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Die KI als Werbegesicht: So wollen Unternehmen mit digitalen Influencern Kunden anlocken

Immer mehr Unternehmen werben mit digitalen Influencerinnen und Influencern, hinter denen Künstliche Intelligenz steht. Bislang mit wenig Erfolg.

Berlin – Freudestrahlend blickt die junge Frau für ihren Instagram-Post in die Kamera. Das rote Haar sitzt perfekt, das Lächeln der weißen Zähne ist groß, von Hautunreinheiten im Gesicht keine Spur. Äußerlich gibt es an Lucy Homefield, dem neuen Online-Werbegesicht von XXXLutz, nichts auszusetzen – und das hat seinen Grund: Die „Interior-Expertin“ ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eine KI-Influencerin. Sie besitzt weder eigene Gedanken noch Emotionen. Jedes Wort, jeder Wimpernschlag ist bis ins kleinste Detail künstlich konstruiert.

Die Wirtschaft hinter KI-Influencern – Millionen Follower für künstliche Werbefiguren

Das mag befremdlich wirken, hat aber durchaus Vorteile. So sieht es zumindest Kevin Bauer, Professor für spieltheoretische und kausale KI in Business und Economics an der Goethe-Universität Frankfurt. Vor allem aus wirtschaftlicher Sicht seien KI-Influencer:innen äußerst attraktiv: „Im Vergleich zu menschlichen Influencer:innen entfallen hohe Honorare, Produktionskosten sowie Risiken für das Markenimage oder potenzielle Skandale.“ Für Unternehmen bedeute das eine günstige und skalierbare Content-Produktion. Entsprechende Social-Media-Inhalte würden sich also je nach Bedarf in deutlich größerer Menge produzieren lassen, und zwar ohne höhere Kosten.

Lucy Homefield ist „Interior-Expertin“ beim Möbelhändler XXXLutz, aber kein Mensch.

International ist das Potenzial von KI-generierten Avataren längst erkannt. Bereits 2009 „erblickte“ in Brasilien die erste KI-Influencerin das Licht der Welt. Ihr Name: Lu do Magalu. 16 Jahre und zahlreiche Werbedeals später ist sie die Galionsfigur einer stetig wachsenden KI-Content-Branche. Zu ihren Kooperationspartnern zählen zahlreiche weltbekannte Marken wie Samsung, Microsoft oder Chevrolet. Im Jahr 2022 zierte sie das Cover der brasilianischen Ausgabe der Modezeitschrift „Vogue“. Auf Instagram folgen der virtuellen Influencerin mittlerweile 7,7 Millionen Menschen. Sie inspirierte weltweit Unternehmen zur Entwicklung eigener KI-Influencer:innen. „Geboren“ waren Lil Miquela in den USA, Imma in Japan oder Aitana Lopez in Spanien. Sie alle besitzen Instagram-Accounts mit Hunderttausenden, teils Millionen Follower:innen.

KI-Influencer in Deutschland – User straften neues Projekt ab

Und in Deutschland? Auch hier gibt es KI-Influencer:innen. Bisher sind deren Erfolge überschaubar. Im Jahr 2022 ging der erste Post von Yuna, dem KI-Avatar einer Agentur des ProSiebenSat.1-Konzerns, auf Instagram online. Mit ihren seichten Lifestyle-Inhalten sammelte sie knapp 2300 Abonnent:innen – und verschwand dann im Januar 2024 wieder von der Bildfläche. Das Projekt scheint eingestellt, wohl auch aufgrund des ausbleibenden Erfolgs. Während einige Nutzer:innen der Technik durchaus Interesse bekundeten, fiel der Grundtenor innerhalb der deutschen Instagram-Community eher negativ aus. Viele empfanden Yuna als „unheimlich“.

Der KI-Figur wurde die sogenannte Uncanny-Valley-Problematik zum Verhängnis: Ihr Design ist zwar hochgradig menschlich, aber etwas zu perfekt. Ihre Haut erscheint zu glatt, ihr Blick zu starr. Es sind exakt solche Merkmale, die laut Nils Urbach, Professor für Wirtschaftsinformatik & Digital Business an der Frankfurt University of Applied Sciences, bei den Menschen Unbehagen auslösen. Sein Fazit: KI-Influencer:innen dürfen nicht zu menschlich wirken. Ein ausgewogenes Design, das digitale Elemente mit menschlichen Zügen kombiniert, sei demnach erfolgsversprechender.

„Wir wollen keinen KI-Ersatz“ – deutsche Nutzer sind kritisch gegenüber KI-Influencern

Doch die Herausforderungen für KI-Influencer:innen in Deutschland reichen über Designfragen hinaus. Im Jahr 2024 stellte die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) mit Emma ihre eigene virtuelle Influencerin vor – und erntete gemischte Reaktionen. Während die Resonanz in den ausländischen Zielmärkten der DZT zufolge „sehr gut“ gewesen sein soll, hagelte es hierzulande Kritik. Wiederholt forderten die deutschen Nutzer:innen eine „echte“ Influencerin und machten deutlich: „Wir wollen keinen KI-Ersatz.“

„Im Vergleich zu menschlichen Influencer:innen entfallen hohe Honorare, Produktionskosten und potenzielle Skandale.“

Kevin Bauer, Professor an der Goethe-Universität Frankfurt

Dass es in Deutschland immer noch an Akzeptanz gegenüber den virtuellen Avataren mangelt, erklärt Bauer mit der sogenannten „Algorithm Aversion“. Demnach gebe es vor allem in Deutschland eine tief verwurzelte Skepsis gegenüber algorithmischen Entscheidungen. Menschen würden hierzulande oft dazu neigen, „Maschinenurteile als unflexibel, fehleranfällig oder unmenschlich zu empfinden, selbst wenn diese objektiv bessere Ergebnisse liefern.“

Technik für KI-Influencer ist noch nicht ausgereift – ist „German Angst“ an Kritik schuld?

Um die Akzeptanz der Nutzer:innen zu erhöhen, müsse an der Technik selbst gearbeitet werden, sagt Urbach. Ein Bemühen um stärkere Authentizität und Transparenz sei dabei besonders wichtig. Um Vertrauen zu schaffen, müsse die künstliche Herkunft der KI-Avatare klar kommuniziert werden. Ein weiterer Punkt sei die Anpassung an kulturelle Eigenheiten. In diesem Sinne sollten die Entwickler:innen laut Urbach die Erwartungen und Werte der deutschen Zielgruppe stärker berücksichtigen. Also etwa Nachhaltigkeit, soziale Verantwortung und Datenschutz.

Letzteres erklärt laut Bauer dabei auch den Ursprung der deutschen Grundskepsis. Demnach könne die Ablehnung von KI-Influencer:innen mit der „German Angst“ zusammenhängen. Dabei handelt es sich um eine hierzulande äußerst ausgeprägte Vorsicht, insbesondere bei Sicherheitsfragen. Bevor eine neue Technik gesellschaftlich akzeptiert wird, sei in Deutschland oft eine umfassende Regulierung erforderlich, sagt Bauer.

Wo die Gefahren einer nicht ausreichend regulierten Technik liegen, zeigte der vergangene Bundestagswahlkampf. So sammelten sich zu Jahresbeginn zahlreiche rechte KI-Accounts auf X, der Social-Media-Plattform von Tech-Milliardär und AfD-Sympathisant Elon Musk. Oftmals ohne zu kennzeichnen, dass es sich bei den vermeintlichen Influencer:innen nicht um echte Menschen handelte, verbreiteten diese zahlreiche AfD-positive Aussagen – und das ohne große Mühen. So wurden laut Amelie Duckwitz, Professorin für Medien- und Webwissenschaft an der Technischen Hochschule Köln, viele der Accounts mit frei zugänglicher Software erstellt. „Mit etwas Motivation, Zeit und technischem Know-how kann fast jeder solche Inhalte generieren“, fügt sie an.

„Angenehmeres“ Kundenerlebnis durch KI – Lucy Homefield gibt nicht auf

Dass Spekulationen zufolge insbesondere Anhänger:innen der AfD die fehlende Kennzeichnungspflicht ausnutzen, ist dabei wenig überraschend. Demnach eigne sich generative KI laut Duckwitz sehr gut zur Imitation „bestimmter Bildstile, Stereotype und Sprachstile“. Die dadurch kreierten Bilderwelten würden dann zur Gefahr werden, wenn sie Qualitätsjournalismus zunehmend verdrängen, dessen Rolle der Meinungsbildung übernehmen und die Wahlentscheidung beeinflussen.

Ganz so drastisch sind die Ziele von XXXLutz nicht. Mit Lucy Homefield wolle man „das Kundenerlebnis noch angenehmer gestalten“, heißt vonseiten des Unternehmens. Ein engerer Kontakt zur Kundschaft – das bedeutet auch einen besseren Einfluss auf deren Kaufentscheidung. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen jedoch noch einige Schritte gegangen werden. Manche der Einschätzungen von Expert:innen setzt das Unternehmen dabei jetzt schon um. In ihren Posts verweist Lucy etwa auf ihre künstliche Herkunft, verlinkt in der Profilbeschreibung sogar die eigene KI-Philosophie. An anderen Stellen tappt man hingegen in altbekannte Fallen. Lucys Erscheinung ist nahezu perfekt – und bleibt damit unheimlich. Ihre Werte sind allgemein formuliert. Einen Fokus auf deutsche Themen gibt es nicht.

Wie erfolgreich das Projekt sein wird, bleibt abzuwarten. Bisher ist Lucy Homefield mit ihren knapp 570 Follower:innen auf Instagram im internationalen Vergleich kaum mehr als eine Randfigur. Dennoch stellt das Möbelhaus klar, man wolle fortan vermehrt auf den Einsatz Künstlicher Intelligenz setzen. Genau das sei entscheidend, sagt Urbach. Denn: „Wer zu lange zögert, könnte Marktanteile an internationale Wettbewerber verlieren.“

Geschrieben von Ben Haga

Rubriklistenbild: © XXXLutz

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