Dramatische Lage bei KI & Co.

Aufrüstung in Europa? Laut Experten mangelt es an bis zu 760.000 Fachkräften

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Ob Europa will oder nicht: Es muss seine Verteidigung selbständiger organisieren. Was auf die Länder zukommt, offenbart eine Studie.

München – Deutschland diskutiert darüber, wie die so dringend benötigten zusätzlichen Investitionen in die Verteidigung sichergestellt werden sollen. Eine Reform der Schuldenbremse? Ein weiteres Sondervermögen, das das bisherige ab dem Jahr 2027 ersetzt oder schon vorher parallel vom Verteidigungsminister angezapft werden kann? Oder muss am Ende eine Haushaltsnotlage herhalten?

Egal, zu welchem Schluss die Politik am Ende kommt, ist längst klar, welch immense Herausforderungen in diesem Bereich auf alle Beteiligten zurollen. Die Dringlichkeit frischer Milliarden für die Bundeswehr und ihre Pendants in anderen europäischen Staaten verdeutlichte nun die Unternehmensberatung Kearney mit einer Studie, über die der Spiegel berichtet. Die Experten rechneten demnach aus, dass die europäische Rüstungsindustrie womöglich mehr als eine Dreiviertelmillion neuer Stellen zu besetzen hätte.

Europa und die Aufrüstung: Bis zu 760.000 Stellen müssen laut Experten neu besetzt werden

Dabei spielte der in Chicago gegründete Konzern, der auch Niederlassungen in Deutschland besitzt, mehrere Szenarien durch. Sollen die Ausgaben lediglich soweit gesteigert werden, dass das aktuelle Nato-Ziel von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreicht wird, würden bereits etwa 163.000 Fachkräfte fehlen.

Ein Anstieg auf 2,5 Prozent des BIP würde die Zahl auf rund 460.000 hochschnellen lassen. Lautet das Ziel sogar drei Prozent des BIP, kommt Kearney auf bis zu 760.000 Stellen, die erst mit Leben gefüllt werden müssten. Wie groß die Zahl in etwa wäre, sollten die von US-Präsident Donald Trump geforderten fünf Prozent des BIP umgesetzt werden, lässt sich da bereits erahnen.

Sind wohl gefragter denn je: Aufgrund der bedrohlichen Weltlage ist nicht nur Europa bestrebt, sich mit Waffen zur Verteidigung zu versorgen.

Bei der Besetzung der Positionen könnten sich aber wohl nicht nur fehlendes Kleingeld oder der in vielen Ländern zu beobachtende Fachkräftemangel als Stolpersteine erweisen. Denn wie die Berater von Kearney aufdeckten, wird die Rüstungsindustrie deutlich kritischer wahrgenommen als sie sich selbst sieht.

Europas Verteidigung: Rüstungsunternehmen zählen nicht zu den beliebtesten Arbeitnehmern

Befragungen von 100 Führungskräften aus Rüstungsfirmen hätten ergeben, dass 60 Prozent ihre Branche als attraktiv bewerten. Das spiegele sich in Rankings und Umfragen unter Uni-Absolventen jedoch nicht wider. So fänden sich in Arbeitgeberrankings für IT- und Ingenieurstudenten kaum europäische Rüstungsunternehmen unter den Top Ten.

Immerhin bessere sich das Image im Zuge des Ukraine-Kriegs ein wenig. Kearney-Partner Guido Hertel aus dem Münchner Büro rät den Konzernen vor allem dazu, sich um weiblichen Nachwuchs und IT-Experten zu bemühen, um die absehbaren Personalprobleme zu lösen.

Die besten Arbeitgeber in Deutschland: Zu diesen Unternehmen wollen Fachkräfte 2025 gehen

Siemens AG - Hauptversammlung
Siemens hat es an die Spitze geschafft: In Deutschland würden viele Ingenieure am liebsten zu diesem Arbeitgeber gehen. Dort erhoffen sie sich neben guter Bezahlung und flexiblen Arbeitszeiten eine Firma, die für Innovation steht.  © Sven Hoppe/dpa
Die Vorstände des Technologie-Konzerns Bosch Christian Fischer (l-r), Markus Forschner, Stefan Grosch, Stefan Hartung (Vorsitzender), Tanja Rückert, Markus Heyn und Frank Meyer stehen bei der Bilanz-Pressekonferenz des Konzerns an einem Bosch Logo.
Bosch ist auf Platz 2 der führenden Arbeitgeber für junge Fachkräfte im Ingenieurswesen in Deutschland. Damit ist erstmals kein Automobilunternehmen ganz oben mit dabei - dafür aber ihre Zulieferer.  © Bernd Weißbrod/dpa
Porsche 911 Turbo 50 Jahre
Im Ranking der Beratungsfirma Universum hat es Porsche auf den dritten Platz geschafft. Beim letzten Ranking stand der Autokonzern noch an der Spitze, büßt bei Ingenieuren also zwei Plätze ein.  © Porsche AG
BMW-Stammwerk in München
Auch die BMW Group gehört zu den beliebtesten Arbeitgebern der deutschen Ingenieure. Wie viele Autokonzerne kämpft auch BMW mit harten Zeiten - doch beim Thema E-Mobilität hat dieses Unternehmen die Nase vorn.  © Sven Hoppe/dpa
Winfried Kretschmann (Bündnis 90/Die Grünen, l-r), Ministerpräsident von Baden-Württemberg, Markus Schäfer, Vorstandsmitglied der Mercedes-Benz Group, Ola Källenius, Vorstandsvorsitzender der Mercedes-Benz Group, und Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesminister für Wirtschaft und Klimaschutz, stehen während der Eröffnungsfeier des Mercedes-Benz-Campus ´zusammen
Bei Mercedes-Benz erhoffen sich Ingenieure ebenfalls eine gute Zukunft mit guter Bezahlung und fairen Arbeitsbedingungen. Noch dazu scheint das Unternehmen sich als besonders innovativ herausstellen zu können.  © Sebastian Gollnow/dpa
Ein Airbus von Qatar Airways landet auf dem Hamburger Flughafen
Einen Platz nach oben gerutscht ist im Universum-Ranking für Ingenieure auch Airbus. Der Flugzeughersteller konnte sich in den vergangenen Monaten gegenüber dem Konkurrenten Boeing positiv positionieren - letzterer ist geplagt von Skandalen und Negativschlagzeilen.  © Georg Wendt/dpa
Gernot Döllner, Vorstandsvorsitzender der Audi AG, bei der Vorstellung der Jahreszahlen 2023.
Auch Audi bleibt bei Ingenieuren als Arbeitgeber beliebt - muss aber zwei Plätze im Vergleich zum Vorjahr einbüßen. Die Ingolstädter leiden ebenfalls unter der Autokrise - gerade wird über die Schließung eines Werks in Brüssel intensiv diskutiert.  © Sven Hoppe/dpa
Google eröffnet Cloud-Rechenzentrum in Hanau
Google ist für Ingenieure ein beliebter Arbeitgeber in Deutschland, der Tech-Riese steigt sogar auf im Ranking. Bei der letzten Untersuchung konnte Google nur den 10. Platz für Ingenieure belegen. Dafür ist der Gigant aus den USA im Fachkräfte-Ranking bei der IT an der Spitze der beliebtesten Arbeitgeber.  © Arne Dedert/dpa
Deutsche Bahn fährt in Dresden
Kaum zu glauben, aber wahr: Die Deutsche Bahn gehört zu den beliebtesten Arbeitgebern für Ingenieure in Deutschland. Trotz seines schlechten Rufs als Verkehrsmittel scheint die Firma insbesondere Fachkräfte gut zu erreichen. Bei den Lokführern und Kontrolleuren hingegen hörte man zuletzt eigentlich nur Frust.  © Robert Michael/dpa
Björn Bernhard, Geschäftsführer der Rheinmetall Landsysteme GmbH, spricht bei der Übergabe vom Radpanzer für die Bundeswehr vom Typ Boxer als Schwerer Waffenträger Infanterie. Der Rüstungskonzern Rheinmetall ist mit der Lieferung der 123 Boxer-Fahrzeuge beauftragt worden.
Auf Platz 10 hat es zum ersten Mal ein Rüstungsunternehmen geschafft: Rheinmetall steigt im Ranking der Ingenieure um drei Plätze auf. Damit profitiert das Unternehmen von einer neuen Stellung und Wahrnehmung im Land.  © Philipp Schulze/dpa

Er hält die Lage in technologischen Schlüsselbereichen wie der Künstlichen Intelligenz (KI) für besonders dramatisch. So stellt Hertel fest, dass Experten fehlen, die den technologischen Wandel zu autonomen Waffensystemen, stärkerer Vernetzung auf dem Gefechtsfeld und elektronischer Kriegsführung begleiten könnten.

Zweifel haben die Experten am Vorhaben der EU-Kommission, sich bei der Beschaffung von Waffen unabhängig von den USA und vor allem von deren Präsident zu machen. „Rüstungspolitische Unabhängigkeit in Europa wäre nur möglich, wenn sich der lokale Anteil der Rüstungsausgaben drastisch steigern würde, was wiederum die Personalknappheit weiter verschärfen könnte“, lautet die klare Botschaft an Brüssel. (mg)

Rubriklistenbild: © IMAGO / Chris Emil Janßen

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