- VonMark Simon Wolfschließen
Nach dem Blackout in Spanien steht die Energiepolitik von Premier Sánchez in der Kritik. Ermittler prüfen Hinweise auf Cyberangriffe oder Systemfehler.
Madrid – In Spanien läuft die Suche nach der Ursache für den landesweiten Stromausfall vom 28. April weiter. Noch immer schließt das Energie- und Umweltministerium „keine Möglichkeit aus“ – einschließlich eines möglichen Cyberangriffs. Zwar hatte der spanische Netzbetreiber Red Eléctrica (REE) einen Cyberangriff kurz nach dem Vorfall ausgeschlossen, doch die Audiencia Nacional – Spaniens oberstes Strafgericht – hat mittlerweile eine offizielle Untersuchung eingeleitet.
Spanische Behörden weiter auf der Suche: Lösten Cyberattacken oder Technikpannen den Blackout aus?
Auch innerhalb der Regierung gibt es offenbar Zweifel, ob kleinere und mittelgroße Energieanlagen ausreichend gegen externe Angriffe abgesichert sind. Deshalb untersucht das spanische Nationale Cybersicherheitsinstitut (Incibe) derzeit kleinere Stromerzeuger – um mögliche Rückschlüsse auf den April-Blackout zu ziehen. Im Zentrum stehen dabei Solar- und Windparks, die 2024 rund 45 Prozent zur Stromversorgung beitrugen und vielerorts fossile und nukleare Quellen ersetzt haben. Mittlerweile stützt sich das heutige Stromsystem in Spanien zunehmend auf viele kleine, dezentrale Erzeuger – die, so die Befürchtung von Behörden, nicht durchgängig gegen koordinierte Cyberangriffe gewappnet sind.
Die Unternehmen sollen laut der Financial Times konkrete Fragen beantworten: Etwa, ob sie rund um den 28. April etwaige Anomalien in ihrem Stromkreislauf festgestellt hätten oder ob es generell möglich sei, die Anlagen (oder Kraftwerke) auch aus der Ferne zu steuern.
Firmware, Umrichter, Internetzugang: Wie angreifbar sind Spaniens Solar- und Windkraftanlagen?
Grundsätzlich ist das laut Experten möglich: Als potenzielle Einfallstore gelten Geräte, die von Firmware gesteuert werden und etwa Strom umwandeln oder Kommunikationsaufgaben übernehmen. Diese Komponenten – etwa Umrichter, Stromwandler oder Steuergeräte – sind oft dauerhaft mit dem Internet verbunden und somit potenziell angreifbar.
Besonders Solar- und Windkraftanlagen bestehen aus vielen verstreuten Einheiten, die jeweils Wechselrichter, Sensoren oder Kommunikationsmodule enthalten – allesamt mit Firmware ausgestattet und oft fernsteuerbar. Wird die Software nicht regelmäßig aktualisiert oder bestehen Sicherheitslücken, können selbst kleine Anlagen zum Angriffsziel werden. Ganz unwahrscheinlich ist dieses Szenario nicht: Auch das deutsche Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnte 2025 vor Schwachstellen in privaten Photovoltaikanlagen – über diese könnten Angreifer ins Heimnetz eindringen.
In den USA zeigte das Cybersicherheitsunternehmen Forescout Vedere Labs in Tests, dass manipulierte Wechselrichter gezielt Stromschwankungen erzeugen und sogar ganze Netzstrukturen destabilisieren können.
Netzbetreiber Red Eléctrica fehlen Echtzeitdaten kleiner Solar- und Windanlagen – Experten schlagen Alarm
In Spanien gibt es laut Schätzungen der Handelsgruppe Anpier rund 54.000 Solaranlagen, die kommerziell oder privat an das Stromnetz angeschlossen sind. Das Problem: Immer mehr Kleinanlagen mit weniger als einem Megawatt Leistung sind nicht an das zentrale Echtzeit-Überwachungssystem von Red Eléctrica angeschlossen – der Netzbetreiber warnt vor einer wachsenden Intransparenz. Der Netzbetrieber hat für diese kleinen Anlagen keine oder nur unvollständige Echtzeit-Daten zur Verfügung, sodass er nicht einordnen kann, wieviel Strom sie gerade in das Netz einspeisen oder ob sie korrekt funktionieren. Aktuell werden nur Live-Daten von rund 4.000 größeren Anlagen ab fünf Megawatt übertragen, die sich im Fall von Netzschwankungen oder Überlastung zudem zentral steuern oder anpassen ließen.
Die Diskussion um mögliche technische Schwachstellen geht längst über die Fachwelt hinaus – und richtet sich nun verstärkt gegen Premierminister Pedro Sánchez.
Zielscheibe Sánchez: Wird Spaniens ambitionierte Energiewende zum Risiko für die Netzstabilität?
Seit seinem Amtsantritt 2018 hat er die spanische Energiewende zur zentralen politischen Mission erklärt, mit dem Ziel, das Land zu einem Vorreiter bei Solar- und Windenergie zu entwickeln. Bis 2030 sollen laut Sánchez 74 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Quellen stammen, bis 2050 sogar 100 Prozent. Zudem setzte seine Regierung ein Verbot für neue Genehmigungen fossiler Brennstoffe und für Uranabbau durch – und leitete einen schrittweisen Atomausstieg zwischen 2027 und 2035 ein.
Einige Experten sehen einen direkten Zusammenhang – und halten den Rückbau der Atomkraft für einen strategischen Fehler: Der spanische Energieexperte Javier Dasí sagte gegenüber Euronews, dass das spanische Stromnetz kollabiert sei, weil über 60 Prozent der eingespeisten Energie an diesem Tag aus erneuerbaren Quellen stammte, vor allem aus Solar- und Windkraft. Als die Störung auftrat, wurde die Energieträger sicherheitshalber vom Netz getrennt, wodurch ein Ungleichgewicht im Netz – ein Kaskadeneffekt – entstanden sei. Der Ausbau von „billiger erneuerbarer Energie“ der vergangenen Jahre habe dieses Szenario erst möglich gemacht.
Experten bemängeln transparente Aufklärung – und sehen brisante Rolle von Red Eléctrica
Sánchez hingegen wirft den privaten Stromversorgern vor, nicht angemessen auf die Krise reagiert zu haben. Durch die Teilprivatisierung von REE habe der Staat die Kontrolle über das Stromnetz teilweise verloren, so sein Vorwurf. Aktuell hält der spanische Staat rund 20 Prozent der Anteile an REE – ist damit zwar größter Einzelaktionär, aber nicht Mehrheitsinhaber.
Unter der unübersichtlichen Gemengelage leidet vor allem die transparente Aufklärung der Vorgänge. Experten bemängeln, dass diese aktuell überwiegend aus wirtschaftlichen Interessen geleitet ist – und fordern eine unabhängige Aufarbeitung. Besonders brisant: Sollte sich am Ende ein vermeidbarer Cyberangriff als Ursache herausstellen, könnten auf REE Entschädigungsforderungen in Millionen- oder sogar Milliardenhöhe zukommen. Auch deshalb werden die Stimmen nach einer komplett unabhängigen Untersuchung, an der der Staat nicht beteiligt ist, in Spanien immer lauter.
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