„Herr Habeck ist als Minister exzellent gestartet“

Industrie geplagt von Standort-Sorgen: Deutschland laut Covestro-Chef noch immer „tiefrot“

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Der Chef des Chemiekonzerns Covestro, Markus Steilemann, über die Plastikkrise, Chancen der Kreislaufwirtschaft und die Aussichten der gebeutelten Branche. Ein Interview von Joachim Wille.

Zu viel Bürokratie, marode Verkehrs-Infrastruktur, zu hohe Energiekosten – darunter leide die Chemiebranche hierzulande, sagt der Chef eines der führenden Chemiekonzerne, Markus Steilemann, der auch Präsident des Branchenverbandes VCI ist. „Deutschland ist für die meisten Firmen nach eigenem Bekunden tiefrot.“ Doch er sieht Anzeichen, dass die Talsohle erreicht ist, und sieht große Chancen in einer Kreislaufwirtschaft für Plastik

Herr Steilemann, auf den Weltmeeren gibt es neue Quasi-Kontinente aus Kunststoff-Müll, Mikroplastik findet sich sogar in Eis der Arktis, hierzulande kämpfen die Kommunen mit Müllbergen aus To-Go-Verpackungen. Wie viel Schuld trägt die Chemieindustrie daran, dass ihr Image so schlecht ist?

Die Debatte wird leider oft etwas einseitig geführt. Wir bei Covestro und in der Chemieindustrie allgemein sind der Auffassung: Kunststoffe sind entscheidend für ein nachhaltiges und gesundes Leben. Beispiel: Kein Windrad, keine Fotovoltaik-Anlage, keine E-Auto-Batterie würde ohne Chemie funktionieren. Oder: Kunststoffe im Verpackungsbereich erhöhen die Lebensmittel-Haltbarkeit und -Sicherheit. Allerdings gibt es auch Nachteile, das ist vollkommen klar. Aber wir glauben, dass sich die Probleme lösen lassen. Bisher ist zu wenig an Recycling-Optionen gearbeitet worden. Das betrifft sowohl das Design von Kunststoffen, damit sie gut wiederverwertbar sind, als auch die Wiederverwertungskapazitäten. All das kann man als Schuldfrage adressieren, man kann es aber auch als Auftrag an die Gesellschaft und die Kunststoff-Unternehmen sehen, sich diesem Thema zu stellen. Die Schulddebatte hilft hier nicht weiter, sie bringt keine Lösungen, und auf die kommt es an.

Die UN streben bis 2025 ein Plastikabkommen an, das die Probleme lösen soll. Doch die Verhandlungen dazu sind blockiert. Zuletzt, bei der vierten Runde in Ottawa, gab es null Fortschritt. Warum?

Erstmal ist es gut, dass es diese Verhandlungen gibt. Wir haben ein Problem mit einer gewaltigen, komplexen Dimension, das auch komplexe Antworten erfordert. Die Verhandlungen werden allerdings durch überzogene Forderungen einiger Interessengruppen in Gefahr gebracht, Fokus und Tempo zu verlieren. Würden sie umgesetzt, würde das die Kunststoff-Industrie massiv gefährden und die Transformation hin zur Kreislaufwirtschaft verhindern. Verschiedene Akteure wollen den Einsatz von Kunststoffen und Vorprodukten in der Konsequenz faktisch verbieten. Zusätzlich würden alle Anwendungen im Rahmen des geplanten UN-Abkommens vorsorglich reguliert. Das geht zu weit und ist ineffizient. Denn es gibt weltweit bereits Abkommen, die Chemikalien ausreichend regulieren, in der EU zum Beispiel die Reach-Verordnung, in den USA Tosca, den Toxic Substances Control Act.

Wer stellt denn die, wie Sie sagen, überzogenen Forderungen?

Diverse NGOs, aber auch einige Staaten sehen konkrete Verbote vor. Auf der anderen Seite des Spektrums stehen erdölproduzierende Staaten, die um ihren Absatz fürchten. Hier eine gemeinsame Linie zu finden, ist schwierig.

Umweltorganisationen fordern neben Recycling auch eine Begrenzung der Produktion.

Das ist der falsche Ansatz. Wir haben Umweltprobleme, weil Kunststoffe nach der Nutzung nicht in ausreichendem Maß recycelt werden. Produktionsbeschränkungen sind nicht das richtige Instrument, um das zu lösen. Man müsste dann Tausende von Anwendungen regulieren, und das in allen Staaten weltweit. Das ist nicht machbar. Außerdem würde eine künstliche Verknappung auch hier, ähnlich wie bei der Energie, voraussichtlich zu höheren Preisen führen. Und das träfe besonders arme Länder und Bevölkerungsschichten. Es wäre hochgradig unsozial.

Sortieranlage für Kunststoffabfälle in Bochum.

Die Produktion von Kunststoffen soll sich weltweit bis 2060 verdreifachen. Klimafachleute berechnen, dass dann die Chemieindustrie einen Großteil des globalen CO₂-Restbudgets aufbrauchen würde. Kein Problem?

Bisher ist der Anteil der Chemieindustrie relativ gering. Global verbraucht sie 14 Prozent der Erdöl- und acht Prozent der Erdgasmengen. Man muss aber dagegen rechnen, dass damit wichtige Produkte hergestellt werden, oft auch solche, die enorme Mengen Energie einsparen. Ein gutes Beispiel sind Dämmstoffe, deren Komponenten wir herstellen. Sie sparen während der Nutzungsdauer bis zu 70-mal mehr Energie ein, als bei der Produktion hineingesteckt wird.

Es bleibt ungelöst, dass eine so große Plastikproduktion das Budget sprengen würde. Zudem sind viele Produkte nicht langlebig, sondern Einweg-Ware...

Aber selbst die viel kritisierten Einweg-Getränkeflaschen haben für die Umwelt und die Menschen, die sie nutzen, eine positive Bilanz. In vielen Regionen in Entwicklungsländern machen sie es erst möglich, dass dort sicheres, sauberes Wasser genutzt werden kann. Man sollte so etwas nicht verbieten, solange es keine besseren Lösungen gibt.

Welche Potenziale hat das Recycling? Ist eine geschlossene Kreislaufwirtschaft ohne Abfälle drin?

Zur Person

Markus Steilemann (54) ist Vorstandsvorsitzender des Chemiekonzerns Covestro , Präsident des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) und Mitglied im Vorstand des Weltverbandes der Chemieverbände (ICCA).

Das Unternehmen mit Sitz in Leverkusen ist 2015 aus der ehemaligen Kunststoffsparte der Bayer AG hervorgegangen. Es entwickelt, produziert und vertreibt Polymer-Werkstoffe an etwa 50 Standorten in Europa, Asien und Amerika, darunter Komponenten für Schaumstoffe, Beschichtungen und Lacke. 2023 erzielte Covestro einen Umsatz von knapp 14,4 Milliarden Euro nach knapp 18 Milliarden im Vorjahr.

Der Covestro-Chef hat in Aachen und Zürich Chemie und Betriebswirtschaft studiert, seine Berufskarriere begann 1999 bei Bayer, 2015 wurde er Vorstandsmitglied bei Covestro, 2018 dann Konzernchef. jw/Bild: Covestro

Es gibt heute keine völlig verlustfreie Recyclingtechnologie. Wir bei Covestro versuchen aber, den Recyclinganteil deutlich zu erhöhen. Produkte, die derzeit nicht klassisch, das heißt werkstofflich wiederverwertet werden können, sollen künftig chemisch aufgeschlossen werden. Für einige unserer wichtigsten Produkte, die Komponenten von Hart- und Weichschäumen, entwickeln oder erproben wir derzeit entsprechende Verfahren. Dabei kommt es auch darauf an, die Produkte heute so designen, dass sie morgen einfacher sammel- und recyclingfähig sind. Hier setzen wir an. Das heißt zum Beispiel: möglichst nur einen Polymertyp im Produkt statt Mischungen und nur wenig Zuschlagsstoffe verwenden.

Das heißt, die alte Matratze, die ich zum Sperrmüll stelle, wandert nicht mehr in die Müllverbrennung.

Genau. Wir haben in Projekten zusammen mit Partnern entlang der Wertschöpfungskette Prozesse entwickelt, in denen wir die zwei chemischen Kernbausteine, aus denen der Schaumstoff in der Matratze größtenteils besteht, wieder sortenrein zurückgewinnen können. Daraus lassen sich dann Matratzen herstellen, die qualitativ von Neuware aus Erdöl nicht zu unterscheiden sind. Das spart große Mengen Rohstoffe ein und senkt den Kohlenstofffußabdruck des Produktes – ein Beitrag zum Ressourcen- und Klimaschutz.

Welche politischen Rahmenbedingungen sind nötig, um zu einer funktionierenden Kreislaufwirtschaft zu kommen? Striktere Recyclingvorschriften, Steuern, Pfandsysteme?

Um die Kreislaufwirtschaft anzukurbeln, sind Einsatzquoten für die Nutzung von Recyclingkunststoffen notwendig, sodass sich alle Produzenten bewegen. Ebenso wünschenswert wäre, dass die öffentliche Hand bei der Beschaffung vorangeht. Denn diese hat durch ihre großen Beschaffungsmengen eine große Marktmacht und Leitfunktion. Auch Pfandsysteme sind wichtig, etwa bei den Getränkeflaschen. Hier sollten die Pfandbeiträge so angepasst werden, dass praktisch alles zurückgebracht wird – anders als heute, wo viele Flaschen weggeworfen werden und damit als Rohstoff verloren gehen.

Herr Steilmann, die wirtschaftliche Lage der Chemieindustrie ist schlecht. Es gab Umsatzeinbrüche, unter anderem wegen der verteuerten Energie nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Wie sieht es aktuell aus?

Die Talsohle scheint durchschritten, im ersten Quartal gab es quer durch die Branche positive Signale, die Produktion steigt wieder. Für eine Entwarnung ist es aber noch zu früh, wir sind lange noch nicht wieder auf dem Niveau, auf dem wir vor der Corona-Krise waren. Die Kapazitäten sind nicht ausgelastet, der Umsatz ist unter Vorjahr. Hinzu kommt: Die Gewinne deutscher Unternehmen werden überwiegend im Ausland erwirtschaftet, nicht zuhause. Deutschland ist für die meisten Firmen nach eigenem Bekunden tiefrot.

Was müsste geschehen?

Die strukturellen Probleme müssen endlich gelöst werden. Wir haben viel zu viel Bürokratie, vor allem aufgrund von EU-Vorschriften, die Verkehrsinfrastruktur ist in vielen Bereichen marode, zu hohe Steuern schrecken Fachkräfte aus dem Ausland ab, und die Energiekosten sind im internationalen Vergleich immer noch zu hoch. Energie ist für unsere Unternehmen vier- bis fünfmal teurer als in den USA; der Ausbau der Erneuerbaren Energien läuft zu langsam.

Müssten Sie da nicht ein Fan von Grünen-Wirtschaftsminister Habeck sein, der Ihnen mit einem niedrigeren Industriestrompreis entgegenkommen wollte?

Herr Habeck ist als Minister exzellent gestartet, doch, bei der Bewältigung der Krise schwächelt die gesamte Regierungskoalition und ist in ideologische Grabenkämpfe vertieft. Auf die Umsetzung sinnvoller Ideen wie den Industriestrompreis konnte sich die Bundesregierung daher leider nicht verständigen. Hinzu kommt: Auf dem Strommarkt haben wir zu wenig Angebot an Erneuerbaren, während die Atomkraft zu früh aus dem Markt genommen wurde und der Netzausbau für die Ökoenergien zu langsam läuft. Es passt alles nicht zusammen.

Sie haben gefordert, die zuletzt abgeschalteten drei AKW weiter zu betreiben. Wäre das immer noch eine Option?

Ich war sehr enttäuscht, dass weder die letzte Regierung noch die Ampel das Thema angepackt hat. Ich bin der Meinung: Die politische Entscheidung, die Kernkraftwerke weiter zu betreiben, sollte getroffen werden. Wie das konkret jetzt noch möglich wäre, müssten die Betreiber klären.

Rubriklistenbild: © IMAGO/Funke Foto Services

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