- VonMax Schäferschließen
Die Arbeitsuche stellt für Bürgergeld-Beziehende eine enorme Herausforderung dar. Frauen bewältigen zudem strukturelle Probleme. Welche Lösungsansätze gibt es?
Berlin – Bürgergeld-Beziehende haben bei der Jobsuche mit mehreren Hürden zu kämpfen. Das hat eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung unter Erwerbslosen mit einem Grundsicherungsbezug von über einem Jahr erst kürzlich wieder verdeutlicht. Wegen dieser Schwierigkeiten sucht über die Hälfte der Befragten nicht mehr selbstständig nach einem Job, ein Großteil wegen Krankheiten. Auch Frauen sind bei der Arbeitsuche im Nachteil: Jobcenter vermitteln sie seltener, aber sie suchen auch selbst weniger nach Jobs.
Letzteres zeigt die neue Studie zur Arbeitsuche von Bürgergeld-Beziehenden: Frauen mit Kindern haben laut der Bertelsmann-Umfrage eine um 27 Prozentpunkte geringere Wahrscheinlichkeit für eine Stellensuche. Alleinerziehende seien dabei bereits ausgeschlossen, es sind also Frauen in Paarbeziehungen. Auch ohne Kinder bleibe der Unterschied signifikant und liege um 13 Prozentpunkte geringer.
Chancen für Bürgergeld-Empfängerinnen geringer als bei Männern
„Wenn Frauen bei einer Arbeitsaufnahme weniger verdienen als der Partner, lohnt sich die Stellensuche weniger, weil die Chance geringer ist, dass die Bedarfsgemeinschaft dadurch aus dem Leistungsbezug und in einen höheren Einkommensbereich kommt“, so eine Erklärung der Bertelsmann-Fachleute für den Unterschied. Auch Normen wie eine „traditionelle Geschlechterrollenverteilungen“ könnten den Effekt begünstigen.
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Ähnlich sehen auch die Erfahrungen von Jobcentern aus: Die Chancen für Frauen seien geringer. „Gründe hierfür können insbesondere zusätzliche Erziehungs- und Pflegeaufgaben, fehlende finanzielle Anreize in Paarhaushalten, aber auch gesellschaftlich geprägte Rollenbilder sein“, erklärte ein Sprecher der Berliner Jobcenter gegenüber Ippen.Media. „In unseren Beratungen stellen wir immer wieder fest, dass gesellschaftlich geprägte Rollenbilder den Integrationsprozess in Arbeit beeinflussen.“ Erziehungs- oder Pflegeaufgaben werden demnach „weiterhin überwiegend von Frauen übernommen, die bei der zusätzlichen Aufnahme einer Tätigkeit ‚unter einen Hut‘ gebracht werden müssen“.
Zuverdienstregeln im Bürgergeld haben Nachteile für Zweitverdienerinnen
Diese Probleme spielen auch bei der Vermittlung durch die Jobcenter eine Rolle. Eine Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums stellte zudem fest, dass Frauen bei der Arbeitsvermittlung im Nachteil sind. Die Betreuung von Kindern und Angehörigen ist ein Grund. Dazu gebe es systemische Fehlanreize. Denn das Ziel der Jobcenter ist es, die Hilfebedürftigkeit zu beenden. Wenn das bei Haushalten durch die Arbeitsvermittlung einer Person möglich ist, lohnt sich die Vermittlung des Mannes häufiger – weil häufig das Gehalt höher ist.
Der Zuverdienst hat laut Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zwei nachteilige Nebeneffekte: Die andere Person müsse mehr Aufgaben im Haushalt wahrnehmen. Dazu erhöhe sich das Haushaltseinkommen. „Das führt bei Zweitverdienerinnen dazu, dass sie weniger arbeiten“, sagte Weber. „Insgesamt gewinnt man Arbeitsstunden, aber bei Zweitverdienerinnen verliert man.“
Bürgergeld-Umbau kann Förderung von Frauen verbessern – durch intensive Betreuung und Anreize
Patriarchale gesellschaftliche Strukturen und die Rollenbilder lassen sich bei einer Reform des Bürgergelds oder durch das Handeln der Jobcenter nicht ändern. Eine Option sind jedoch die finanziellen Anreize, so dass sich die Arbeitsaufnahme oder die Steigerung der Arbeitsstunden auch für die Zweitverdienenden in Beziehungen lohnt.
„Es braucht ein einheitliches System“, sagte Weber im Gespräch mit Ippen.Media. „Man könnte über einen zusätzlichen finanziellen Anreiz nachdenken.“ In der Grundsicherung werden alle Haushaltsmitglieder beim Einkommen gemeinsam betrachtet. Zusätzlich könne es ein Kriterium geben, so dass beide ein bestimmtes Einkommen erreichen. Webers Vorschlag: „Wenn etwa beide Teile über ein bestimmtes Niveau kommen, zum Beispiel die Minijobgrenze, senkt man die Transferentzugsrate etwas ab. Damit wird der Selbstbehalt größer.“
Raus aus dem Bürgergeld: Schlüssel bei der Integration von erwerbslosen Frauen ist die aktive Betreuung
Mit Geld alleine würden die Probleme bei der Vermittlung von Frauen aus dem Bürgergeld jedoch nicht gelöst. „Der Schlüssel ist die aktive Betreuung“, sagte Weber. Dort könne geprüft werden, welche individuellen Hürden es gebe, in der Familie, aber auch in der Erwerbsentwicklung. „Hier kann man schauen, welche Weiterentwicklung oder Qualifizierung möglich ist, um beispielsweise aus dem Minijob rauszukommen und größere Sprünge zu machen“, so der Arbeitsmarktforscher.
Die zwölf Berliner Jobcenter haben dazu jeweils eine Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt. Sie berate die Beschäftigten „zu speziellen Angeboten für Frauen, um die individuellen Integrationschancen am Arbeitsmarkt zu verbessern“, erklärte der Sprecher.
Jobcenter veranstaltet eigene Berufsmessen für Frauen im Grundsicherungsbezug
Dabei gebe es besondere Beratungsformate. Es gebe etwa regelmäßig Berufsmessen speziell für Frauen. „Auf diesen Messen arbeiten die Jobcenter eng mit Arbeitgebenden zusammen, die die Lebensumstände der Frauen gut berücksichtigen“, erklärte der Sprecher. „Sie bieten zum Beispiel auch Angebote zur Begleitung in eine Qualifizierung.“ Dabei sehen die Jobcenter auch die Arbeitgeber in der Verantwortung: „Wir freuen uns daher immer wieder, wenn Arbeitgebende offen zeigen, dass Sie auch alleinerziehenden Frauen eine Chance bieten.“
Für die Beratung von Alleinerziehenden gibt es in Berlin zudem ein bestimmtes Team. Es biete Eltern-Kind-Zimmer an, falls die Betreuung bei Terminen nicht gesichert sei. „Häufige Themen sind hier die Sicherstellung der Kinderbetreuung, die Möglichkeiten einer Qualifizierung sowie die Vorbildfunktion der Familie am Arbeitsmarkt“, erklärte der Sprecher.
Rubriklistenbild: © Carsten Koall/dpa
