Energiewende

300 Milliarden Euro für Finanzierung der Energiewende – geht Habecks Plan auf?

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Es geht um die deutsche Energieinfrastruktur.
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Die Energiewende und der damit verbundene Ausbau der Netze kosten Hunderte Milliarden Euro. Zu viel für den Staat. Doch Habeck versichert einen Plan für Deutschland.

Frankfurt – Fußball und der Ausbau einer nachhaltigen Energieinfrastruktur in Deutschland, das waren am Dienstag am Finanzplatz Frankfurt die beherrschenden Themen. Was das miteinander zu tun hat? Christian Sewing klärt auf. „Ich hatte schon Sorge, dass die Konferenz nicht rechtzeitig zum Halbfinale heute Abend beendet ist“, sagte der Deutsche Bank-Chef bei seinem Grußwort zu Beginn der ersten Kapitalmarktkonferenz, die die Staatsbank KFW in ihrer Zentrale in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bank und unter der Schirmherrschaft von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) organisiert hatte. Doch so schade es auch sei, dass Deutschland aus dem Turnier ausgeschieden ist, könne man sich nun voll auf die wirklich wichtigen Dinge konzentrieren, fügte Sewing an.

Finanzierung der Energiewende in Deutschland – Habeck definiert Ziele

Das wirklich wichtige Ding an diesem Dienstag: die Finanzierung der Energiewende. „Deutschland will bis 2045 klimaneutral sein und den Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien bis 2030 auf 80 Prozent steigern“ sagte Wirtschaftsminister Habeck. „Diese Konferenz bringt relevante Akteure aus Finanzwelt, Energiewirtschaft und Politik zusammen und ermöglicht so wertvolle Diskussionen zu Finanzierungspfaden für die deutsche Energiewende.“

Damit vor allem im Norden produzierter Windstrom in die großen Verbrauchszentren kommt, sollen Tausende Kilometer neue Stromtrassen gebaut werden. Das ist allerdings sehr teuer. Laut einer Prognos-Studie im Auftrag der KFW sind bis zur Mitte des Jahrhunderts allein für die Netzinfrastruktur zusätzliche Investitionen von rund 300 Milliarden Euro erforderlich. Andere Fachleute sprechen von deutlich höheren Summen – auch im Hinblick auf den geplanten Bau eines Wasserstoff-Kernnetzes. Angesichts der knappen Haushaltslage können die Mittel hierfür nicht allein vom Staat kommen, sondern müssen zum weit überwiegenden Teil am Kapitalmarkt mobilisiert werden.

Rolle der Energiewende wichtig für die konjunkturelle Entwicklung

Und der scheint dem Werben des Bundes nicht abgeneigt zu sein. „Das Interesse an dieser Konferenz aus dem In- und Ausland hat uns überwältigt“, sagte der Vorstandsvorsitzende der KFW, Stefan Wintels. Man habe mit etwa 100 Teilnehmerinnen und Teilnehmern gerechnet, gekommen seien mehr als 180 Vertreterinnen und Vertreter internationaler Infrastrukturfonds, Pensionskassen und Versicherungen, Vermögensverwaltungsgesellschaften, Banken sowie Unternehmen der Energiewirtschaft. Nun gelte es, „Kapitalnachfrage und Kapitalangebot zusammenzubringen, damit die Energieinfrastruktur in Deutschland klimafreundlich und bezahlbar erneuert werden kann“, so Wintels.

Deutsche-Bank-Chef Sewing betonte die zentrale Rolle der Energiewende für die konjunkturelle Entwicklung: „Die Neuaufstellung der Energieversorgung ist eine der vorrangigen Aufgaben, um die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu sichern. Sie ist gleichzeitig eine große Chance: Investitionen in günstige, verlässliche und nachhaltige Energiequellen können zu dem wirtschaftlichen Wachstum beitragen, das wir in Deutschland dringend brauchen.“ Als globale Bank mit Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten wolle sein Institut dazu beitragen, die Kapitalmarktstrukturen in Deutschland und Europa zu verbessern und den Dialog mit Investoren auszubauen.

Klimaschädliche Geschäfte

Klimaschutzorganisationen prangern an, dass große Anleger weiter Milliardensummen in die Öl-, Gas- und Kohleindustrie pumpen. Dies behindere den rechtzeitigen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen, um die Erderhitzung einzudämmen, sagte Katrin Ganswindt von der Umweltorganisation Urgewald, die mit 13 Partnerorganisationen die Finanzrecherche „Investing in Climate Chaos“ veröffentlicht hat. Es gelte, endlich „umzuschichten in Richtung Energiewende“.

Die Studie beleuchtet die Geldanlagen von mehr als 7500 institutionellen Investoren auf der ganzen Welt. Die Finanzdaten wurden im Mai 2024 erhoben und belegen demnach, dass diese Investoren Anleihen und Aktien im Wert von rund 4,3 Billionen Dollar (3,97 Billionen Euro) an Unternehmen halten, die in fossilen Industrien aktiv sind. Fast zwei Drittel der Investitionen werden laut der Erhebung derzeit von Unternehmen in den Vereinigten Staten gehalten. dpa

Habeck versichert „Plan“ für Deutschland bei Finanzierung der Energiewende

In diesem Zusammenhang betonte Sewing die Notwendigkeit, die sogenannte Kapitalmarktunion in der EU zu verwirklichen. „Investoren wollen einen einheitlichen europäischen Kapitalmarkt und keine 27 verschiedenen Regelwerke“, sagte Sewing. Bürokratische Hürden zwischen den einzelnen EU-Staaten müssten abgebaut werden. Er forderte, dass das Thema auch nach den Ergebnissen der Frankreich-Wahl ganz oben auf der Agenda bleiben müsse. „Der Finanzierungsbedarf in Europa ist so hoch, dass es in jedem Land die Notwendigkeit gibt, mehr private Investoren zu bekommen.“

Bleibt die Frage, warum das internationale Kapital ausgerechnet hierzulande investieren sollte? Zumal Teile der heimischen Wirtschaft genau das Gegenteil tun. Investoren achten bei ihrer Geldanlage vor allem auf Sicherheit, verlässliche Rahmenbedingungen und natürlich eine attraktive Rendite. „Deutschland hat einen Plan“, versicherte Schirmherr Habeck deshalb den Anwesenden. Das Land verfolge langfristige Ziele und habe „robuste Pfade“ eingeschlagen, die ein verlässliches, langfristiges und lohnendes Anlagefeld böten.

Diskussion über Finanzierung der Energiewende in Deutschland

„Deutschland ist meines Wissens das einzige Land, das über einen Netzentwicklungsplan bis 2045 verfügt“, sagte der Minister. „Und Sie können sicher sein, dass ein möglicher Regierungswechsel nicht zu einem Wechsel der Strategie führen wird.“ Hinzu komme eine ausgezeichnete Bonität. Investitionen vom Staat können so glaubhaft abgesichert werden. Gefestigte demokratische Strukturen sorgen für Rechtssicherheit. „Nun gilt es, die Investment-Möglichkeiten auf Ihre Bedürfnisse zuzuschneiden“, rief Habeck den Anwesenden zu. Man sei hier, um zu verkaufen und zu lernen.

Sabine Mauderer, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank und Präsidentin des Networks for Greening the Financial System (NGFS), bemühte noch einmal den Fußballvergleich: „Die deutsche Mannschaft ist international wieder wettbewerbsfähig, Deutschland als Investitionsstandort ist es auch.“

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