Blackout wie in Spanien

„Nicht manipulierbar“ oder „kaskadierende Gefahr“? So sicher ist das deutsche Stromnetz

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Ein Blackout hat in Spanien für Chaos gesorgt. Die Behörden halten ein solches Szenario in Deutschland für unwahrscheinlich – doch wie sicher ist das Stromnetz der Bundesrepublik wirklich?

Berlin – Kurzzeitig war die Situation durchaus kritisch – so berichten es zumindest die Übertragungsnetzbetreiber wie Amprion. Als am Montagmittag in Spanien innerhalb von fünf Sekunden 15 Gigawatt aus dem Stromnetz verschwanden, kollabierte fast das gesamte System und es kam auf dem spanischen Festland und in Portugal zu einem Blackout. Auch in Teilen Südfrankreichs gingen kurzzeitig buchstäblich die Lichter aus, während die Behörden in Deutschland ihre Alarmbereitschaft erhöhen und Krisenprotokolle aktivieren.

Behörden halten Blackout-Szenario für unwahrscheinlich – doch wie sicher ist das deutsche Stromnetz?

Nach der anfänglichen Hektik wird den Experten recht schnell klar, dass die Situation auf der Iberischen Halbinsel zwar kritisch ist, auf Bundesgebiet und in den sonstigen Teilen der EU keine Gefahr droht – zumindest vorerst. Denn die Vorgänge der vergangenen 24 Stunden haben einmal mehr gezeigt, wie schnell ein Land wie Spanien – immerhin die viertgrößte Volkswirtschaft der EU – ins Chaos stürzen kann. Doch wie wahrscheinlich ist ein solches Szenario in Deutschland – und wie gut ist das Land vorbereitet?

Laut dem Präsidenten der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, ist ein solch großflächiger und langanhaltender Stromausfall hierzulande „äußerst unwahrscheinlich“. Das deutsche Stromnetz gilt als eines der sichersten und stabilsten weltweit, mit mehrfach redundanten Sicherungssystemen, erklärte er in der ARD.

Warum das deutsche Stromnetz im Ernstfall schnell reagieren und sich selbst stabilisieren kann

Selbst im Falle einer größeren Störung könnten die Netzbetreiber einen völligen Zusammenbruch recht wirksam verhindern. Das bestätigte auch eine Risikoanalyse der Bundesregierung im Januar. Die deutschen Behörden führen für die Resilienz mehrere technische und organisatorische Gründe an:

  • Dezentrale Netzstruktur: Auf dem Bundesgebiet gibt es über 800 Verteilnetzbetreiber, wodurch das Netz verteilt organisiert ist. Ein Ausfall würde demnach nur vereinzelte Regionen betreffen. Während des Schneesturms 2005 in Münster fiel in der Region der Strom aus – andere Regionen blieben allerdings verschont. Auch Dirk Witthaut, Energienetzforscher am Forschungszentrum Jülich, sagte dem RND, dass er daher das Risiko eines bundesweiten Blackouts als gering einschätzt.
  • Redundante Sicherheitsmechanismen: Der Schutz der Infrastruktur ist sehr hoch. Treten Störungen auf, greifen automatische Schutzmechanismen, die den betroffenen Bereich sofort vom System isolieren, um eine Kettenreaktion zu vermeiden.
Wie sicher ist das deutsche Stromnetz? Die Bundesnetzagentur hält es für eines der sichersten in Europa.

Dezentrale Struktur, viele Schutzmechanismen – Deutschlands Vorteile im europäischen Vergleich

  • Engmaschiges Übertragungsnetz: Das dichte Netz aus Hoch- und Höchstspannungsleitungen sowie zahlreichen Umspannwerken verteilt die Lasten flexibel – somit kann Deutschland auch Störungen aus Nachbarländern gut abfedern. Zudem, so betonte es auch Müller, verfüge Deutschland über „sogenannte schwarzstartfähige Kraftwerke, die ein solches Netz wieder aufbauen könnten“. Weiterhin könnte Deutschland nicht-kritische Verbraucher kurzzeitig vom Netz nehmen, um Stabilität zu gewährleisten.
  • Hochentwickelte Netzregeltechnik: Als in Spanien die 15 Gigawatt verschwanden, schrillten auch bei den deutschen Netzbetreibern die Alarmglocken. Der Stromfluss wird kontinuierlich überwacht, sodass die Behörden kleinste Frequenzabweichungen und Lastverschiebungen identifizieren können – und in Echtzeit gegensteuern können. So können Produzenten in Europa die Stromfrequenz stabil bei den vorgeschriebenen 50 Hertz halten – schon geringe Abweichungen von etwa 0,2 Hertz können das gesamte Netz gefährden.
  • Europäische Verbundnetz-Anbindung: Deutschland ist über das EU-weite ENTSO-E-Netz mit den Nachbarländern synchron verbunden, wodurch die Bundesrepublik in kritischen Situationen etwa auf Dänemark, Frankreich oder die Benelux-Staaten zählen kann. Spaniens Netz ist dagegen weniger mit seinen Nachbarländern verbunden, wodurch es bei Störungen anfälliger für Zusammenbrüche ist.

Cyberangriffe auf das Stromnetz? Komplex, aber nicht unmöglich, sagen Sicherheitsexperten

Trotz aller Absicherungen gibt es auch warnende Stimmen. So äußert Hans-Walter Borries, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands für den Schutz Kritischer Infrastrukturen e. V. (BSKI), Zweifel: „Die Großflächigkeit des Ausfalls stimmt uns sorgenvoll, da es nicht nur ein Ausfall eines kleinen Umspannwerkes und eines Niederspannungsnetzes ist.“ In einem solchen Fall sieht auch das BSKI eine „kaskadierende Blackout-Gefahr“, die das Verbundnetz der EU sowie weitere angrenzende Staaten erfassen könnte.

Während in Spanien am Dienstagnachmittag Eduardo Prieto, Direktor der spanischen Netzleitstelle Red Eléctrica, offiziell Entwarnung gab und das Szenario einer Cyberattacke ausschloss, ist diese Gefahr aufgrund der geopolitischen Lage dennoch allgegenwärtig – so auch in Deutschland.

Mensch als Schwachstelle: Warum IT-Wissen allein für Angreifer nicht reicht – und ein Hack komplexer ist

Sven Herpig, Leiter für Cybersicherheitspolitik und Resilienz bei der Berliner Denkfabrik Interface, sagte gegenüber T-Online, dass ein solcher Angriff auf das Stromnetz eines Landes zwar möglich, aber äußerst komplex und aufwendig wäre. Dazu müssten externe Akteure tiefes Wissen über die industrielle Steuerung des Stromnetzes aufweisen. Dabei macht besonders die Diversifizierung des deutschen Stromnetzes einen Hack kompliziert – die 800 dezentralen Verteilnetzbetreiber wirken dabei wie ein Schutzschild. Zudem laufen viele sicherheitsrelevante Steuerungseinheiten wie etwa Umspannwerke ohne Internetverbindung oder auf eigens gehärteten Netzwerken mit zusätzlichen Zugangskontrollen.

Ein externer Angreifer bräuchte also erhebliches Insiderwissen – und selbst wenn: Die Steuerungssysteme sind so aufgebaut, dass sie sich nicht ohne Weiteres manipulieren lassen. Bei Störungen greifen Sicherheitsprotokolle, die gezielte Abschaltungen garantieren. Eine grundsätzliche Gefahr besteht also – ist aber durch Technik und Struktur deutlich gemindert.

Bisher hat es in Deutschland seit dem 2. Weltkrieg keine flächendeckenden Stromausfälle gegeben – egal ob durch Unwetter, Netzüberlastungen oder Cyberangriffe. Und dennoch, so betont es auch die Bundesregierung, seien derartige Szenarien nicht unmöglich.

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