BYD auf der IAA: Wie der China-Autobauer zum Albtraum von VW und Co. wurde
VonSven Hauberg
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Mit aller Macht drängt der China-Autobauer BYD auf den deutschen Markt. Was da auf die heimische Konkurrenz zukommt, kann man in diesen Tagen auf der IAA begutachten.
München – Ein wenig kann man die Farbe noch riechen in der neuen Filiale von BYD, die ein paar Fußminuten entfernt vom Münchner Stachus in ein prächtiges Stadtpalais am Lenbachplatz gezogen ist. Am Tag zuvor hatte der chinesische Autobauer den Showroom eröffnet, zwei Modelle – den Kleinwagen Dolphin und das SUV Sealion 7 – stellt BYD hier aus. Hingucker sind an diesem Dienstagnachmittag aber nicht die beiden vergleichsweise unscheinbaren BYD-Fahrzeuge. Sondern drei Modelle von Denza, der Luxusmarke des Autoherstellers aus Shenzhen, die hier ebenfalls auf Käufer warten.
Da ist der Z9 GT, der manche Beobachter mit seinen fast 5,20 Metern Länge an den Porsche Taycan Sport Turismo erinnert und den es als E-Auto und als Plug-in-Hybrid gibt. Einen Preis kann die Verkäuferin nicht nennen, aber um die 100.000 Euro, sagt sie, müssten Kunden wohl auf den Tisch legen. Daneben stehen der D9 DM-i, ein bulliger Luxus-Van, und der B5, ein Offroader, der so massig ist, dass er auch in einem Kriegsgebiet kaum auffallen würde. Luxus, mit dem man protzen kann.
Seit 2024 ist BYD weltgrößter Hersteller von E-Autos
Denza, ursprünglich als Joint Venture mit Mercedes gegründet, gehört heute ganz dem China-Konzern BYD. Im Frühjahr feierte die Marke ihre Europapremiere in Mailand, in Münchner Showroom kann man die Nobelkarossen jetzt erstmals in Deutschland bestellen. Noch ist das Interesse gering, der Laden fast menschenleer. Bislang hat sich anscheinend nicht rumgesprochen, dass BYD am Münchner Lenbachplatz residiert. Dabei haben deutsche Hersteller vor kaum einem anderen Konkurrenten so viel Respekt.
Luxusautos made in China wie den Z9 dürfte man in naher Zukunft auf deutschen Straßen zwar eher selten sehen, wer das ausreichende Kleingeld hat, stellt sich dann doch lieber einen Porsche in die Garage. Nur 16 Prozent der Deutschen erwägen, sich ein China-Auto zuzulegen, ergab unlängst eine Umfrage der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Etwa jeder zweite Befragte würde demnach lieber ein Auto derjenigen Marke kaufen, die er oder sie bereits fährt. Und das ist in aller Regel kein Denza. Aber auch kein BYD, zumindest noch nicht: Im August kam die Marke bei den Neuzulassungen auf einen Anteil von gerade einmal 0,5 Prozent.
Weitet man den Blick, dann sieht die Lage für BYD allerdings anders aus. Im vergangenen Jahr stieg das Unternehmen zum weltgrößten Hersteller von E-Autos auf, noch vor Tesla. 2,86 Millionen Elektroautos und Hybride verkaufte BYD in den ersten acht Monaten dieses Jahres, die meisten davon auf dem Heimatmarkt in China. Aber auch im Rest der Welt konnte BYD mehr als 600.000 Fahrzeuge absetzen. Damit es noch mehr werden, will BYD bis Jahresende mehr als 1000 Verkaufsstellen in Europa eröffnet haben, davon 120 in Deutschland. In Ungarn soll zudem die erste Fabrik auf europäischem Boden den Betrieb aufnehmen. Auch andere chinesische Hersteller wie Avatr oder XPeng drängen auf den hiesigen Markt.
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In München können potenzielle Käufer in diesen Tagen nicht nur im neuen Showroom die BYD-Modelle aus der Nähe begutachten. Ein paar Hundert Meter weiter, auf dem Innenstadtgelände der Automesse IAA, gibt es ein gutes Dutzend BYD-Fahrzeuge zum Anfassen. Trotz Nieselregen drängen sich an Tag eins der IAA viele Interessierte an dem Messestand. Der kleine Dolphin Surf, ein grüner Elektro-Kleinwagen für etwas mehr als 20.000 Euro, habe es ihr angetan, erzählt eine Münchner Lehrerin, die man an dem Stand trifft. Dass der Wagen aus China kommt, störe sie nicht. „Hauptsache, er fährt zuverlässig“, sagt die junge Frau. Tatsächlich schneiden die meisten BYD-Autos in Tests mittlerweile gut ab, sie gelten zudem als sicher.
Vor allem in China macht der Erfolg von BYD den bisherigen Platzhirschen zu schaffen. Über Jahrzehnte war der chinesische Markt für die deutschen Hersteller eine sichere Bank, Unternehmen wie VW fuhren hier verlässlich Milliardengewinne ein. Diese Zeiten sind vorbei. Bereits im ersten Quartal 2023 hatte BYD in der Volksrepublik den jahrzehntelangen Marktführer VW bei den Absatzzahlen überholt. Das Jahr 2023, so drückte es das Handelsblatt einmal aus, war der „Beginn des chinesischen Zeitalters in der Autoindustrie“.
Gegründet wurde BYD 1994 von Wang Chuanfu. Wang, Jahrgang 1966, wuchs in einer armen Bauernfamilie in der ostchinesischen Provinz Anhui auf, als eines von acht Kindern. Nach dem frühen Tod seiner Eltern konnte er, unterstützt von seinen Geschwistern, Chemie studieren. Mitte der Neunziger gründete Wang in der südchinesischen Tech-Metropole Shenzhen zusammen mit drei Mitstreitern und dem Geld eines Onkels das Unternehmen BYD. Mit der Produktion von günstig hergestellten Batterien und Akkus, zunächst für Spielzeug, später auch für Handys, machte Wang ein kleines Vermögen. Zum Autobauer wurde BYD, als Wang 2003 den bankrotten Hersteller Qinchuan Auto aufkaufte. Ein Jahr später war das erste eigene Auto fertig, noch ein Jahr später kam die Kompaktlimousine F3 auf den Markt.
BYD-Chef mit Kampfansage: „Lasst uns die alten Legenden demolieren“
Das Auto ähnelte stark dem Toyota Corolla, war aber nur halb so teuer. Geschafft hatte Wang das unter anderem, indem er nur wenig Geld in die Entwicklung des Wagens steckte – stattdessen ließ er Konkurrenzprodukte auseinandernehmen und kopieren. Die Taktik ging auf, schon 2009 war der Autobau das Hauptgeschäft des Konzerns. Über Jahre machte BYD vor allem mit Verbrennerautos ein gutes Geschäft, erst 2022 stellte das Unternehmen ganz auf Elektro- und Hybridfahrzeuge um. Heute arbeiten mehr als 120.000 Ingenieure für BYD. Von anderen Herstellern kopieren müssen die schon lange nicht mehr, laut eigenen Angaben meldet BYD im Schnitt 45 Patente an – pro Werktag.
Das Einstiegsmodell von BYD gibt es in China für umgerechnet weniger als 10.000 Euro zu kaufen, hierzulande kostet ein vergleichbares Modell rund doppelt so viel. Als Billiganbieter will BYD in Europa nicht wahrgenommen werden und schon gar nicht als Billiganbieter aus China. „Wir wollen, dass die Menschen uns nicht mehr als chinesischen Autohersteller sehen. Sondern einfach als BYD“, sagte Europachefin Stella Li im Frühjahr im Gespräch mit unserer Redaktion.
Seine Hoffnungen setzt der Konzern in Deutschland vor allem in den Seal 6 DM-i Touring, einen Plug-in-Kombi mit einer Reichweite von 1350 Kilometern, davon 100 rein elektrisch. Mit dem Wagen, der optisch deutlich konservativer daherkommt als viele andere China-Autos und neben einem Elektro- auch einen Benzinmotor an Bord hat, will BYD den Deutschen die Angst vor der Elektromobilität nehmen. Knapp 50.000 Euro sind dafür allerdings fällig.
„Lasst uns die alten Legenden demolieren und neue Weltklassemarken schaffen!“, forderte BYD-Gründer Wang Chuanfu im Sommer 2023 von Chinas Autobauern. Gemeint haben dürfte er damit vor allem: sich selbst.