VonLisa Mayerhoferschließen
In Deutschland sind Millionen Menschen an Long Covid erkrankt. Das sorgt auch für Milliardenverluste bei Unternehmen und Rentenkassen, wie Studien nahelegen.
Frankfurt – Die Corona-Pandemie ist zwar abgeebbt – doch tausende Menschen in Deutschland spüren noch immer ihre Folgen. Sie sind an Long Covid erkrankt. Das hat auch Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft, wie mehrere Studien zeigen.
Studie: Jährlicher Produktionsverlust von 3,4 Milliarden Euro für Unternehmen
So hat Afschin Gandjour, Professor für Gesundheitsökonomie an der Frankfurt School of Finance & Management, die volkswirtschaftlichen Kosten für Long Covid in Deutschland analysiert. Mit erschreckendem Ergebnis: Da er mit 84 Tagen Arbeitsunfähigkeit pro Person und einem Produktionsverlust von 124 Euro pro Tag rechnet, kommt er auf einen jährlichen Produktionsverlust von 3,4 Milliarden Euro für Unternehmen in Deutschland. Die finanzielle Belastung des Gesundheits- und Rentensystems beläuft sich laut Gandjour auf weitere 1,7 Milliarden Euro. Er geht davon aus, dass 0,4 Prozent der Arbeitnehmer mittelfristig ganz oder teilweise ausfallen würden.
Zwar gibt es auch Unsicherheiten in seiner Schätzung – für die Analyse griff der Ökonom auf Daten etwa von den Krankenkassen und von Bundeseinrichtungen zurück. Tatsächlich dürften die Gesamtkosten von Long Covid für die Wirtschaft mittlerweile höher ausfallen. Denn Gandjours Berechnungen basieren nur auf Daten des Jahres 2021. „Die Kosten, die durch neu in 2022 aufgetretene Fälle von Long Covid verursacht werden, müssten zu den Ergebnissen der Studie addiert werden“, erklärt der Wissenschaftler im Gespräch mit der Rheinischen Post.
Was ist Long Covid?
Der Begriff „Long Covid“ umfasst Beschwerden, die mehr als vier Wochen nach einer Ansteckung mit dem Coronavirus fortbestehen oder neu auftreten, erklärt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Zudem dürfe es keine andere Erklärung für die Beschwerden geben. Die Symptome, Verlauf und Dauer von Long Covid sind dagegen von Fall zu Fall sehr unterschiedlich. Meist leiden Betroffenen unter starker Erschöpfung, Kurzatmigkeit, Muskelschmerzen sowie Konzentrations- und Gedächtnisproblemen. Eine anerkannte Therapie gegen die Krankheit gibt es bislang nicht.
„Long Covid könnte zu hohen Kosten durch Arbeitsausfälle führen“
Aber auch bei neueren Daten sieht die Lage nicht viel besser aus: „Long Covid könnte zu hohen Kosten durch Arbeitsausfälle führen“, bilanzierte das RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung kürzlich. Es hat in einer Online-Umfrage vom Juni 2022 gut 1000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die unter Long Covid leider oder litten, befragt.
Diese seien demnach durchschnittlich 237 Tage krankgeschrieben gewesen. Der dadurch entstandene Arbeitsausfall beträgt 22.200 Euro pro Person, errechnete das Institut daraus. Die Berechnung ist aber aufgrund der mangelnden Daten eher eine Annäherung an die tatsächliche Situation.
Ampel will „Pandemie nach der Pandemie“ bekämpfen
Es ist auch schwer, genauere Daten zu dem recht neuen Krankheitsbild zu erheben, das zudem sehr schwer einzuordnen ist: Manche Betroffene sind komplett arbeitsunfähig, während manche wieder fit werden und wiederum andere schleppen sich mühsam und erschöpft durch Job und Alltag.
Auch die Zahl der Betroffenen in Deutschland ist schwer zu beziffern. Mindestens zwei Millionen Menschen in Deutschland hatten oder haben Long Covid, meint jedoch die Zeit. Laut der Betroffenen-Initiative Long Covid Deutschland seien 45 Prozent der an Long Covid Erkrankten nach über sechs Monaten nicht in der Lage, Vollzeit zu arbeiten, 20 Prozent seien arbeitsunfähig. Wie den Betroffenen geholfen werden kann, ist unklar – es gibt noch keine anerkannten Therapien gegen Long Covid.
Dass die „Pandemie nach der Pandemie“ bekämpft werden muss, hat auch die Bundesregierung erkannt. Sie will in den kommenden Jahren mehr als 180 Millionen Euro für die Long-Covid-Forschung zur Verfügung stellen, wie die Tagesschau im November berichtete. Das ist mehr als erwartet: Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hatte ursprünglich 100 Millionen Euro angekündigt. Ob diese Investitionen aber nun durch Sparmaßnahmen wegen des Haushaltsurteils betroffen sind, bleibt abzuwarten.
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