Blackout auf iberischer Halbinsel

„Wie eine Reihe Dominosteine“: Gründe für Blackout in Spanien unklar

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Einen Tag nach dem Stromausfall in Spanien kehrt der Alltag zurück – der Auslöser bleibt rätselhaft. Auch in Deutschland herrschte kurzzeitig Unruhe.

Madrid – So langsam kehrt auf der iberischen Halbinsel wieder Normalität ein. Am Dienstagmittag (29. April), rund 24 Stunden nach dem großflächigen Stromausfall in Spanien und Portugal, meldeten die Behörden, dass Stadt für Stadt die Elektrizität zurückkehrt und auch der Zug- und Flugverkehr langsam wieder aufgenommen wird. Und dennoch: Weit über die betroffenen Länder hinaus herrscht nach wie vor Ratlosigkeit, was den größten Blackout der vergangenen Jahre ausgelöst haben könnte. Innerhalb von fünf Sekunden fielen rund 15 Gigawatt Stromerzeugung aus – das entsprach rund 60 Prozent des landesweiten Strombedarfs in Spanien.

Nach dem Blackout: Spaniens Stromversorgung stabilisiert sich – die Ursachen bleiben weiter rätselhaft

Laut dem spanischen Stromnetzbetreiber Red Eléctrica resultierten daraus starke Schwankungen im Netz, sodass die iberische Halbinsel vom europäischen Netz isoliert wurde. Dabei sind besonders die ersten Sekunden entscheidend, wie ein deutscher Netzexperte gegenüber der WirtschaftsWoche erklärte: „Wenn plötzlich Tausende Megawatt an Leistung fehlen oder aber zu viel im Netz sind, weil die Versorgung der Verbraucher nach einem Ausfall nicht mehr möglich ist, könnte die Infrastruktur wegbrechen, wie eine Reihe Dominosteine.“

So passiert in Spanien: U-Bahnen und Aufzüge blieben stecken, Ampelsysteme fielen aus und Restaurants sowie Geschäfte mussten vorübergehend schließen. Während sich auf den Straßen in Großstädten wie Madrid, Barcelona und Lissabon Menschenansammlungen bildeten, die Lage aber ruhig blieb, begannen auf politischer Ebene bereits die ersten Analysen und Spekulationen.

Koordinierter Cyberangriff auf Europa? Ermittler suchen fieberhaft nach der Ursache für den Blackout

Der Direktor von Red Eléctrica, Eduardo Prieto, erklärte gegenüber Medien: „Ein absolut außergewöhnliches Ereignis, da es in Spanien noch nie zuvor ein Ereignis dieser Art gegeben hat.“ Der Präsident der andalusischen Regionalregierung, Juanma Moreno, sinnierte, dass „ein Stromausfall dieses Ausmaßes nur auf einen Cyberangriff zurückzuführen sein kann“.

Doch noch während des Stromausfalls nahmen der EU-Ratspräsident António Costa und die EU-Energiekommissarin Teresa Ribera auf X dieser Debatte die Brisanz und verkündeten, dass es keine Hinweise auf eine koordinierte Cyberattacke gebe. Und dennoch: Die Institutionen in Spanien und Portugal sowie auch auf EU-Ebene ermitteln in alle Richtungen, wie auch der spanische Premierminister Pedro Sánchez nochmal betonte. Dieser rief zudem den Ausnahmezustand aus und erklärte, dass seine Regierung im engen Austausch mit den Nachbarländern, den EU-Gremien und der NATO stehe.

Stromausfall in Spanien – die Ursachen für den großflächigen Blackout sind weiter ungeklärt.

Im Falle einer nachgewiesenen, externen Attacke auf die Infrastruktur bekäme die Brisanz des Vorfalls nochmal eine ganz andere Dimension. Parallel zu den ersten politischen Reaktionen geraten auch technische Schwächen des spanischen Stromnetzes in den Fokus der Analyse.

Netzstruktur unter der Lupe: Warum Spanien besonders anfällig für massive Stromausfälle ist

Als weitere Ursachen diskutieren Experten derzeit einen plötzlichen Wetterumschwung um die Mittagszeit, strukturelle Probleme bei der Einspeisung von Wind- und Solarenergie sowie Spaniens besondere Stellung als „Energieinsel“ innerhalb Europas. Während der spanische Netzbetreiber Red Eléctrica einen meteorologischen Ursprung für unwahrscheinlich hält, rücken die strukturellen Defizite stärker in den Vordergrund: Der Ausbau von Netz- und Speicherkapazitäten hinkt hinterher, zudem fehlen wichtige Redundanzen, etwa alternative Einspeisemöglichkeiten aus Nachbarländern wie Frankreich.

Eine Ausnahme bildeten die Balearen: Zwar kam es auch dort zu einer kurzzeitigen Unterbrechung der Stromversorgung über das Unterseekabel, jedoch sicherte die lokale Eigenproduktion durch Kraftwerke und zusätzliche Sicherheitsreserven die Versorgung der Inselgruppe weitgehend ab.

Deutschland bleibt verschont – Alarmbereitschaft im europäischen Verbundnetz trotzdem auf höchster Stufe

Und auch der Rest Europas blieb von den Auswirkungen weitgehend verschont: Während in Frankreich der Stromnetzbetreiber RTE einen kurzzeitigen Ausfall in einigen Teilen des Landes meldete, bliebt Deutschlands Versorgung unberührt. Dennoch, so meldeten es die Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW, herrschte zwischenzeitlich erhöhte Alarmbereitschaft – auch um eine Kettenreaktion im kontinentaleuropäischen Verbundnetz zu verhindern. Sie aktivierten ihre Krisenprotokolle und federten so einen etwaigen Flächenbrand in der europäischen Versorgung ab. In Europa muss die Stromfrequenz stabil bei 50 Hertz gehalten werden – schon geringe Abweichungen von etwa 0,2 Hertz können für das gesamte Netz gefährlich werden.

Im Ernstfall sehen die Krisenprotokolle der Netzbetreiber vor, Reservekraftwerke hochzufahren und nicht-kritische Verbraucher vorübergehend vom Netz zu nehmen, um die Versorgung zu stabilisieren  –ansonsten fallen wieder die „Dominosteine“.

Kritik an Sánchez wächst: Opposition verlangt Aufklärung und Schutz vor künftigen Blackouts

Aktuell richtet sich in Spanien zunehmend der Blick auf die politischen Konsequenzen des Stromausfalls und die Kritik am Premier Sánchez wächst: Die Oppositionspartei Partido Popular sprach von einer „überforderten Regierung“ und forderte eine lückenlose Aufklärung sowie konkrete Schutzmaßnahmen. Sánchez erklärte, rund zehn Millionen Euro für die Sicherung der Netze ausgeben zu wollen. Gleichzeitig betonte er gegenüber der Zeitung El País, dass die Sicherheitsprotokolle, die zur Absicherung der kritischen Infrastruktur dienen, dennoch recht gut funktioniert hätten: So hätten landesweit fast ohne Ausnahme alle Krankenhäuser dank Notfallgeneratoren ihren Betrieb fortsetzen können, zudem seien auch Dienstleistungen wie Bankgeschäfte nicht beeinträchtigt worden.

Er selbst, so teilte es seine Partei mit, habe sich während der Krise „weder isoliert noch etwas gegessen“, sondern nach Lösungen gesucht. Mittlerweile ist die Stromversorgung in Spanien und Portugal zu 99 Prozent wieder hergestellt, wie die Behörden versichern. Doch die Rückkehr zur Normalität bleibt trügerisch. Die genauen Ursachen des massiven Ausfalls sind weiter ungeklärt – und mit ihnen auch die Frage, wie widerstandsfähig Europas Stromnetz in seinen Einzelnteilen tatsächlich ist.

Rubriklistenbild: © Jens Büttner/Deutsche Presse-Agentur GmbH/dpa

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