Hürden am Arbeitsmarkt

Brisante Bürgergeld-Ungleichheit: Eine Gruppe bei der Jobsuche massiv benachteiligt

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Die Arbeitsuche stellt für Bürgergeld-Beziehende eine enorme Herausforderung dar. Frauen bewältigen zudem strukturelle Probleme. Welche Lösungsansätze gibt es?

Berlin – Bürgergeld-Beziehende haben bei der Jobsuche mit mehreren Hürden zu kämpfen. Das hat eine Umfrage der Bertelsmann-Stiftung unter Erwerbslosen mit einem Grundsicherungsbezug von über einem Jahr erst kürzlich wieder verdeutlicht. Wegen dieser Schwierigkeiten sucht über die Hälfte der Befragten nicht mehr selbstständig nach einem Job, ein Großteil wegen Krankheiten. Auch Frauen sind bei der Arbeitsuche im Nachteil: Jobcenter vermitteln sie seltener, aber sie suchen auch selbst weniger nach Jobs.

Frauen kommen seltener in Förderprogrammen für langzeitarbeitslose Bürgergeld-Beziehende unter. Eine Ursache sind klassische Rollenbilder.

Letzteres zeigt die neue Studie zur Arbeitsuche von Bürgergeld-Beziehenden: Frauen mit Kindern haben laut der Bertelsmann-Umfrage eine um 27 Prozentpunkte geringere Wahrscheinlichkeit für eine Stellensuche. Alleinerziehende seien dabei bereits ausgeschlossen, es sind also Frauen in Paarbeziehungen. Auch ohne Kinder bleibe der Unterschied signifikant und liege um 13 Prozentpunkte geringer.

Chancen für Bürgergeld-Empfängerinnen geringer als bei Männern

„Wenn Frauen bei einer Arbeitsaufnahme weniger verdienen als der Partner, lohnt sich die Stellensuche weniger, weil die Chance geringer ist, dass die Bedarfsgemeinschaft dadurch aus dem Leistungsbezug und in einen höheren Einkommensbereich kommt“, so eine Erklärung der Bertelsmann-Fachleute für den Unterschied. Auch Normen wie eine „traditionelle Geschlechterrollenverteilungen“ könnten den Effekt begünstigen.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Ähnlich sehen auch die Erfahrungen von Jobcentern aus: Die Chancen für Frauen seien geringer. „Gründe hierfür können insbesondere zusätzliche Erziehungs- und Pflegeaufgaben, fehlende finanzielle Anreize in Paarhaushalten, aber auch gesellschaftlich geprägte Rollenbilder sein“, erklärte ein Sprecher der Berliner Jobcenter gegenüber Ippen.Media. „In unseren Beratungen stellen wir immer wieder fest, dass gesellschaftlich geprägte Rollenbilder den Integrationsprozess in Arbeit beeinflussen.“ Erziehungs- oder Pflegeaufgaben werden demnach „weiterhin überwiegend von Frauen übernommen, die bei der zusätzlichen Aufnahme einer Tätigkeit ‚unter einen Hut‘ gebracht werden müssen“.

Zuverdienstregeln im Bürgergeld haben Nachteile für Zweitverdienerinnen

Diese Probleme spielen auch bei der Vermittlung durch die Jobcenter eine Rolle. Eine Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) im Auftrag des Bundesarbeitsministeriums stellte zudem fest, dass Frauen bei der Arbeitsvermittlung im Nachteil sind. Die Betreuung von Kindern und Angehörigen ist ein Grund. Dazu gebe es systemische Fehlanreize. Denn das Ziel der Jobcenter ist es, die Hilfebedürftigkeit zu beenden. Wenn das bei Haushalten durch die Arbeitsvermittlung einer Person möglich ist, lohnt sich die Vermittlung des Mannes häufiger – weil häufig das Gehalt höher ist.

Der Zuverdienst hat laut Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) zwei nachteilige Nebeneffekte: Die andere Person müsse mehr Aufgaben im Haushalt wahrnehmen. Dazu erhöhe sich das Haushaltseinkommen. „Das führt bei Zweitverdienerinnen dazu, dass sie weniger arbeiten“, sagte Weber. „Insgesamt gewinnt man Arbeitsstunden, aber bei Zweitverdienerinnen verliert man.“

Bürgergeld-Umbau kann Förderung von Frauen verbessern – durch intensive Betreuung und Anreize

Patriarchale gesellschaftliche Strukturen und die Rollenbilder lassen sich bei einer Reform des Bürgergelds oder durch das Handeln der Jobcenter nicht ändern. Eine Option sind jedoch die finanziellen Anreize, so dass sich die Arbeitsaufnahme oder die Steigerung der Arbeitsstunden auch für die Zweitverdienenden in Beziehungen lohnt.

„Es braucht ein einheitliches System“, sagte Weber im Gespräch mit Ippen.Media. „Man könnte über einen zusätzlichen finanziellen Anreiz nachdenken.“ In der Grundsicherung werden alle Haushaltsmitglieder beim Einkommen gemeinsam betrachtet. Zusätzlich könne es ein Kriterium geben, so dass beide ein bestimmtes Einkommen erreichen. Webers Vorschlag: „Wenn etwa beide Teile über ein bestimmtes Niveau kommen, zum Beispiel die Minijobgrenze, senkt man die Transferentzugsrate etwas ab. Damit wird der Selbstbehalt größer.“

Raus aus dem Bürgergeld: Schlüssel bei der Integration von erwerbslosen Frauen ist die aktive Betreuung

Mit Geld alleine würden die Probleme bei der Vermittlung von Frauen aus dem Bürgergeld jedoch nicht gelöst. „Der Schlüssel ist die aktive Betreuung“, sagte Weber. Dort könne geprüft werden, welche individuellen Hürden es gebe, in der Familie, aber auch in der Erwerbsentwicklung. „Hier kann man schauen, welche Weiterentwicklung oder Qualifizierung möglich ist, um beispielsweise aus dem Minijob rauszukommen und größere Sprünge zu machen“, so der Arbeitsmarktforscher.

Die zwölf Berliner Jobcenter haben dazu jeweils eine Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt. Sie berate die Beschäftigten „zu speziellen Angeboten für Frauen, um die individuellen Integrationschancen am Arbeitsmarkt zu verbessern“, erklärte der Sprecher.

Jobcenter veranstaltet eigene Berufsmessen für Frauen im Grundsicherungsbezug

Dabei gebe es besondere Beratungsformate. Es gebe etwa regelmäßig Berufsmessen speziell für Frauen. „Auf diesen Messen arbeiten die Jobcenter eng mit Arbeitgebenden zusammen, die die Lebensumstände der Frauen gut berücksichtigen“, erklärte der Sprecher. „Sie bieten zum Beispiel auch Angebote zur Begleitung in eine Qualifizierung.“ Dabei sehen die Jobcenter auch die Arbeitgeber in der Verantwortung: „Wir freuen uns daher immer wieder, wenn Arbeitgebende offen zeigen, dass Sie auch alleinerziehenden Frauen eine Chance bieten.“

Für die Beratung von Alleinerziehenden gibt es in Berlin zudem ein bestimmtes Team. Es biete Eltern-Kind-Zimmer an, falls die Betreuung bei Terminen nicht gesichert sei. „Häufige Themen sind hier die Sicherstellung der Kinderbetreuung, die Möglichkeiten einer Qualifizierung sowie die Vorbildfunktion der Familie am Arbeitsmarkt“, erklärte der Sprecher.

Rubriklistenbild: © Carsten Koall/dpa

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