„Zehn Euro für Brötchen“ und „Goldstaub“

Vermittler aus Bürgergeld-Bereich sieht sich als Arzt – und warnt vor „fatalem“ Schritt

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Jobcenter-Beschäftigte als Ärztinnen und Ärzte, die dem „Goldstaub“ zur Selbstverwirklichung verhelfen: Ein Besuch zeigt Erfolgserlebnisse, positive Aussichten, enthüllt aber auch bittere Existenzfragen.

Berlin – Andreas Biermann nennt die beiden Ukrainer, die vor ihm sitzen, „Goldstaub“. Der eine ist bei einer Schulung in einer Programmiersprache auf dem Weg zum Informatiker deutschlandweit der Beste. Der andere – der Arbeitsvermittler nennt ihn „Herr Doktor“ – ist promovierter Jurist und hat in der Ukraine über zehn Jahre lang als Dozent Studierende der Rechtswissenschaft geprägt. Beide wirken entspannt, lachen beim eigentlich berüchtigten Jobcenter-Termin an diesem nasskalten Oktober-Dienstag im Jobcenter Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf.

Bei Arbeitsvermittler Andreas Biermann aus Berlin rennen die Arbeitsuchenden ihm die Tür ein, weil sie so motiviert sind, aus dem Bürgergeld zu kommen. (Symbolfoto)

Als Arbeitsvermittler im Jobcenter soll Biermann seinen „Kundinnen und Kunden“ helfen, aus dem Bürgergeld-Bezug zu kommen und das eigene Existenzminimum zu decken. Er arbeitet dabei in der Abteilung für Geflüchtete. Besonders die Vermittlung von Menschen aus der Ukraine aus der Grundsicherung spielt eine Rolle – im Juni waren knapp 500.000 erwerbsfähige Personen leistungsberechtigt.

Bürgergeld-Reform stellt schnelle Arbeitsvermittlung in den Fokus

Zum Zeitpunkt des Besuchs – 7. Oktober – diskutiert die Bundesregierung über die Bürgergeld-Reform. Eine schnelle Arbeitsvermittlung ist das Ziel, harte Sanktionen bis zur vollständigen Kürzung des Regelsatzes bei „Arbeitsverweigerung“ und der komplette Leistungsentzug bei wiederholt verpassten Terminen sind der Weg; zumindest der Politik. Bei Biermann weniger: Sanktionen sind quasi kein Thema, auch unentschuldigt verpasste Termine kommen kaum vor. „Meine Tür hat Dellen“, sagt er – nicht aus Frust, sondern weil die Betroffenen seine Hilfe möchten.

Biermann fördert den beiden Ukrainern eine Weiterbildung: Der eine erhält einen Bildungsgutschein für einen weiteren IT-Kurs. Der andere für einen sogenannten Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein für einen speziellen Deutschkurs. Er soll das Sprachniveau C1 – „fachkundige Sprachkenntnisse“ – erreichen. Das ist keine übliche Förderung, sondern wurde für seinen Einzelfall genehmigt. Damit will er seinen Traum von einer wissenschaftlichen Mitarbeit an der Humboldt-Universität verfolgen.

Arbeitsvermittlung aus dem Bürgergeld: „Was braucht der Mensch, der vor mir sitzt?“

Biermann vergleicht seine Arbeit mit der eines Arztes: „Ich muss ganz genau schauen: Was braucht der Mensch, der vor mir sitzt? Es macht keinen Sinn, das zwölfte Coaching hintereinander zu machen.“ Auch Arbeitsangebote in der Logistik seien nicht für alle die beste Wahl. Auf die passende Qualifizierung komme es an. Dann ist auch ein Sprachkurs für Deutsch auf dem Niveau C1 möglich – normalerweise ist es für Ärztinnen und Ärzte gedacht, nicht jedoch für einen Juristen. „Aber es wäre ökonomisch absolut wahnwitzig, diese Expertise nicht zu nutzen“, sagt Biermann.

Das Wichtigste sei aber die Motivation, erklärt der Arbeitsvermittler. Die versucht er bei seinen Kundinnen und Kunden zu wecken. „Es ist fatal, wenn sie merken, dass sie verwaltet werden.“ Stattdessen will er ihnen Bilder vermitteln. „Ein selbst bezahlter Urlaub kann so ein Bild sein.“

Vor der Arbeitsvermittlung müssen Grundbedürfnisse der Bürgergeld-Beziehenden geklärt sein

Doch bevor Biermanns Arbeit beginnen kann, muss eine Grundfrage geklärt sein – und die hat mit Arbeit erstmal nichts zu tun. Es geht um existenzielle Fragen, Grundbedürfnisse: ein Dach, Schutz, Essen. Vier Stockwerke unter Biermanns Büro wird das an diesem Oktobermorgen besonders deutlich. „Zehn Euro – für ein paar Brötchen zum Essen“, bittet ein Rollstuhlfahrer am Empfang. Die Mitarbeiterin kann nicht helfen. Sie gibt ihm ein Papier mit Informationen über Einrichtungen, die kurzzeitige Krisen überbrücken können: Notübernachtung, Suppenküchen, Bahnhofsmission.

Das Bürgergeld gibt es nur bei Bedarf – und der muss durch das Jobcenter festgestellt sein. Dazu ist ein Antrag nötig – der normalerweise online gestellt werden soll. Was in der politischen Kritik als Werbung aufgefasst wurde, davon haben einige Bedürftige am Empfang des Jobcenters noch nie gehört. Der Rollstuhlfahrer gehört dazu. Als sie merkt, dass er das nicht alleine schaffen wird, rät sie ihm zu einer Beratungsstelle zu gehen.

Eine eigene Wohnung ist für viele Geflüchtete der erste Schritt aus der Grundsicherung

Im Bereich zur Vermittlung von Geflüchteten sind diese Fragen – meistens – schon geklärt. „Wenn nicht, kann man jede Vermittlung vergessen“, sagt Biermann. Das fängt laut seinem Teamleiter, Fabian Kinzius, schon beim Wechsel raus aus einer teuren Gemeinschaftsunterkunft in eine Wohnung an. „Ein Schritt für die Integration ist auch eine Wohnung. In den Gemeinschaftsunterkünften können die Menschen nicht richtig lernen“, sagt er – etwa mit Blick auf Sprachkurse. Bei Biermanns „Goldstaub“-Kunden sind diese Fragen kein Thema.

Doch nicht alle Fälle sind so klar wie bei Biermann. Bei seiner Kollegin Caroline Mangliers wird deutlich, wie komplex die Realität oft ist. Noch ehe die Vermittlerin ihre Begrüßung beendet hat, fängt ein Kunde an: „Wer bezahlt mein Zimmer? Ich habe 300 Euro verdient, wie soll ich das bezahlen? Ich habe weniger als Bürgergeld.“ Die Mitarbeiterin lässt sich nicht beirren, ihre Ruhe wirkt sich auch auf den Kunden aus. Es stellt sich raus: Er hat eine Mahnung erhalten, muss für den April sein Zimmer in einer Gemeinschaftsunterkunft selbst bezahlen. Er hatte in dieser Zeit im Sicherheitsdienst gearbeitet – und hatte laut Arbeitsbescheinigung ein höheres Einkommen.

Jetzt hat er eine neue Wohnung – in Spandau, einem anderen Bezirk, einem anderen Jobcenter. Trotzdem spricht Mangliers mit der Leistungsabteilung. Denn die neue Wohnung ist leer, muss eingerichtet werden. Nach einem kurzen Gespräch ist klar: Es gibt rund 2000 Euro pauschal. Außer, wenn er Vorhänge benötigt, dann muss er das Fenster ausmessen.

Bis alle Fragen geklärt sind, ist die Zeit fast vorbei. Die Arbeitsvermittlung spielt bei diesem Termin ausnahmsweise keine Rolle, zu dringend waren die finanziellen Fragen.

Intensive Betreuung der Geflüchteten im Jobcenter zahlt sich aus

Die Strategie des Teams ist erfolgreich. Die Vermittlungsquote ist überdurchschnittlich. Zur Wahrheit gehört dabei jedoch auch: Der Bereich sorgt für den größten Umsatz, gibt also relativ viel für die Eingliederungsleistungen aus. Dazu müssen sich die Beschäftigten um maximal 150 Bürgergeld-Beziehende kümmern, in anderen Abteilungen können es auch 250 bis 300 sein. Die erfolgreiche Vermittlung hat ihren Preis: Sie ist personal- und kostenintensiv.

Ist die Abteilung dann nicht ein „Best Practice“, wie es im Unternehmenssprech heißt: Sollten dann nicht alle Abteilungen besser ausgestattet werden? Nach mehr Geld für Eingliederungsleistungen und Personal, will Nicole Trauelsen, Geschäftsführerin des Jobcenters, nicht rufen. Hier müsse man realistisch bleiben. Für jeden Kunden, der will und kann, gebe es ausreichend Angebote.

Die Vermittlung soll schon direkt mit dem Bürgergeld-Antrag starten, dazu sollen Eigenbemühungen der Leistungsbeziehenden stärker betont werden, so die Forderung. „Wir haben den Wunsch, die Verbindlichkeit zu stärken“, sagt Trauelsen. Sie stellt jedoch auch klar: „Die ‚Totalverweigerer‘-Diskussion bringt uns nicht weiter.“

Jobcenter will bestehende Mittel besser nutzen

Zudem will die Jobcenter-Chefin die bestehenden Mittel besser nutzen. Rund 40 Prozent der Arbeit der Vermittlerinnen und Vermittler gehen aktuell noch für die Verwaltung drauf. Hier sieht Trauelsen im Abschlussgespräch noch Möglichkeiten, effizienter zu arbeiten. Dazu könnte Künstliche Intelligenz etwa die Protokolle und Dokumentation übernehmen. Eigene KI-Anwendungen für die Jobcenter sind noch nicht vorhanden, bei den öffentlichen gibt es jedoch Zweifel wegen des Datenschutzes.

Dass es dabei noch Potenzial gibt, zeigen auch die eigentlich vorbildlichen Termine bei Andreas Biermann. Während des ersten Gesprächs friert der Computer ein, als er den Bildungsgutschein für den IT-Kurs ausdrucken möchte. Ein Neustart ist nötig, das Hochfahren dauert so lange, wie der Ukrainer seine Lebensgeschichte erzählen kann. Beim „Herr Doktor“, dem promovierten Juristen, will das System gar nicht. Biermann zieht seine Karte aus dem System und geht zu einem Kollegen. Dort klappt es.

Rubriklistenbild: © Jens Kalaene/dpa

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