VonUlrike Hagenschließen
Auch ein später Einstieg lohnt sich. Sogar Best Ager können und sollten noch erfolgreich an der Börse einsteigen und ihre Altersvorsorge verbessern, raten Experten.
Köln/Hamm – Es ist nie zu spät, mehr aus seinem Geld zu machen. Zumal sich viele Menschen ohnehin zu spät mit dem Thema Altersvorsorge befassen und plötzlich auf erschreckende Rentenlücken stoßen. Doch selbst wer erst mit 50 oder 55 Jahren feststellt, dass die eigene Rente im Alter wohl kaum ausreichen wird, muss nicht in Panik verfallen. Denn auch „Best Ager“ haben noch ausreichend Zeit, effektiv vorzusorgen, der Aktienmarkt bietet auch Älteren Möglichkeiten dazu. Finanzexperten raten sogar noch in der Rente zu mutigen Börsen-Investitionen.
Für immer weniger Menschen reicht die gesetzliche Rente noch aus, um den gewohnten Lebensstandard auch im Ruhestand zu erhalten. Trotz steigender Rentenbeiträge – mit denen auch künftig zu rechnen ist – kümmern sich die, die es sich leisten können, um zusätzliche private Vorsorge – oft in Form von Versicherungen, Tages- und Festgeld. Doch wäre es mit 55 Jahren oder älter vielleicht sogar sinnvoller und gewinnbringender, in Aktien zu investieren? Die klare Antwort von Finanzexperten lautet: Ja!
„Das Geld sollte den Menschen überleben“: Warum Aktien auch im Alter noch Sinn machen
„Es geht darum, abzusichern, dass der Mensch das Geld nicht überlebt“, erklärt Finanzexperte Stefan Kemmler, Honorarberater, der sich auf „Best Ager“ spezialisiert hat, im Gespräch mit IPPEN.MEDIA. Gerade die Generation 50plus mache jedoch den Fehler, ihr Geld gar nicht oder nur so anzulegen, dass sie mit dem vermeintlich niedrigsten Risiko nur eine sehr geringe Rendite erziele: „Die Deutschen sind ohnehin Sparweltmeister, scheuen die Börse und lassen ihr Geld auf dem Girokonto herumliegen oder legen es traditionell in Tages- und Festgeld-Konten sowie Versicherungen an“.
Neue Zahlen der Bundesbank belegen das: Zwar stieg das Vermögen der privaten Haushalte im ersten Quartal 2025 erneut auf den Rekordwert von 9.053 Milliarden Euro. Weit mehr als ein Drittel davon jedoch, 37, 5 Prozent, „modert“ in Form von Bargeld und in Sichteinlagen vor sich hin. Dabei besteht ausgerechnet bei dieser vermeintlich risikofreien Anlagestrategie die Gefahr – gerade durch die gestiegene Inflation der letzten Jahre –, dass das Geld Jahr für Jahr an Wert verliert und dadurch schneller weniger wird – und dann eben nicht den Menschen überlebt.
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Im Alter Aktien kaufen: Darum sollten selbst Rentner jetzt handeln
„Es ist darum grundsätzlich immer das richtige Alter, um dieses verfügbare Geld an der Börse anzulegen“, rät Kemmler. Zwar profitierten jüngere Anleger stärker vom Zinseszinseffekt und könnten Kursschwankungen gelassener, weil länger, aushalten, da bis zum Ruhestand noch viele Jahrzehnte vergehen: „Doch wer weiß, was er oder sie tut, sprich: mit einer soliden Portfoliokonstruktion – kann auch noch mit 55 oder 60 Jahren und selbst als Rentner noch guten Gewissens in Aktien investieren“, so der Kölner Finanzberater.
Wer an die Börse geht, muss wissen, dass Crashs passieren werden, das muss man nur einkalkulieren
Ein entscheidender Faktor spräche für späte Aktieninvestments: „Wir leben länger als wir denken“. Der Geburtsjahrgang 1960 hat laut Statistischem Bundesamt eine weitere Lebenserwartung von circa 18 Jahren (Männer) beziehungsweise 23 Jahren (Frauen), deutlich mehr als die prognostizierte Lebenserwartung bei Geburt. Diese längere Lebenserwartung bedeute: „Auch 55-Jährige haben noch einen Anlagehorizont von 20 bis 30 Jahren – mehr als genug Zeit, um von den langfristigen Renditechancen des Aktienmarkts zu profitieren“, so Kemmler.
„Crashs passieren“: Experte rät zu Anlagestrategien mit Risikopuffern
Eine Geldanlage ohne Risiko sei dies jedoch nie: „Wer an die Börse geht, muss wissen, dass Crashs passieren werden, das muss man nur einkalkulieren“. Dafür sei ein entsprechendes Risikomanagement erforderlich. „So wie man beim zu Ende gehenden Sommer weiß, dass nun Regenwetter kommt, und die Regenklamotten herausholen muss, sollten bei der Anlagestrategie entsprechende Risikopuffer – gewissermaßen Airbags – eingebaut sein“, so Kemmler.
Diese „Airbags“ bestehen z. B. aus Tages- und Festgeldern, sowie Geldmarktfonds, die in negativen Börsenjahren als Entnahme-Absicherung dienen, sowie Staats- und Unternehmensanleihen guter Bonität, „dann gibt es auch keinen Grund, in turbulenten Zeiten unruhig zu werden“.
Wie solch eine solide, krisenresistente Anlagestrategie im Detail aussieht, hänge jedoch von den individuellen wirtschaftlichen Gegebenheiten ab: „Es gibt nicht die eine Strategie, die für jeden passt“. Darum ist der erste Schritt einer Ruhestandsplanung, die Kemmler für seine Kunden erstellt, auch immer eine Liquiditätsrechnung:
Was kommt jeden Monat sicher rein? Wie hoch sind die Ausgaben in heutiger Kaufkraft? Was muss auf jeden Fall an Geld monatlich da sein, was ist ein Nice-to-have, was die Luxusvariante? In welcher Höhe fallen Krankenversicherungsbeiträge und Steuern an? Wie hoch soll der Nachlass mindestens sein? Wie ist die Lebenserwartung, sprich: wie lange müssen die Ersparnisse vorhalten? Verbraucher können dafür sogenannte Sterbetafeln nutzen – es lassen sich aber auch Daten vom Statistischen Bundesamt zu Rate ziehen oder Online-Rechner nutzen.
Best Ager an der Börse: Steigende Lebenserwartung schafft längeren Anlagehorizont
Diese zeigen: Wer heute 65 ist, hat im Schnitt noch rund 20 Jahre vor sich. „Es kann aber auch – hoffentlich –anders laufen – und niemand möchte mit 85 vital, aber pleite sein“, erklärt Kemmler. Im nächsten Schritt folgt immer ein Kassensturz: Wie viel Vermögen ist da – auf Konten, in Fonds oder Lebensversicherungen?
„Erst dann kann eine Anlagestrategie erstellt werden, die sicherstellt, dass das Geld bis zum Schluss reicht, und die Pleitewahrscheinlichkeit am geringsten ist“, so der Finanzexperte. Die alte Faustregel: 100 minus Lebensalter als empfohlenen Aktienanteil in Prozent hält der Finanzberater für überholt: „Wer genug Geld einnimmt oder als Rente in Aussicht hat und nicht mehr braucht, kann sogar guten Gewissens bis zu 100 Prozent in Aktien anlegen, selbst wenn er oder sie 65 Jahre alt ist“.
„Der beste Zeitpunkt ist jetzt“: Risikobewusstes Investieren statt wilder Spekulationen
Gefragt ist dennoch weniger Abenteuerlust als vielmehr „vernünftiges“ Risikomanagement, um einer finanziellen Krise im Alter vorzubauen: „Bei Geldanlagen der Generation 50plus geht es nicht um die Rendite um jeden Preis, sondern um die Absicherung, dass das Auskommen bis zum Lebensende reicht“, sagt der Honorar-Finanzanlagenberater. Deshalb sollte grundsätzlich immer ein gewisser Teil der Rücklagen stabil Anlagen angelegt sein – auf Tages- oder Festgeldkonten, in Geldmarktfonds oder in Staats- und Unternehmensanleihen guter Bonität.
Die Höhe der Aktienanteile solle dann über die akuten Bedarfe bestimmt werden: „Wer nur einen kleinen Teil seines Vermögens monatlich entnimmt, kann sich mehr Schwankungen leisten, wer auf mehr ‚Flüssiges‘ angewiesen ist, weniger“. Kemmlers Tipp: Breit gestreute ETFs – mit gutem Renditepotenzial, „ohne dass dabei die Nerven blank liegen müssen“. Unterm Strich gelte: „Der beste Zeitpunkt, um in den Aktienmarkt einzusteigen, ist immer jetzt – und am besten auf einen Schlag, statt häppchenweise“, empfiehlt der zertifizierter Spezialist für Ruhestandsplanung.
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