VonLars-Eric Nievelsteinschließen
Der Konflikt in der Ukraine verunsichert Anleger bei der Entscheidungsfindung. Fachleute meinen, jetzt wäre der ideale Moment. Ein Beispiel dafür ist Bayer.
Kiew – Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine greift Russland wiederholt die Infrastruktur des Landes an. Einerseits soll das die Verteidigung erschweren, andererseits Schrecken auslösen – und das nicht nur bei der Zivilbevölkerung. Die erschwerten Bedingungen treffen auch europäische Unternehmen.
„Richtiger Zeitpunkt für Investitionen in der Ukraine“ – Bayer bleibt
Einer der Konzerne, die sich trotz der Kriegshandlungen nicht aus der Ukraine zurückziehen wollen, ist der Chemie- und Pharmakonzern Bayer. Die Mitarbeiter im ukrainischen Ableger haben über die vergangenen zwei Jahre eine „merkliche“ Veränderung in den Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt, bemerkt. Im Interview mit n-tv berichtet der Geschäftsführer von Bayer Ukraine, Oliver Gierlichs, zum Beispiel von Störungen der Stromversorgung oder von Rekrutierung der Mitarbeiter für die Armee.
Trotzdem will Bayer in der Ukraine bleiben. „Wir investieren jetzt sogar in die Ukraine, weil wir fest davon ausgehen, dass sie ein freies, demokratisches Land bleiben wird – in Zukunft hoffentlich auch als Mitglied der EU“, erklärte Gierlichs. Im ukrainischen Schytomyr unterhält Bayer ein Saatgut-Werk; die Stadt liegt ein Stück westlich von Kiew und damit fernab der tatsächlich umkämpften Zonen.
Gierlichs glaubt daran, dass jetzt „der richtige Zeitpunkt für Investitionen in der Ukraine“ gekommen sei. Das Land brauche ein Versprechen in seine Zukunft. „Es wird in Erinnerung bleiben, welche Unternehmen dieses Versprechen, diese Hoffnung gegeben haben“. Vor allem die Verteidigungsindustrie, Landwirtschaft und IT stufte Gierlichs als Zukunftsbranchen ein. Der Wirtschaftsberatung KPMG konzentrieren sich Investoren in der Ukraine vor allem auf diese Bereiche:
- Energieversorgung
- Metallverarbeitung und Rüstung
- Maschinenbau/Zuliefererindustrie
- Agrarwirtschaft und Nahrungsmittel
- Rohstoffe
- Informationstechnologie
„Beste Chancen seit dem Zweiten Weltkrieg“ – EU fördert Investitionen in der Ukraine
Um internationale Investoren anzulocken, hatte auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ein Statement veröffentlicht. „Die Ukraine bietet die besten Chancen seit dem Zweiten Weltkrieg“, hatte er dazu gesagt. Die Europäische Union (EU) hatte ein größeres Förderungspaket verabschiedet, um die Investitionen im von Russland angegriffenen Staat anzuheizen. Am 18. April hatte die EU-Kommission über ein neues Finanzpaket informiert, das mit rund 9,3 Milliarden Euro ausgestattet war. Das umfasste Darlehensgarantien (7,8 Milliarden Euro) und Mischfinanzierungen (1,51 Milliarden Euro).
„Es wird erwartet, dass der Investitionsrahmen für die Ukraine in den nächsten Jahren bis zu 40 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen mobilisieren wird“, schrieb die Kommission dazu. Dieser Investitionsrahmen sei weiterhin ein „integraler Bestandteil“ der sogenannten Ukraine-Fazilität, eines neuen Finanzprogramms, das mit 50 Milliarden Euro ausgestattet ist. „Während wir die Ukraine auf ihrem Beitrittsweg unterstützen, stärken wir auch das Investitionsumfeld auf der Grundlage unserer Regeln und Standards, damit Wachstum und Beschäftigung gedeihen können“, sagte Olivier Várhelyi, Kommissar für Nachbarschaftspolitik und Erweiterung, in Brüssel dazu.
Obwohl der Ukraine-Krieg weiter tobt, sind weite Teile des Landes wirtschaftsfähig. Die Front verläuft weit im Osten des Landes; in der Mittelukraine und im Westen können Unternehmen arbeiten, so wie es eben Bayer tut.
Investitionen in der Ukraine könnten nicht ausreichen – Aufbau verschlingt Milliarden
Die Erwartungen der EU-Kommission könnten weit hinter der tatsächlich benötigten Summe zurückbleiben. Eine aktuelle Schadens- und Bedarfsanalyse der Weltbank veranschlagt für den Wiederaufbau und die Erholung der Ukraine innerhalb der nächsten zehn Jahre eine Summe von 486 Milliarden US-Dollar (rund 433,6 Milliarden Euro, Stand 31.12.2023). Sowohl die militärische Verteidigung der ukrainischen Souveränität als auch die Unterstützung der Wirtschaft seien wichtig, damit Erholung, Wiederaufbau und EU-Integration vollumfänglich gelingen.
„Die Ukraine hat das Potenzial für Spitzentechnologien sowie eine umweltfreundliche Wirtschaftspolitik. Einige ihrer Industrien setzen nachhaltige Verarbeitung bereits um“, schrieb die Bertelsmann-Stiftung dazu. Die EU habe ein Eigeninteresse daran, dass die Ukraine wirtschaftlich den Anschluss an die Union findet.
Aktuell laufen die Beitrittsverhandlungen der Ukraine zur Europäischen Union. Auch das Nachbarland Moldau, in dem sich ebenfalls russische Soldaten festgesetzt haben, will der Union beitreten.
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