VonAndreas Hößschließen
Der Triebwerkhersteller MTU aus München ist wohl der erste deutsche Industriekonzern, der selbst nach Geothermie bohrt, um die Erdwärme in der Produktion einzusetzen. Das Projekt dürfte ein voller Erfolg werden.
München – Das Loch ist gut 2200 Meter tief, fördert mehr als 100 Liter heißes Wasser pro Sekunde zutage und ist für die MTU ein echter Meilenstein: Das Industrieunternehmen aus der Nähe von Karlsfeld bei München hat bei seinem Geothermie-Projekt die erste von zwei Bohrungen erfolgreich abgeschlossen. Das bedeutet: Der Dax-Konzern kann seine Werkshallen, in denen er Flugzeugtriebwerke fertigt, bald mit Erwärme versorgen. So spart er 56 Gigawattstunden Erdgas pro Jahr –etwa so viel, wie 1000 Einfamilienhäuser verbrauchen. Das ist nicht nur gut für die Umwelt, sondern schont auch den Geldbeutel und macht von Lieferproblemen und Preisschwankungen bei Gas unabhängiger.
Gut vier Jahre an Zeit und viel Energie und Hirnschmalz stecken in dem Vorhaben. Das Unternehmen musste sich eigene Bohrrechte sichern und einen 43 Meter hohen Bohrturm auf dem Gelände aufstellen. Seit Januar treibt das Ungetüm seinen Bohrkopf in den Boden, schnell und unerbittlich. „In drei Monaten haben wir etwa 2000 Meter tief und 2650 Meter weit gebohrt“, erklärt Projektleiter Stefan Lange und zeigt nach Süden. „Das Bohrloch geht direkt unter der A99 durch und dann ungefähr unter dem Rangierbahnhof weiter. Und weil wir dafür eine eigene Bergbaukonzession beantragen mussten, sind wir jetzt sogar offiziell auch ein Bergbauunternehmen.“
München bietet beste Bedingungen für Geothermie
Mit dem erfolgreichen Abschluss der ersten Bohrung von zwei ist der wichtigste Teil des Projektes beendet. Nun ist klar: Es gibt vor Ort in der Erde genug warmes Wasser, das man nach oben pumpen und in Heizwärme umzuwandeln kann. Nun fehlt nur noch das Gebäude mit dem Wärmetauscher sowie das zweite Loch, durch welches das nach oben gepumpte warme Wasser zurück in den Boden geleitet wird. Auch diese Bohrung wird über 2000 Meter tief, zieht sich aber nach Norden unter der Gemeinde Karlsfeld durch. Die Enden der beiden Löcher werden rund 1750 Meter voneinander entfernt sein. Ist das Wasser zurück im Boden, fließt es mit einem Tempo von rund einem Meter pro Jahr von einem Loch zurück zum anderen und erwärmt sich dabei wieder. „Das ist ein fast perfekter Energiekreislauf, den wir ausnutzen wollen“, sagt Lange.
Dass die MTU die Erdwärme nicht nur den Thermalbädern sowie den Kommunen und Energieversorgern für die Fernwärme überlassen will, liegt daran, dass es in Oberbayern beste Bedingungen für Geothermie gibt. „Von der Donau zieht sich bis zu den Alpen ein sogenanntes Molassebecken, das rund 500 Meter dick ist“, erklärt Lange. Bei München liege es etwa in 2000 bis 3000 Meter Tiefe. Wer sich bis zu ihm durchbohrt, kommt durch Millionen Jahre alte Schichten: Schotter, Sedimente uralter Meere, Mangrovenwälder aus der Dinosaurierzeit, Asche längst versiegter Vulkane vom Bodensee und schließlich eine poröse Kalksteinschicht, die sich wie ein Schwamm mit Wasser vollsaugt und vom Erdkern gewärmt wird, das Molassebecken. Alle Bohrungen übergibt die MTU an Geologen, die sie auswerten.
MTU will günstige Erdwärme nutzen
Doch es ist natürlich nicht das wissenschaftliche Interesse, das den Konzern antreibt. Schon seit Jahren muss das in der ersten Börsenliga gelistete Unternehmen seinen Investoren nachweisen, dass es nachhaltiger wird. „Geothermie war zunächst ein Mittel zur Dekarbonisierung unserer Produktion, schließlich wollen wir bis 2045 klimaneutral werden“, sagt Lange. Spätestens mit dem Krieg in der Ukraine und dem Anstieg der Energiepreise sei die Sache zum echten Geschäftsfall geworden, denn die eigene Erdwärme mache unabhängiger von den schwankenden Gaspreisen. Ein mittleren zweistelligen Millionenbetrag investiert die MTU in die Anlage, die 50 bis 100 Jahre laufen könne – genauere Zahlen will man nicht verraten. „Wir rechnen aber damit, dass sich die Sache schon nach sieben Jahren amortisiert hat.“ Danach will der Konzern von günstiger Wärme profitieren.
Wir rechnen damit, dass sich die Anlage nach sieben Jahren amortisiert.
Die MTU sieht sich damit als Vorreiter, und das nicht nur im Münchner Raum. Denn trotz bester Bedingungen zapfen bisher die wenigsten Firmen selbst die Erde an. Der Nachbar MAN will bald zusammen mit der Gemeinde Karlsfeld bohren. BMW in Milbertshofen hat sich laut Amtskarten ebenfalls eine Erlaubnis gesichert. Man munkelt, dass es ein gemeinsames Projekt mit einem Versorger geben könnte. Auch der energiehungrige Chemiepark in Gendorf prüft ein Geothermieprojekt und hat eine behördliche Erlaubnis. Das war es aber. Einen Trend zur industriellen Eigennutzung gebe es noch nicht, bestätigt ein Sprecher der Regierung von Oberbayern, bei der das zuständige Bergamt Süd angesiedelt ist. „Derzeit wird die mittels Bohrungen gewonnene Erdwärme aus Geothermieanlagen hauptsächlich für die kommunale Wärmeversorgung und teilweise für eine zusätzliche Stromgewinnung genutzt.“
Bisher kaum Nachahmer
Warum das so ist? „Vielleicht denken wir in der Flugzeugbranche immer etwas langfristiger“, vermutet Lange. Flugzeugmodelle seien schließlich auch für mehrere Jahrzehnte in der Luft geplant. Vielleicht fehle bei anderen aber auch einfach der Mut. Doch im Grunde ist das den Münchnern egal. „Wir verschieben unseren Bohrturm jetzt um sieben Meter für die zweite Bohrung“, berichtet Lange. „Und wenn die fertig ist und der Wärmetauscher steht, heizen wir hoffentlich schon ab 2025 hauptsächlich mit eigener Erdwärme.“

