Streit um die Arbeitszeit

An Weihnachten zur Arbeit? IW-Chef schlägt Streichung von Feiertagen vor

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Statt einer Vier-Tage-Woche fordert IW-Chef Michael Hüther mehr Arbeitsstunden von den Deutschen. Dabei sei die Abschaffung von Feiertagen denkbar.

Hamburg – Im Streit um eine mögliche Vier-Tage-Woche warnt der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Michael Hüther vor einer kürzeren Arbeitszeit in Deutschland. „Wir müssen nicht darüber reden, weniger zu arbeiten, sondern mehr“, sagte der Ökonom in einem Streitgespräch mit der Journalistin und Autorin Teresa Bücker im Spiegel. Dabei brachte er auch die Streichung von Feiertagen ins Spiel, um die Arbeitszeit zu erhöhen.

„Hierzulande fehlen durch die Alterung der Gesellschaft bis zum Ende des Jahrzehnts rund 4,2 Milliarden Arbeitsstunden“, erklärte Hüther. Dabei rechne er bereits die Zuwanderung von 200.000 Arbeitskräften jährlich ein. Er sorge sich demnach vor einem weiteren Rückgang der Arbeitszeit. „Das wäre fatal, die Herausforderungen sind groß“, sagte der IW-Direktor. Dabei verwies er auf die Klimaziele, das unsichere wirtschaftliche Umfeld sowie die Verteidigungsfähigkeit Europas.

IW-Chef fordert Erhöhung der Arbeitsstunden in Deutschland: „Möglich, wenn man es will“

Michael Hüther fordert dagegen mehr Arbeit – und nennt die Schweiz als Beispiel. Auf alle Erwerbstätigen bezogen würden dort pro Jahr 100 Stunden mehr gearbeitet. Bei 52 Stunden im Jahr entspreche das zwei Stunden in der Woche. Als Volkswirt interessiere ihn aber nur die Gesamtzahl, erklärte Hüther im Spiegel-Gespräch.

IW-Chef Hüther hält auch die Streichung von Feiertagen zugunsten einer höheren Arbeitszeit für möglich, „wenn man es will“. (Archivfoto)

Eine Möglichkeit sei demnach die Abschaffung von einzelnen Feiertagen. „Von mir aus kann man auch den Urlaub anders regeln oder ein paar Feiertage streichen“, sagte Hüther, der auf ein historisches Beispiel verwies. Deutschland habe ab 1995 den Buß- und Bettag als gesetzlichen Feiertag zugunsten der Pflegeversicherung abgeschafft. „Ein höheres Arbeitsvolumen ist möglich, wenn man es will“, erklärte der IW-Chef.

Vier-Tage-Woche schafft laut Ökonom mehr neue Probleme

Bei der Vier-Tage-Woche warnte Hüther davor, dass „wir uns mehr neue Probleme“ schaffen, „als wir alte lösen, vor allem Verteilungskonflikte“. Die Leute würden dabei meistens denken, dass sie selbst nur noch vier Tage arbeiten, aber drumherum könne alles so bleiben, wie es ist, sagte Hüther. „Das funktioniert natürlich nicht.“

Teresa Bücker verwies im Streitgespräch jedoch auf eine mögliche Rückkehr von Fachkräften in ihren alten Beruf. „Wir wissen durch Umfragen im Bereich der Pflege und Kitas, dass eine Viertagewoche Beschäftigte, die ausgestiegen sind und jetzt fachfremd arbeiten, dazu motivieren würde, wieder zurückzukommen.“

Journalistin hält dagegen: „Viel Raum, um die Arbeitszeit intelligent umzuverteilen“

Hüthers Befürchtung, „dass die Wirtschaft zusammenbrechen würde mit ein paar Wochenstunden weniger“, sei dagegen falsch. „Schon jetzt arbeiten nicht alle Erwerbstätigen in Vollzeit.“ Wenn die derzeit geleisteten Wochenstunden auf alle Beschäftigten aufgeteilt würden, wären das 30 Stunden pro Woche. „Da ist viel Raum, um die Arbeitszeit intelligent umzuverteilen.“

Die Autorin verwies dabei vor allem auf die bestehende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen und forderte eine „Angleichung der Arbeitszeiten“, um bei der Gleichberechtigung voranzukommen. Für Mütter sei kein Spielraum da, ihre Zeit im Job zu erhöhen. Dabei verwies sie auf eine Zeitverwendungsstudie des Statistischen Bundesamtes, wonach die durchschnittliche Wochenarbeitszeit von Müttern über den Vätern liege.

Weniger Arbeit und Vier-Tage-Woche schon lange Streitpunkt

Die Debatte rund um eine Verkürzung der Arbeitszeit und konkret um eine Vier-Tage-Woche ist unter anderem durch die Gewerkschaft IG Metall angestoßen worden. Für Beschäftigte in der Stahlindustrie fordert diese eine Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich. Auch der Tarifstreit zwischen der Lokführergewerkschaft GDL und der Deutschen Bahn hat die Diskussion erneut angeheizt. Die Lokführer konnten dabei eine 35-Stunden-Woche ab 2029 durchsetzen.

Einige prominente Politiker und Unternehmen kritisieren die Forderung. Sie sehen eine Reduzierung der Arbeitszeit als Gefahr für die Wirtschaft an. Eine Diskussion darüber „können wir uns volkswirtschaftlich ganz klar nicht leisten“, sagte etwa Siemens-Personalchefin Judith Wiese. Andere Unternehmen experimentieren dagegen mit der Vier-Tage-Woche.

Rubriklistenbild: © David Young/dpa

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