Arbeitsuche bleibt aus

Keine Arbeit trotz Bürgergeld: Fachleute plädieren für Systemwechsel

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Zahlreiche Bürgergeld-Empfänger suchen nicht selbst nach Arbeit – aus nachvollziehbaren Gründen. Experten verlangen jetzt einen Systemwechsel.

Berlin – Die aktuelle Debatte im Bürgergeld dreht sich darum, wie Erwerbslose möglichst schnell wieder in Arbeit kommen. Die Bundesregierung unter Kanzler Friedrich Merz (CDU) setzt dabei besonders auf mehr Härte. Durch Sanktionen sollen Beziehende dazu gebracht werden, eine Arbeit aufzunehmen. Im Kontext der Debatte hatte eine Studie im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung für Aufsehen gesorgt. Demnach hätten 57 Prozent der Befragten mit einem Grundsicherungsbezug von über einem Jahr angegeben, in den zurückliegenden vier Wochen nicht nach Arbeit gesucht zu haben.

Die Bürgergeld-Beziehenden sind keinesfalls faul. Viele pflegen Angehörige, betreuen ihre Kinder oder finden wegen der schwierigen Lage auf dem Arbeitsmarkt keine Stelle. Dazu verweisen die Berliner Jobcenter gegenüber Ippen.Media darauf, dass die Studie ausschließlich Personen befragt, die mindestens ein Jahr im Leistungsbezug sind. Sie hätten damit „bei der Befragung von vorneherein keinen Erfolg bei der Jobsuche in der Vergangenheit vermelden“ könnten.

Viele Bürgergeld-Beziehende können nicht nach Arbeit suchen – wegen Krankheiten

Über 80 Prozent der arbeitslosen Erwerbsfähigen hat mindestens ein sogenanntes Vermittlungshemmnis, also Faktoren, die bei der Arbeitsuche stören. Das zeigt auch die Bertelsmann-Studie. Besonders im Fokus sind dabei gesundheitliche Probleme: 45 Prozent der Befragten berichten demnach von psychischen oder chronischen Krankheiten.

Nicht alle Bürgergeld-Beziehende können einfach so einen Job suchen. Ein Großteil hat mit Vermittlungshemmnissen, darunter besonders Krankheiten, zu kämpfen. (Symbolfoto)

In der Gruppe derer, die nicht aktiv nach Arbeit sucht, geben 74 Prozent gesundheitliche Probleme als Grund an. „Bei diesen Personen stand häufig die gesundheitliche Stabilisierung im Vordergrund“, heißt es in der Studie. Das „Ziel der Arbeitsmarktintegration“ rücke zunächst in den Hintergrund – und damit die „aktiven Bewertungsbemühungen“. Danach stehen die Chancen besser, aus dem Bürgergeld zu kommen. „Vielen gelingt der Einstieg in Arbeit dadurch, dass Hürden abgebaut werden“, erklärte Bertelsmann-Arbeitsmarktexperte Tobias Ortmann.

Fachleute fordern Wechsel zwischen den Grundsicherungsleistungen

Für einige Betroffene biete sich zudem ein Wechsel aus dem Bürgergeld an. „Wenn chronische oder psychische Krankheiten keine realistische Chance auf eine Integration in den Arbeitsmarkt bieten, dann sollte ein Wechsel aus der Grundsicherung in ein besser passendes Unterstützungssystem wie die Sozialhilfe oder die Erwerbsminderungsrente geprüft werden“, forderte Ortmann.

Fachleute weisen schon länger auf das Problem hin und fordern Reformen beim Zusammenspiel der Grundsicherungsleistungen. So auch Lutz Mania, Geschäftsführer des Jobcenters Berlin-Mitte. Bereits im Mai hatte Mania im Gespräch mit Ippen.Media gefordert, eine neue Definition dafür zu schaffen, wer als erwerbsfähig gilt. Bisher ist das der Fall, wenn jemand drei Stunden am Tag arbeiten kann. Die Erwerbsfähigkeit ist ein Kriterium, um Anspruch auf Bürgergeld zu haben. Wer es nicht ist, bekommt Erwerbsminderungsrente – oder bei Bedürftigkeit die Grundsicherung bei Erwerbsminderung.

Krankheiten ermöglichen nur geringe Stundenzahl – Betroffene bleiben oft im Bürgergeld

Mania sieht hier das Problem, dass die Betroffenen keine passende Stelle finden, die noch dazu das Existenzminimum deckt. „Es muss noch passende Tätigkeiten am Arbeitsmarkt geben“, sagte der Jobcenter-Chef. Denn neben der Frage der Dauer sehen ärztliche Gutachten bei der Erwerbsfähigkeit noch weitere Bedingungen vor, etwa eine Tätigkeit ohne körperliche Belastung.

Engpässe belasten Wirtschaft: In diesen 15 Berufen ist der Fachkräftemangel am größten

Ein Koch steht an einer Arbeitspfläche in einer Küche und richtet seine Zutaten, darunter sind Tomaten.
Viele Restaurants müssen mehrere Ruhetage machen oder können nur mittags oder abends öffnen, weil ihnen Mitarbeiter fehlen. Besonders bei ausgebildeten Köchen haben es Unternehmen schwer, Personal zu finden. Aber auch im Service bleiben zahlreiche offene Stellen unbesetzt. In der Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) ergibt sich ein Index-Wert von 2,3. © Harald Tittel/dpa
Urteil im Prozess um heimliche Videos vom Schlachthof
Es gibt kaum noch Nachwuchs: Die Zahl der Auszubildenden im Fleischerhandwerk geht seit Jahren zurück. Laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks machten rund 2300 Menschen eine Ausbildung, zur Jahrtausendwende waren es noch 9500 Azubis. Ergebnis ist eine Fachkräftelücke. In der gesamten Lebens- udn Genussmittelherstellung ergibt sich im BA-Index ein Wert von 2,3 und damit ein Engpass. © Sina Schuldt/dpa
Ein Mann arbeitet in einer Werkstatt von Lufthansa Technik am Triebwerk eines Flugzeuges.
Im Bereich der Luft- und Raumfahrttechnik beobachtet die BA ebenfalls einen Fachkräftemangel. Das gilt auch für den Schiffbau. Gemeinsam kommen die Felder in der Engpassanalyse auf einen Indexwert von 2,3. © Daniel Reinhardt/dpa
Ein Mitarbeiter der Rochlitzer Porphyr Manufaktur zersägt mit einer Steinsäge einen Porphyrblock.
In den großen Debatten rund um den Fachkräftemangel finden das Feld der Naturstein-, Mineral- und Baustoffherstellung kaum statt. Dabei beobachtet die BA bei ihrer Analyse ebenfalls einen Engpass. Der Wert liegt bei 2,3. © Jan Woitas/dpa
Ein Bauer kontrolliert das Schneidwerk seines Mähdrescher.
Systemrelevant: Ohne die Landwirtschaft bleiben alle ohne Nahrung. Trotz der Bedeutung haben Betriebe Schwierigkeiten, geeignete Fachkräfte zu finden, berichtet das Branchemagazin Top Agrar. Im Index der BA liegt die Branche beim Wert von 2,3 – und damit im Bereich eines Engpasses. © Peter Gercke/dpa
Eine medizinische Fachangestellte führt eine Spritze an den Oberarm eines älteren Mannes, um ihn zu impfen. Im Hintergrund sitzt eine Ärztin.
Medizinsche Fachangestellte, kurz MFA, sind gefragt: Im Berufsfeld der Arzt- und Praxishilfe stuft die BA den Engpass mit 2,5 ein. Besonders kritisch ist die Fachkräftelücke im Bereich der zahnmedizinischen Fachangestellten. © Jens Kalaene/dpa
Auf einem Plakat einer Steuerberatungsfirma werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter als Azubis, Steuerfachangestellte, Steuerfachwirte, Steuerberater und Bilanzbuchhalter gesucht.
Auszubildende, Steuerfachangestellte, Fachwirte und Steuerberater gesucht: Auch im Bereich der Steuerberatung beobachten Fachleute einen Engpass, der BA-Index zeigt den Wert 2,5. © Jens Kalaene/dpa
Eine Kundin steht vor der Auslage einer Metzgerei, in der verschiedene Wurstsorten liegen. Sie deutet auf eine Wurst. Hinter der Theke steht einer Verkäuferin.
Allein in München und Oberbayern fehlen laut Industrie- und Handelskammer (IHK) über 2000 Verkäuferinnen und Verkäufer in Metzgereien, doch das Problem ist nicht regional begrenzt. Die BA verbucht für alle Berufe im Verkauf von Lebensmitteln eine Arbeitskräftelücke. Der Engpass-Indikator ergibt den Wert 2,5.  © Patrick Pleul/dpa
Zwei Techniker mit grellgelben Jacken stehen oben auf einem großen Windrad.
Auch der Energiesektor sucht händeringend nach Fachkräften. Die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) warnt, dass der Mangel die Energiewende gefährden könne. Die BA bewertet die Lücke mit dem Indexwert von 2,5 – damit gibt es im Bereich der Energietechnik ebenfalls einen Engpass. © Jan Woitas/dpa
Eine Mitarbeiterin eines Automatisierungstechnik-Unternehmens prüft eine Platine mit einer Lupe.
Automatisierungstechnik und Mechatronik ist ein weiteres Berufsfeld, wo Unternehmen mit dem Fachkräftemangel zu kämpfen haben. Der Engpassindex der BA zeigt den Wert 2,5. © Bernd Weißbrod/dpa
Eine Empfangsmitarbeiterin eines Hotels sitzt an der Rezeption und telefoniert. Im Hintergrund ist eine andere Mitarbeiterin zu erkennen.
Mit 2,6 stuft die Arbeitsagentur die Fachkräftelücke im Bereich der Hotellerie ein – und beobachtet damit einen Engpass. Zwar bewegt sich das Verhältnis von Arbeitsuchenden und Stellen im grünen Bereich. Alle übrigen Indikatoren senden Warnsignale. © Marcel Kusch/dpa
Ein Straßenbauer kniet auf einem frisch geteerten Asphalt, um den neuen Straßenbelag auszubessern.
Berufe im Tiefbau gehören zu den Tätigkeiten, die am stärksten vom Fachkräftemangel betroffen sind. Darunter fallen etwa Straßen- und Kanalbauer sowie Betonbauer. Die Bundesagentur für Arbeit berichtet von einem Engpass. Der entsprechende Indikator liegt bei 2,7. © Jörg Carstensen/dpa
Eine junge Frau, die eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima macht, trägt eine blaue Jacke. Sie steht an einer Wärmepumpe und hält ein gelb-schwarzes Messgerät in der Hand, auf das sie blickt.
Auszubildende für den Beruf der Anlagenmechanikerin Sanitär-Heizung-Klima sind gefragt. Denn auch im Bereich der Klempnerei, Santitär, Heizung, Klimatechnik besteht laut Arbeitsagentur ein großer Engpass. Auch hier liegt der Wert bei 2,7. © Uwe Anspach/dpa
Die Mitarbeiterin einer Zahntechnik-Firma arbeitet an einer Totalprothese des Oberkiefers
Ebenfalls einen großen Engpass gibt es bei Berufen der Medizin-, Orthopädie- und Rehatechnik. Die BA vergibt auch hier den Wert 2,7. Neben Zahntechnikerinnen sind etwa Hörgeräteakustiker gefragt. © Patrick Pleul/dpa
Eine Pflegerin schiebt eine pflegebedürftige Person, die nicht zu sehen ist, in einem Rollstuhl über den Flur eines Pflegeheims.
Die Alterung der Gesellschaft belastet nicht nur den Arbeitsmarkt, weil viele Fachkräfte in den Ruhestand gehen. Immer mehr Menschen werden damit auch Pflegebedürftig. Damit braucht es immer mehr Pflegekräfte, um sie zu versorgen. Laut Statistischen Bundesamt werden bis 2049 zwischen 280.000 und 690.000 Plegekräfte fehlen. Die BA beobachtet bereits jetzt einen Engpass – und vergibt den Wert 2,7. © Christophe Gateau/dpa

Betroffene könnten häufig nur geringfügige oder andere atypische Beschäftigungen aufnehmen. Sie sind schlechter bezahlt und die Beschäftigten bleiben damit trotz Arbeit von Sozialleistungen wie der Grundsicherung abhängig. Je nach Fall kann das auch eine halbe Erwerbsminderungsrente oder Wohngeld sein. Mania wünschte sich deshalb bei der Frage der Erwerbsfähigkeit, „dass es noch konkreter geht“.

Bürokratie zwischen Bürgergeld und Rente ist Belastung für Betroffene

Unabhängig davon sieht der Jobcenter-Chef derzeit den Prozess bei der Klärung der Erwerbsfähigkeit als Problem – also den von den Bertelsmann-Experten geforderten Wechsel der Sozialleistungen. Es könne „durchaus zwölf Monate und auch länger“ dauern, bis geklärt ist, welche Sozialleistung die Bedürftigen erhalten. Häufig gibt es mehrere Gutachten. „Bisher lässt der rechtliche Rahmen viel offen“, so Mania. Er forderte eine Entscheidungsstelle: „Wenn die Feststellung der Erwerbsunfähigkeit oder der Erwerbsfähigkeit ansteht, dann muss es einen Ansprechpartner oder eine Stelle geben, der die Entscheidung fällt.“

Union und SPD haben sich im Oktober darauf geeinigt, den Erwerbsfähigkeitsbegriff „realitätsnäher“ zu definieren. Damit sollen Menschen, die „auf Dauer nicht in den ersten Arbeitsmarkt vermittelt werden können“, die „für sie richtige Hilfe erhalten“. Das Bundesarbeitsministerium prüfe „diesen Auftrag und wird zu gegebener Zeit einen Vorschlag vorlegen“, erklärte eine Sprecherin auf Ippen.Media-Anfrage. Dabei werde das Verfahren zur Feststellung der Erwerbsfähigkeit in den Blick genommen.

Die Frage der Erwerbsfähigkeit sei für Bedürftige ein zweischneidiges Schwert, erklärte Helena Steinhaus vom Verein Sanktionsfrei. „Die einen wollen es unbedingt. Die anderen haben Angst vor den Konsequenzen, aussortiert zu werden“. Sie haben die Befürchtung, durch die Erwerbsunfähigkeit stigmatisiert zu werden.

Trotz Vermittlungshemmnissen erhöht die Merz-Regierung den Druck auf Arbeitsuchende

Abseits der Bedürftigen mit gesundheitlichen Problemen setzt die Bundesregierung in der neuen Grundsicherung jedoch darauf, die Beziehenden so zu fördern, dass sie arbeiten können. Die Gesundheit soll deshalb Teil der Beratung in den Jobcentern werden. Dort sollen die Beschäftigten auf Präventions- und Gesundheitsleistungen anderer Institutionen hinweisen.

Rubriklistenbild: © Jens Kalaene/dpa

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