Bruno Cavalier, Chefvolkswirt der französischen Bank Oddo BHF, spricht Klartext: „Angesichts der katastrophalen Haushaltslage erfordert der Haushalt 2026 unpopuläre Sparmaßnahmen, was seine Verabschiedung genauso schwierig, wenn nicht schwieriger macht als die von 2025.“ So warnt er in einer aktuellen Analyse, aus der verschiedene französische Zeitungen wie 20minutes zitieren. Der Experte sieht sein Land vor einer längeren Krise: „Frankreich wird seinen vierten Premierminister in weniger als zwei Jahren verlieren und eine Instabilitätsphase eröffnen, die von einigen Wochen bis zu mehreren Monaten dauern kann“, prognostiziert Cavalier für La Tribune.
Die Zahlen sind erschreckend: Frankreich hat bereits 3,3 Billionen Euro Schulden angehäuft – mehr als jedes andere Land der Eurozone. Die Schuldenquote liegt bei 114 Prozent der Wirtschaftsleistung. Doch das ist erst der Anfang. Vincent Stamer, Analyst der Commerzbank, warnt vor einem dramatischen Szenario: „Unseren Berechnungen zufolge könnte die Schuldenquote des französischen Staats in den kommenden zehn Jahren ohne jegliche Reformen deutlich über 150 Prozent steigen“, erklärt er gegenüber Marketscreener. Das wäre ein historischer Rekordwert, der selbst Italien in den Schatten stellen würde.
Unternehmen verschieben Investitionen in Frankreich – Geschäftsklima auf Tiefstand
Die Unsicherheit erfasst bereits die Realwirtschaft. Anthony Morlet-Lavidalie vom französischen Forschungsinstitut Rexecode warnt: „Unternehmen könnten entscheiden, die größten Investitionen zu verschieben“, sagte er La Tribune. Dies würde das ohnehin schwache Wirtschaftswachstum weiter belasten. Die französische Wirtschaft steht bereits unter Druck: Das Geschäftsklima ist laut dem Nationalen Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien Frankreichs, Insee, auf einem Tiefstand, und die politische Dauerkrise verschärft die Lage zusätzlich.
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Die Finanzmärkte reagieren bereits nervös auf die Entwicklung. Die Rendite zehnjähriger französischer Staatsanleihen stieg auf über 3,5 Prozent – den höchsten Stand seit der Finanzkrise 2009. Frankreich muss Investoren kaum niedrigere Zinsen bieten als Italien. Joachim Schallmayer von der DekaBank sieht keine Entspannung: „Frankreich wird weiter unter genauer Beobachtung der Märkte bleiben. Die hohen Schuldenstände in Kombination mit den hohen laufenden Haushaltsdefiziten stellen keine Grundlage für eine nachhaltige Entspannung in den Risikoaufschlägen dar. Der Kapitalmarkt wird den Druck aufrechterhalten“, analysiert er für Marketscreener.
Frankreich: Reformblockade verschärft die Krise
Das französische Haushaltsdefizit liegt bei 5,8 Prozent der Wirtschaftsleistung – fast das Doppelte des EU-Limits von drei Prozent. Stamer von der Commerzbank sieht schwarz: „Mit der erneuten politischen Krise ist ein beherzter Kampf gegen die ausufernden Staatsfinanzen in weite Ferne gerückt.“ Auch laut Ifo-Präsident Clemens Fuest erhöhe der Zusammenbruch der Regierung „die Unsicherheit über den weiteren finanzpolitischen Kurs Frankreichs“, wie er gegenüber Politico erklärte. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Eurozone könnte an den Rand einer ernsten Staatsfinanzkrise geraten.
Die französische Staatsschuld ist seit 1995 explodiert: Damals lag sie laut Ouest France bei nur 57,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Heute sind es 114 Prozent – Tendenz steigend. Die Finanzkrise, die Corona-Pandemie und die Inflation haben die Verschuldung angeheizt. Der Internationale Währungsfonds sieht keine Besserung in Sicht. Thomas Gitzel, Chefvolkswirt der VP Bank, erklärt: „Die Finanzmärkte werten bislang Frankreich als Einzelrisiko und nicht als systemisches Risiko für die gesamte Eurozone“, sagte er zu Marketscreener. Doch das könnte sich laut Gitzel ändern: „Sollten die Risikoaufschläge französischer Staatsanleihen weiter deutlich steigen, könnte die EZB Stützungskäufe tätigen.“ Das würde jedoch die Inflation in ganz Europa anheizen. Die Ratingagentur Fitch wird diese Woche über eine mögliche Herabstufung Frankreichs entscheiden. Eine Verschlechterung der Bonität würde die Finanzierungskosten weiter in die Höhe treiben und die Schuldenspirale beschleunigen. (cgsc mit dpa)