiere anstecken können. (dpa)

Ob es tatsächlich so komme, sei schwer vorherzusagen. Entgegen der Saisonalität der Vergangenheit gab es auch im Sommer in Europa ein starkes Infektionsgeschehen. „Die Angst ist, dass eine empfängliche Wildvogelpopulation, die jetzt bei uns einfliegt, auf Virus trifft, das bereits hier im Ökosystem zirkuliert.“

Vogelgrippe grassiert in Deutschland: Ausbreitung über Gesamtdeutschland droht laut Experte

Auch drohe eine Ausbreitung über Gesamtdeutschland. Man erhalte aktuell wieder Wildtierproben aus dem mittleren Teil Deutschlands, sagte Harder. Es sei davon auszugehen, dass sich die Fixierung des Virus auf die Küsten vom Sommer löse. Damit steige auch das Risiko für Geflügelbetriebe abseits der Küsten. Das FLI werde die von Anfang Juli stammende Risikoeinschätzung für Halter (an den Küsten hoch und ansonsten gering) voraussichtlich entsprechend aktualisieren. Auch die zurückliegenden saisonalen Seuchenzüge im Winter hätten sich meistens auf ganz Deutschland erstreckt, erklärte Harder. Derzeit besonders hart betroffen mit Vogelgrippe: Jungstörche.

Wieso Vogelgrippe für Deutschland so dramatisch ist: wichtige Antworten zum Thema

  • Wieso fällt die jüngste Epidemie der Vogelgrippe so dramatisch aus?
    Das ist laut Harder bisher ungeklärt. „Es werden viele Erklärungsversuche angebracht. Das fängt beim Klimawandel und verändertem Wildvogelverhalten an.“ Auch die schiere Menge des zirkulierenden Virus werde genannt. Teilweise werde vermutet, dass die Viren, die sich über den Sommer ausgebreitet haben, eine höhere Fitness besäßen. „Aber für keine dieser Vermutungen gibt es wirklich hieb- und stichfeste Beweise.“
  • Zirkulieren eine oder mehrere Varianten der Vogelgrippe und könnten neue kommen?
    Harder sagt, man sehe über ganz Europa verteilt ein relativ einheitliches Virus. Dieses habe sich im Vorfeld durchgesetzt. „Die große Variabilität verschiedener Viruslinien hatten wir eigentlich in der Saison 20/21 gesehen.“ Theoretisch könnten mit dem Vogelzug auch wieder neue Varianten eingeschleppt werden. Klassischerweise seien solche Einträge aus dem eurasischen Raum, etwa aus Russland und Sibirien, Trigger für Vogelgrippewellen gewesen. Es gebe aber relativ wenige Daten dazu, was den Sommer über in Russland passiert sei. „Wir wissen nicht, ob die Vögel etwas Neues mitbringen.“
  • Wie sieht es mit dem Risiko für Menschen aus?
    In der Vergangenheit war es laut Harder im Verlauf von Seuchenzügen auch zu Todesfällen bei Menschen vor allem in Südostasien oder Ägypten gekommen. Die ECDC hatte das Risiko für die Bevölkerung jüngst aber als niedrig eingeschätzt. Nach Aussage Harders seien Infektionen bei Menschen zuletzt absolute Ausnahmen und ohne ernsthafte Erkrankung geblieben. Die Gefahr könne steigen, wenn das Virus mutiere. Die Viren seien genetisch relativ flexibel und Mutationen häufig. Zudem habe man über ganz Europa Fälle von Säugetieren gesehen, die vermutlich nach dem Fressen infizierter Vögel an Vogelgrippe gestorben seien. Harder nannte Otter, Füchse, Marder, aber auch Meeressäuger wie Schweinswale oder Seehunde. Diese sporadischen Fälle legten nahe, dass bei engem Kontakt, etwa beim Einsammeln von Vögeln, entsprechender Schutz und Vorsicht wichtig seien.
  • Wie hat sich das Vogelgrippe-Virus in der Vergangenheit verbreitet?
    Der Vorläufer der bis heute grassierenden Vogelgrippeviren sei erstmals 1996 bei einer Gänseherde in Südchina festgestellt worden, erklärt Harder. In Südostasien habe sich das Virus gehalten und sei auch immer wieder auf Wildtiere übergesprungen. Einen ersten großen Ausbruch habe es 2003 bei Wildvögeln in Nordchina und der Mongolei gegeben. In Deutschland habe es dann im Februar 2006 einen ersten Nachweis bei einem Schwan gegeben. 2014 habe es eine weitere schwere Welle gegeben, die sich über Russland nach Westen bis Europa und Afrika und im Osten erstmals über die Beringstraße bis nach Nordamerika ausgebreitet habe. Seit 2016 habe die Vogelgrippe Deutschland relativ regelmäßig heimgesucht.
  • Kann man von einer Pandemie sprechen?
    Ja, mit Blick auf die Wildvögel spricht Harder von einer Pandemie durch die Vogelgrippe. Wie schon 2014 würde das Virus derzeit auch in Nordamerika grassieren. Dorthin sei es bereits im Herbst 2021 vermutlich durch Wildvögel über Island, Grönland und Neufundland getragen worden. Es habe sich im Westen bis an den Pazifik und im Süden bis nach Florida ausgebreitet. Mit dem auch in Nordamerika gegenwärtigen Vogelzug bestehe die Sorge, dass das Virus auch nach Mittel- und Südamerika gelange. Das wäre „die nächste Mauer, die das Virus durchbrechen würde“, wie Harder sagt. (dpa)

Die EU-Gesundheitsbehörde ECDC hatte kürzlich von der schwersten jemals erfassten Epidemie der Vogelgrippe in Europa gesprochen. Laut einem Bericht der Behörde wurden während der Vogelgrippesaison 2021/2022 fast 2500 Ausbrüche in Geflügelhaltungen festgestellt. 48 Millionen Tiere seien dort gekeult worden. Für Menschen ist das derzeitig kursierende Virus laut Experten eher ungefährlich. (mit Material der dpa)

Rubriklistenbild: © Sina Schuldt/dpa

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