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Am Montblanc ist ein mächtiger Steinschlag vor den Augen von Bergsteigern ins Tal gedonnert. Das Video davon geht viral. Es ist eine der gefährlichsten Passagen der Alpen. Und das Risiko wächst täglich.
Chamonix /Saint-Gervais – Erst sieht man einen großen Stein über eine steile verschneite Flanke ins Tal donnern, dann schlagen weitere Steine oberhalb im schneefreien Gelände wie Schüsse ein, Staub wirbelt auf. Schließlich donnern Felsen wenige Meter vor dem Objektiv des Filmers vorbei, bevor dort eine Altschneelawine ins Tal kracht. Die Kameraführung zeigt, wie die Person, die filmt, Schutz hinter einem Felsen sucht.
Lawine aus Fels und Eis brettert über viel begangene Tour zum Montblanc
Ein Video, das in diesen Tagen Bergsteiger am Grand Couloir am 4805 Meter hohen Montblanc (Frankreich) aufgenommen wurde, sorgt in der Bergsteigerszene und weit darüber hinaus für Aufsehen. Das Grand Couloir ist eine Steilrinne an der Bergspitze der Aiguille du Goûter am Fuß des Montblanc auf 3340 Metern Höhe. Als Bergsteiger muss man diese Rinne zu Fuß durchqueren, um über die Tête-Rousse-Hütte (3167 Meter) zur Goûter-Hütte (3835 Meter) zu gelangen, von wo die Goûter-Route auf den Montblanc führt. Diese gilt als der Normalweg auf Europas höchstem Berg, über den die Grenze zu Italien verläuft. Rund 130 Alpinisten queren sie in den Sommermonaten pro Tag im Durchschnitt.
Dabei sind Steinschläge, Felsstürze und Lawinen Routine an dieser Stelle: „Jeden Sommer kommt es im Schnitt zu 15 schweren Unfällen, wovon vier tödlich ausgehen“, heißt es auf der Seite des Deutschen Alpenvereins DAV. Wenn wenig oder gar kein Schnee auf der Wand liegt, der die losen Oberflächenfelsen zusammenhält, wird es brisant. Deshalb wird diese Stelle auch „Couloir de la mort“, also „Korridor des Todes“ oder „Todesrinne“ genannt. Die Querung wurde sogar schon mal mit russischem Roulette verglichen, was die Gefahr, die dort lauert, ganz gut verdeutlicht.
„Todeskorridor“ fordert jedes Jahr durchschnittlich 15 Menschenleben
„Auf der einen Seite der Abgrund, auf der anderen Felsblöcke, die den Hang herabstürzen. Mit der Angst im Bauch wagt man sich vor und bringt die rund 100 Meter im Grand Couloir möglichst schnell hinter sich“, beschreibt der Schweizer Alpenclub SAC die Lage. Die wegen ihres schweren Steinschlags berüchtigte Schlüsselstelle auf der Aufstiegsroute passieren laut SAC jeden Sommer etwa 20 000 Personen, die auf den Mont Blanc wollen.
Im „Todeskorridor“ ereignet sich die Hälfte der gemeldeten Unfälle zwischen den Hütten Tête Rousse und Goûter, wie eine Unfallstudie aussagt, die gemeinsam von der Alpinpolizei der französischen Region Savoyen und der Petzlstiftung durchgeführt wurde. Letztere finanziert Projekte zur Unfallvermeidung in den Bergen. Ein YouTube-Video von vor drei Jahren verdeutlicht die Gefahr, es zeigt, wie ein Bergsteiger während der Querung in einen Steinschlag gerät.
Die Stiftung schlug 2010 vor, für eine Million Schweizer Franken einen 180 Meter langen Tunnel zu bohren, der das gefährliche Couloir umgeht. „Null Risiko gibt es nicht, denn das Couloir ist ja nur ein kleiner Teil der gesamten Besteigung! Aber auf einem Weg zwischen zwei Hütten, der in der ganzen Welt bekannt ist und stark begangen wird, dürfen wir uns schon Überlegungen machen, wie die Sicherheit verbessert werden kann“, meint Präsident Paul Petzl auf der Website der Stiftung.
Mit Flipflops ins ewige Eis? Bürgermeister lehnt Millionentunnel zur Umgehung der Stelle ab
Bei Jean-Marc Peillex, dem Bürgermeister der zuständigen Gemeinde Saint-Gervais, löst diese Idee keine Begeisterung aus. Für ihn ist eine Grenze erreicht. „Wenn man einen Tunnel baut, wird man das Problem nur verlagern, und man wird Leute in Flipflops auf der Goûter-Grat sehen“, sagt er gegenüber dem SAC. Ins gleiche Horn stoßen die Bergführer von Saint-Gervais.
Die Reaktionen bei Facebook zeigen, dass sich in der Frage der Montblanc-Bergtouren zwei unterschiedliche Welten auftun: „Schrecklich, das ist das Schlimmste, was in den Bergen passieren kann“, schreibt ein User. Ein anderer kommentiert: „Wir spielen russisches Roulette, nur um in der Kneipe erzählen zu können, dass wir dort waren.“ Eine Userin schreibt sarkastisch: „Und dann wundern wir uns, dass sich Tragödien ereignen. Herzlichen Glückwunsch.“ Der nächste Kommentar lautet: „Meine Güte, was für ein Glück, dass sie unversehrt davon kamen.“ Ein anderer spielt auf die Zunahme von Felsstürzen durch den Klimawandel an: „Überall bröckeln die Berge. Mit dieser abnormalen Hitze erhöhen sich leider die Risiken.“ Tatsächlich war vorigen Sommer die Null-Grad-Grenze auf 5000 Meter angestiegen, es taute also sogar auf dem Gipfel des Montblanc.
Einkalkulierte Risiko: Darüber wird in den sozialen Netzwerken heftig diskutiert
Für andere ist der Schrecken am Montblanc normal: „Ich war jahrelang als Helikopterarzt im Einsatz. Der Berg birgt schon immer ein hohes und teilweise sehr hohes Risiko. Aber wenn wir über das größte Risiko aller Zeiten nachdenken, das Auto … und trotzdem setzen wir uns hinein“, schreibt ein Mediziner. Ein anderer User meint: „Wenn die menschliche Rasse immer so vorsichtig gewesen wäre, wären wir nie auf dem Mond gewesen, hätten wir keine unerforschten Gebiete entdeckt und noch weniger die 14 höchsten Berge des Planeten bestiegen.“ Und ein weiterer User erklärt: „Hier lassen sich Kletterer von nichts Unerwarteten und Plötzlichen mitreißen; wer hier klettert, weiß, dass man, wenn man diesen Punkt erreicht, anhalten und ein Intervall zwischen zwei Abgängen abwarten muss. Dann geht‘s sofort ohne Pause weiter und man quert die Stelle zügig, ohne in Panik zu verfallen.“
Trotz der Gefahren hat im vorigen Jahr ein Mann aus Bayern mit zwei Beinprothesen den Montblanc bestiegen. In Österreich wurden im Februar Bergsteiger von einem Steinschlag getroffen und verletzt. Experten warnen, dass durch das Auftauen des Permafrosts in den Gipfellagen die Gefahr steigt.
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