„Ungebremster“ Anstieg

Ökonomen schlagen Alarm: 15-Milliarden-Euro-Trick im Rentenpaket muss korrigiert werden

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Die Haltelinie für das Rentenniveau soll kommen. Zwei Ökonomen sprechen jetzt eine Warnung aus. Die Maßnahme kann viele Milliarden kosten.

Berlin – Ein neuer Pflichtbeitrag für Beschäftigte soll die Finanzierung der Rente retten. Das zumindest ließ Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) jüngst in einer ARD-Sendung durchblicken. Die Bevölkerung müsse „mehr vom verfügbaren Einkommen“ für die Rente, die Altersversorgung und für Pflege aufwenden. Gleichzeitig droht durch das neue Rentenpaket mitsamt der Haltelinie des Rentenniveaus eine neue Belastung in Milliardenhöhe.

Rente-Haltelinie sorgt für massive Belastung – „ungebremster“ Anstieg bei Rentenzahlungen

Jetzt warnen zwei Ökonomen: Der Gesetzesentwurf zum neuen Rentenpaket, das unter anderem die viel diskutierte Haltelinie von 48 Prozent beinhaltet, soll auf absehbare Zeit für hohe Milliardenbelastungen im Haushalt sorgen. In einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) führen Ifo-Institutschef Clemens Fuest und Lars Feld vom Walter-Eucken-Institut aus, dass die Fortschreibung der Haltelinie in der Rente bis 2031 für einen „ungebremsten“ Anstieg bei den Rentenzahlungen sorgen kann.

Ökonomen schlagen Alarm: 15-Milliarden-Euro-Trick im Rentenpaket muss korrigiert werden. (Montage/Archiv)

Zwei wichtige Hebel (der Beitragssatzfaktor und der Nachhaltigkeitsfaktor), die die Rentenentwicklung üblicherweise bremsen, würden durch die Haltelinie quasi ausgehebelt.

Ohne das Rentenpaket würde die Haltelinie im Jahr 2031 nur noch 47 Prozent betragen, aber durch einen technischen Winkelzug werden Rentenerhöhungen auch nach dem Ende der 48-Prozent-Haltelinie weiter auf dem erhöhten Niveau aufsetzen. Das Rentenpaket sieht also weiter ein Rentenniveau von 48 Prozent vor, was zu einer zusätzlichen Belastung des Bundeshaushalts von rund 15 Milliarden Euro führen soll – pro Jahr. Schon vorher kommt das Rentenpaket den Bund teuer zu stehen: Die Ökonomen gehen für 2028 von neun Milliarden Euro zusätzlichem Bundeszuschuss aus, 2030 sollen es dann etwa 13 Milliarden Euro sein und 2031 die bereits erwähnten 15 Milliarden Euro.

BeitragssatzfaktorWenn der Beitragssatz zur Rentenversicherung teurer wird, wirkt sich das negativ auf die Rentenanpassungen aus. Sollte er aber sinken, so hat das positive Auswirkungen auf die Rentenanpassung.
NachhaltigkeitsfaktorDer Nachhaltigkeitsfaktor soll die demografische Entwicklung mit einer geringeren Rentenerhöhung berücksichtigen. Rentner sollen so an den finanziellen Belastungen durch demographische Änderungen beteiligt werden. Der Nachhaltigkeitsfaktor kann jedoch auch rentenerhöhend wirken. Zusammen mit dem Beitragssatzfaktor soll er die Rentenentwicklung dämpfen.

Quelle: Bundesrechnungshof

Dieser „technische Trick“ beim Rentenpaket soll eine „massive zusätzliche und dauerhafte“ Belastung auslösen. Nun sei es erforderlich, dass der Bundestag die Bedeutung dieser technischen Bestandteile des Gesetzesentwurfs erkenne und korrigiere.

SPD will Haltelinie für die Rente – andernfalls sinkt das Rentenniveau

Was steckt dahinter? Die sogenannte Haltelinie soll das Rentenniveau bis 2031 auf 48 Prozent des Durchschnittseinkommens festschreiben. Das war ein zentrales Wahlversprechen der SPD. Dabei setzt das Rentenniveau die Standardrente, die rechnerisch nach 45 Beitragsjahren mit durchschnittlichem Einkommen gezahlt wird, mit dem Durchschnittseinkommen von Arbeitnehmern in Deutschland in Relation.

Rente für Auswanderer: Die begehrtesten Länder für Deutsche im Ruhestand

Den ersten Platz belegt Österreich mit Zahlungen an knapp 29.000 deutsche Rentner.
Laut Statistik der Deutschen Rentenversicherung belegt Österreich mit Zahlungen an knapp 29.000 deutsche Rentner den ersten Platz als Auswanderland für Ruheständler. (Stand 31.12.2023) Besonders beliebt sind die Metropolen Wien, Salzburg und Innsbruck. Für Deutsche ist das Nachbarland vergleichsweise mit geringen Hürden verbunden, schließlich müssen sie keine neue Sprache erlernen. © SEPA.Media/IMAGO
An andere Berechtigte wurden 2023 rund 98.000 Zahlungen getätigt.
An Renten-Berechtigte aus anderen Ländern wurden 2023 rund 98.000 Zahlungen nach Österreich getätigt, wie der Rentenatlas 2024 zeigt. Kein Wunder, schließlich kürte die Unternehmensberatung Mercer Wien im Jahr 2023 zur lebenswertesten Stadt weltweit.  © Zoonar/IMAGO
Die Schweiz ist mit rund 26.000 Zahlungen das zweitbeliebteste Land.
Die Schweiz ist mit rund 26.000 Renten-Auszahlungen das zweitbeliebteste Land für Ruheständler. Die Höhe der bezogenen deutschen Rente ändert sich zwar nicht, wer in der Schweiz lebt. Aber Portale mit Informationen zum Auswandern in die Schweiz weisen auch daraufhin: Für einen dauerhaften Aufenthalt in der Schweiz müssen Deutsche, die nicht der EU/EFTA-Staaten angehören, eine Aufenthaltsbewilligung beantragen. © Panthermedia/IMAGO
Zahlungen an andere ausländische Beteiligte sind jedoch im Vergleich zu anderen Ländern mit knapp 34.000 wenig.
Zahlungen an ausländische Rentner, die in der Schweiz leben, sind jedoch im Vergleich mit knapp 34.000 wenig. Die Lebenshaltungskosten in der Schweiz sind deutlich höher als beispielsweise in Deutschland. © Imagebroker/IMAGO
Knapp 23.000 deutsche Rentenzahlungen gingen nach Spanien. Das drittbeliebteste Land.
Knapp 23.000 deutsche Rentenzahlungen gingen nach Spanien. Damit ist es laut der Statistik der deutschen Rentenversicherung das drittbeliebteste Land. Deutsche Rentner können in Spanien von günstigeren Lebenshaltungskosten profitieren. © Westend61/IMAGO
Im Vergleich dazu wurden rund 178.000 Rentenzahlungen an andere ausländische Berechtigte mit Wohnsitz in Spanien ausbezahlt.
Im Vergleich dazu wurden rund 178.000 Rentenzahlungen an ausländische Berechtigte mit Wohnsitz in Spanien ausbezahlt. Eine hohe Zahl – das milde Klima und die vielfältigen Landschaften locken Auwandernde. © NurPhoto/IMAGO
Auf dem vierten Platz landet Amerika mit knapp 21.000 deutschen Zahlungen.
Auf dem vierten Platz landen laut Rentenatlas die USA mit knapp 21.000 deutschen Rentenzahlungen. Die wichtigste Voraussetzung für ein Leben dort: eine Aufenthaltsgenehmigung. Es existiert kein Rentenvisum für die Vereinigten Staaten, wie americandream.de erklärt. Eine Green Card ermöglicht einen dauerhaften Aufenthalt. © Pond5 Images/IMAGO
Zahlungen an andere ausländische Berechtigte sind in Amerika bei rund 43.000.
Zahlungen an ausländische Berechtigte liegen laut Deutscher Rentenversicherung in den USA bei rund 43.000. Durch die englische Sprache sind die USA für viele niederschwelliger als andere Länder – das US-Gesundheitssystem ist allerdings komplex und Krankheiten können teuer werden. © Zoonar/IMAGO
In Frankreich gab es rund 18.000 Zahlungen an deutsche Rentner.
In Frankreich gab es rund 18.000 Zahlungen an deutsche Rentner, wie die Statistik zeigt. Wie „Connexion Emploi“ beschreibt, ist eine Aufenthaltserlaubnis nicht zwingend erforderlich, kann aber beantragt werden.  © blickwinkel/Imago
Die Zahl an anderen ausländischen Berechtigten betragen in Frankreich knapp 88.0000.
Die Zahl an ausländischen Rentner betragen in Frankreich knapp 88.0000. Mehr also als in der Schweiz oder den USA. © Propaganda Photo/IMAGO
Urlauber müssen sich in den Niederlanden nächstes Jahr auf eine mögliche Änderung einstellen.
In die Niederlande gingen 2023 knapp 10.000 Zahlungen an Deutsche, womit das Land auf Platz sechs rutscht. © Manngold/Imago
Dagegen gingen in diesem Land knapp 59.000 Zahlungen an andere ausländische Berechtigte.
Für ausländische Rentner sind die Niederlande aber offenbar attraktiv: Laut der deutschen Rentenversicherung werden 59.000 Zahlungen dorthin geleistet. © SOPA Images/IMAGO
Nach Kanada gingen rund 7.900 Zahlungen an deutsche Rentner.
Nach Kanada gingen rund 8000 Zahlungen an deutsche Ruheständler, wie die deutsche Rentenversicherung berichtet. Es gibt laut kanadischer Einwanderungsbehörde verschiedene Einwanderungsmöglichkeiten für Rentner, unter anderem Express Entry, Provincial Nominee Program und Familiensponsoring. Für Rentner könnten auch das Business/Investor Programs oder das Self-employed Program infrage kommen. Das Super-Visum berechtigt für einen Aufenthalt für fünf Jahre. © Cavan Images/IMAGO
An andere Berechtigte gingen knapp 29.000 Zahlungen.
An ausländische Rentenberechtigte gingen knapp 29.000 Zahlungen nach Kanada. © Addictive Stock/IMAGO
Die Zahlungen an deutsche Berechtigte in Italien waren bei rund 7.800.
Ein anderes Nachbarland zu Deutschland zieht Rentner deutlich weniger an: Nach Italien werden laut Rentenversicherung rund 8000 Renten ausgezahlt.  © Bihlmayerfotografie/IMAGO
Die Zahlungen an andere ausländische Berechtigte sind hier vergleichsweise mit knapp 349.000 am Höhepunkt.
Im Gegensatz zu den Deutschen ist Italien bei Rentnern anderer Länder durchaus attraktiv. Die Zahlungen an ausländische Berechtigte sind hier mit knapp 349.000 vergleichsweise am Höhepunkt. © Steinsiek.ch/IMAGO
Nach Polen wurden rund 6.000 Zahlungen an deutsche Berechtigte geleistet.
Nach Polen wurden rund 6000 Zahlungen an deutsche Rentner geleistet. Laut Deutscher Rentenversicherung muss einmal jährlich ein Lebensnachweis erbracht werden. © NurPhoto/IMAGO
Dagegen gab es knapp 37.000 Zahlungen an andere ausländische Berechtigte in Polen.
Dagegen gab es knapp 37.000 Zahlungen an ausländische Renten-Berechtigte in Polen, wie der Rentenatlas 2024 zeigt. © Dreamstime/IMAGO
In die Türkei gingen knapp 4000 Zahlungen an deutsche Berechtigte.
In die Türkei gingen nur knapp 4000 Zahlungen an deutsche Rentner. Bei einem Aufenthalt länger als 90 Tage ist ein Visum erforderlich. © NurPhoto/IMAGO
Im Gegensatz dazu gingen rund 84.000 Zahlungen an andere ausländische Rentner.
Im Gegensatz zu deutschen Ruheständlern gingen aber rund 84.000 Zahlungen an andere ausländische Rentner. Die Deutsche Rentenversicherung empfiehlt, sich vor dem Umzug in die Türkei beraten zu lassen, um mögliche Probleme zu vermeiden. © Zoonar/IMAGO
Nach Griechenland sind laut deutscher Rentenversicherung knapp 3000 Zahlungen gegangen.
Nach Griechenland sind laut deutscher Rentenversicherung nur knapp 3000 deutsche Rentenzahlungen gegangen. Griechenland hat eine lange Geschichte wirtschaftlicher Krisen, was für Rentner ein Unsicherheitsfaktor sein könnte. © NurPhoto/IMAGO
Zahlungen an andere ausländische Berechtigte gab es rund 90.000.
Zahlungen an andere ausländische Renten-Berechtigte gab es rund 90.000.  © Imagebroker/IMAGO
Nach Kroatien wurden wiederum knapp 1500 Zahlungen geleistet, womit Kroatien unter mit unter die drei letzten Plätze fällt.
Kroatien ist zwar eines der Top-Urlaubsländer für Deutsche – doch Ruheständler zeiht es nicht so sehr zum Auswandern dorthin, wie in andere Länder. Gerade einmal 1500 Rentenzahlungen werden laut Rentenatlas dorthin geleistet. Kroatien fällt damit unter die drei letzten Plätze.  © Pixsell/IMAGO
In Serbien gingen 655 Zahlungen an deutsche Berechtigte. Damit belegt dieses Land den vorletzten Platz.
In Serbien gingen 655 Zahlungen an deutsche Berechtigte. Damit belegt dieses Land den vorletzten Platz. Immerhin: Etwa 41.000 Zahlungen an ausländische ausgewanderte Rentner flossen laut Deutscher Rentenversicherung in das Land. © Despositphotos/IMAGO
Mit 333 Rentenzahlungen (Stand 31.12.2023) an Deutsche gehen laut der deutschen Rentenversicherung die wenigsten nach Bosnien Herzegowina.
Bosnien Herzegowina bildet mit nur 333 Rentenzahlungen an Deutsche das Schlusslicht. Laut der Deutschen Rentenversicherung gehen aber etwa 37.500 Rentenzahlungen an ausländische Rentner. © Capital Pictures/IMAGO

Laut dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) sollen die Renten durch das Rentenpaket grundsätzlich so stark erhöht werden, wie es die Lohnentwicklung vorgibt. „Dabei werden Veränderungen bei den Sozialabgaben der Rentnerinnen und Rentner sowie der Beschäftigten berücksichtigt“, erklärte das Ministerium in einer Meldung. Ohne diese Maßnahme würde das Rentenniveau in den Jahren nach 2025 von der Lohnentwicklung abgekoppelt und bis 2031 um einen Prozentpunkt auf 47 absinken.

Die SPD ist gegen eine solche Senkung – die beiden Ökonomen sprechen sich wiederum klar gegen die anhaltenden 48 Prozent aus, da die Belastung der Rententöpfe durch den vielfachen Eintritt von Babyboomern aus dem Arbeitsmarkt in die Rente massiv steigen wird. Das BMAS rechnet vor: Die Stabilisierung des Rentenniveaus bei 48 Prozent sorge für einen Rentenanstieg von 1.500 Euro auf 1.535 Euro zum 1. Juli 2031. Das bedeute ein Plus von 420 Euro im Jahr.

Demographischer Wandel setzt Rente unter Druck – Merz-Regierung sucht Lösungen

Die Rente in Deutschland steht bereits seit Jahren unter Reformdruck. Längst ist absehbar, dass die Geburtenraten der Generation X und auch der Millennials nicht hoch genug waren, um den Abgang der geburtenstarken Babyboomer auszugleichen. Auch die verstärkte Zuwanderung seit 2015 konnte den Fachkräftemangel nicht auf eine ausreichende Art beheben. Das bedeutet auf absehbare Zeit: Immer weniger Arbeitnehmer müssen immer mehr Rentner versorgen. Die Regierung unter Friedrich Merz sucht nun nach Mitteln und Wegen, um die Rentenkassen mit ausreichend Geld zu versorgen, um die Haltelinie zu finanzieren.

Rubriklistenbild: © dpa | Kay Nietfeld + dpa | Fernando Gutierrez-Juarez

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