- VonStephan Kaufmannschließen
China wehrt sich gegen US-Sanktionen – und verzeichnet trotz der Maßnahmen aus Washington kräftiges Wachstum. Zwei Zukunftsindustrien florieren.
Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) fand deutliche Worte: „Schnallen Sie sich an: Unsicherheit ist die neue Normalität“, sagte Kristalina Georgieva im Vorfeld der IWF-Herbsttagung diese Woche. Ursache dieser „Unsicherheit“ ist vor allem der Handelskrieg zwischen den USA und China, der an Schärfe gewinnt – Peking reglementiert seinen Rohstoffexport, US-Präsident Donald Trump droht mit neuen Zöllen von 100 Prozent. Bemerkenswert dabei: Während Länder wie Deutschland stark unter den US-Handelsschranken leiden, floriert der chinesische Export. China macht sich zunehmend unabhängig von den Vereinigten Staaten.
„Unsicherheit“ ist nicht nur für den IWF die kennzeichnende Beschreibung der aktuellen Lage. Weltweit beklagen Politiker:innen, Wirtschaftsinstitute und Unternehmen diese Unsicherheit. Gemeint sind damit nicht die üblichen Konjunktur- oder Investitionsrisiken, also die Möglichkeit, dass Wachstum oder Gewinne geringer ausfallen als erwartet. Dauerhaft unsicher geworden ist vielmehr der gesamte rechtliche Rahmen des weltweiten Geschäfts. Global agierende Unternehmen können nicht länger davon ausgehen, dass ihre grenzüberschreitenden Investitionen, Käufe und Verkäufe morgen überhaupt noch erlaubt sind und wenn, unter welchen Bedingungen.
Donald Trump tänzelt hin und her
Deutlich wurde diese Unsicherheit dieser Tage: US-Behörden weiteten ihre Exportkontrollen auf weitere chinesische Unternehmen aus und gaben neue Leitlinien heraus, die höhere Hafengebühren für chinesische Schiffe betreffen. Als Gegenreaktion kündigte Peking eine Hafengebühr für US-Schiffe an sowie schärfere Kontrollen für den Export von Seltenen Erden, die vor allem in der Rüstungs- und Technologieproduktion benötigt werden.
Darauf reagierte Trump am Wochenende scharf. Auf seinem Netzwerk Truth Social schrieb er: „Aufgrund der Tatsache, dass China diese beispiellose Position eingenommen hat, werden die Vereinigten Staaten von Amerika ab dem 1. November 2025 (oder früher, abhängig von weiteren Maßnahmen oder Änderungen seitens Chinas) einen Zollsatz von 100 Prozent auf China erheben, zusätzlich zu den derzeit gezahlten Zöllen. Ebenfalls am 1. November werden wir Exportkontrollen für alle kritischen Softwareprodukte verhängen.“ Diese Ankündigung sorgte für kräftige Verluste an den Börsen. Einen Tag später ruderte Trump daher wieder zurück: „Machen Sie sich keine Sorgen um China, alles wird gut! Die USA wollen China helfen, nicht schaden!!!“
China spürt seine eigene Stärke
Offen ist, wer nachgeben wird. Was Pekings Position stärkt, ist die Tatsache, dass sich Chinas Wirtschaft bislang als bemerkenswert widerstandsfähig erweist. Das zeigen die jüngsten Exportzahlen: Im September stiegen Chinas Exporte um 8,3 Prozent gegenüber Vorjahresmonat, das war das kräftigste Wachstum seit 17 Monaten. Zum Vergleich: Die deutschen Warenexporte schrumpften im August um 0,7 Prozent. Die Verkäufe in die USA lagen sogar ein Fünftel niedriger.
Zwar verzeichnete China sogar einen noch stärkeren Rückgang seiner Ausfuhren in die Vereinigten Staaten (-27 Prozent). Dies wurde jedoch durch Wachstum in vielen anderen Regionen ausgeglichen. Deutliche Gewinne gab es bei Exporten in die EU (+14,2 Prozent), in die ASEAN-Staaten (+15,6 Prozent) sowie nach Afrika (+56,6 Prozent) und Lateinamerika (+15,2 Prozent). „Diese Widerstandsfähigkeit zeigt, dass China seinen Handel mit dem Rest der Welt trotz der protektionistischen Maßnahmen der USA ausgebaut hat“, so die niederländische Großbank ING.
In den einzelnen Branchen sind die Auswirkungen der US-Zölle laut ING allerdings deutlich erkennbar. Chinas Hauptwachstumskategorien hielten sich im September gut: Überdurchschnittliche Zuwächse verzeichneten Schiffe (+42,7 Prozent), Halbleiter (+32,7 Prozent) und Autos (+10,9 Prozent). Branchen mit stärkerer US-Abhängigkeit schwächelten: Bekleidung und Accessoires (-8,0 Prozent), Schuhe (-13,3 Prozent) und Spielwaren (-27,9 Prozent).
Da China sich zunehmend unabhängig vom US-Markt macht, verzeichnet es für die ersten drei Quartale des laufenden Jahres ein Exportwachstum von über sechs Prozent – das ist mehr als die 5,9 Prozent des Jahres 2024. „Eine solide Entwicklung, die nur wenige Ökonomen angesichts des Handelskonflikts vorausgesehen hatten“, laut ING. Das gibt der Regierung Rückenwind gegenüber Trump. Man werde den Handelskrieg „bis zum bitteren Ende“ führen, teilte das Handelsministerium am Dienstag mit. Es sei klar, dass Chinas Exportsektor US-Zöllen von rund 50 Prozent standhalten kann, sagte Christopher Beddor vom Analysehaus Gavekal Dragonomics dem Finanzdienst Bloomberg. „Peking macht sich zwar Sorgen, wenn die Zölle 100 Prozent überschreiten, aber solange dieses Szenario nicht eintritt, haben die Zölle eine geringere Priorität.“ Die Unsicherheit bleibt der Welt erstmal erhalten.
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