VonAmy Walkerschließen
Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) zweifelt die Ergebnisse einer neuen Studie zum sozialen Wohnungsbau an. Die Zahlen der Studie seien „hochgradig unseriös“.
Berlin – Die renommierte Forschungseinrichtung Pestel-Institut, mit über vier Jahrzehnten Erfahrung im Bereich des Wohnungsmarktes, präsentierte am Dienstag, den 16. Januar, seine jährliche Studie, wie es das Bündnis „Sozialer Wohnungsbau“ seit Jahren tut. Bundesbauministerin Klara Geywitz (SPD) scheint jedoch die alarmierenden Ergebnisse der Studie zu ignorieren. Sie bezeichnet diese in der ARD sogar als „hochgradig unseriös“ und behauptet: „Die Zahlen haben sich die Kollegen ausgedacht“.
Bündnis Sozialer Wohnungsbau reagiert empört auf ARD-Beitrag
Das Bündnis setzt sich aus mehreren bedeutenden Akteuren zusammen: die Deutsche Gesellschaft für Mauerwerks- und Wohnungsbau (DGfM), der Deutsche Mieterbund (DMB), die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU), die Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie (CBP) und der Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB). Und sie reagieren empört auf Geywitz‘ Äußerungen.
In einer Pressemitteilung, die noch am selben Abend verschickt wurde, äußert das Bündnis: „Wir weisen die Vorwürfe der Bundesbauministerin auf das Schärfste zurück. Die Reaktion von Klara Geywitz auf die Wohnungsmarkt-Studie ist der untaugliche Versuch, mit dem Mittel der Unterstellung der Falschinformation die Studienergebnisse zu untergraben.“
Die Studie des Pestel-Instituts hat ergeben, dass in Deutschland ein Mangel von 910.000 Sozialwohnungen besteht. Das Bündnis erklärt, dass die Förderung solcher Wohnungen von Bund und Ländern stark vernachlässigt wurde. Die Untersuchung des Pestel-Instituts aus Hannover zeigt, dass der Staat in besonders angespannten Wohnungsmärkten, wo es an bezahlbaren Alternativen fehlt, überdurchschnittlich hohe Mieten bei der Übernahme der Unterkunftskosten zahlt.
Geywitz: Ampel investiert „Rekordsumme“ in sozialen Wohnungsbau
Das Bündnis „Soziales Wohnen“ bekräftigt seine Forderung nach einem Förderpaket von 50 Milliarden Euro von Bund und Ländern zur Unterstützung des sozialen Wohnungsbaus. Nur so könne man dem Ziel der Ampel-Koalition, jährlich 100.000 neue Sozialwohnungen zu bauen, „wenigstens ein Stück“ näherkommen.
Geywitz gab in dem Interview mit Tagesschau24 zu, dass es einen Mangel an Sozialwohnungen gibt. Sie führt dies auf zwei Jahrzehnte mangelnder Finanzierung des sozialen Wohnungsbaus zurück. „Deshalb investiert der Bund seit Anfang der Legislaturperiode eine Rekordsumme in den sozialen Wohnungsbau, allein in diesem Jahr 3,15 Milliarden Euro und über 18 Milliarden insgesamt bis 2027.“ Bei einer Sonderbauministerkonferenz hätten sich die Länder letzte Woche dazu verpflichtet, ihren Eigenanteil an zusätzlichen Mitteln für den sozialen Wohnungsbau von 30 auf 40 Prozent zu erhöhen.
Wohnungsbau seit Jahren in der Krise
Geywitz‘ Behauptung, die Studie sei unseriös, bringt sie jedoch in Konflikt mit den Akteuren, die sie für den Wohnungsbau benötigt. Das Bündnis reagiert auf die Vorwürfe: „Es spricht für sich, wenn die Bundesministerin, die von dem Erreichen der selbst gesteckten Ziele meilenweit entfernt ist, unliebsame Wahrheiten bei nicht genehmen Studienergebnissen als ‚hochgradig unseriös‘ abqualifiziert“.
Thomas Reimann, Präsident des hessischen Baugewerbes, hält die Zahlen des Pestel-Instituts für durchaus realistisch. In einer Nachricht an Ippen.Media schreibt er „Ob es nun mehr als 900.000 Wohnungen sind, vermag ich nicht zu beurteilen. Aber es ist doch logisch, dass bei wahrscheinlich mehr als 600.000 nicht gebauten Wohnungen von 2022 bis 2025 auch eine große Anzahl von Sozialwohnungen fehlen“. In seiner Karriere könne er sich „nicht daran erinnern, dass die Situation im Wohnungsbau in den letzten Jahrzehnten so prekär wie gegenwärtig war.“
Reimann rät der Bauministerin, auf die Akteure im Wohnungsbau zu hören, anstatt sie zu diskreditieren. Er fügt hinzu: „Viele gute Ideen haben die Branchenvertreter der Regierung bereits übermittelt, doch offensichtlich hört Berlin und auch die Bundesbauministerin nicht auf diese Ratschläge.“
Mit Material von Reuters
Rubriklistenbild: © Michael Kappeler/dpa

