VonSteffen Herrmannschließen
Clara Morgeneyer steht kurz davor, Anwältin zu werden. Dann wagt sie den Sprung in die USA. Heute arbeitet die 32-Jährige bei Apple als Software-Ingenieurin. Ein Porträt.
Clara Morgeneyer hatte ihn, den perfekten Lebenslauf: Sofort nach dem Abitur studiert die junge Frau Jura in Frankfurt an der Oder. Es folgt ein Master zu Europarecht in Amsterdam, dann arbeitet sie bei einer Großkanzlei in Berlin, um die Zeit bis zum Start des Referendariats zu überbrücken. Zielstrebiger geht es nicht, Morgeneyer war auf Kurs. Oder wie die 32-Jährige heute sagt: „Ich war im Tunnel.“
Dann der Bruch – Zweifel, Identitätskrise. Morgeneyer erinnert sich: das Arbeiten an Schriftsätzen und mit Paragrafen, das Gefühl, ein kleines Rädchen zu sein, die Angst vor dem Referendariat. „Ich habe nicht so richtig verstanden, warum ich das mache. Klar, das Europarecht war schon spannend. Aber wenn ich früher ehrlich mit mir gewesen wäre, dann hätte ich gewusst: Jura ist nicht das richtige für mich.“
Heute ist alles anders: Seattle statt Berlin, IT statt Jura. Morgeneyer arbeitet als Software-Ingenieurin bei Apple. Sie hat den Sprung gewagt – raus aus dem Recht, raus aus dem eingeschlagenen Karriereweg und raus aus Deutschland.
Auslöser war ein Uni-Seminar, dass sie während ihrer Arbeit bei der Großkanzlei besuchte: IT für Juristen. „Da habe ich den ersten Blick in diese Welt werfen können – und war total fasziniert.“
Damit öffnet sich eine Tür: Beim Scrollen durch Facebook bemerkt Morgeneyer Werbung für Coding Bootcamps. Das Versprechen der Anbieter: Programmieren lernen in nur wenigen Wochen. „Ich bin einfach mal zu einem Workshop gegangen, und das war wirklich eine Erleuchtung.“
2017 besucht Morgeneyer ein neunwöchiges Coding Bootcamp beim Anbieter Le Wagon: Dort beschäftigt sie sich mit HTML, CSS, Bootstrap, baut einen Klon von Airbnb – und lässt die Welt des Rechts hinter sich. „Man schafft etwas“, sagt Morgeneyer. „Man schreibt 100 Zeilen Code und am Ende kommt irgendetwas heraus. Es fühlt sich fast an wie ein Handwerk. Und das hatte ich bei Jura nicht.“
Zur Serie
In den kommenden Wochen widmet sich die FR Brüchen in der Berufslaufbahn. Die Serie heißt Spurwechsel und stellt Menschen vor, die genau das gemacht haben: Sie haben ihre angestammte Branche verlassen und den Neustart gewagt – in einem anderen Beruf, einer anderen Branche und vielleicht sogar in einem anderen Land.
Die Porträts erscheinen in loser Reihenfolge. Außerdem gibt es Hintergrundberichte und Interviews mit Fachleuten zu den Themen Umschulung und Neustart.
Bereits erschienen ist zum Beispiel ein Text über einen Frankfurter Gastronom, der den Schritt ins Unbekannte wagte, und seinen sicheren Konzernjob aufgab. Fabian Donath wechselte aus dem Callcenter auf den Friedhof. sbh
Morgeneyer wird selbst Lehrerin bei dem Start-up, erst in Berlin, dann in Tel Aviv, wo sie ihren späteren Ehemann kennenlernt. Fast forward: 2020 gehen die beiden in die USA, nur zwei Wochen bevor das Coronavirus die Welt anhält. Lockdown, Morgeneyer sitzt fest. Die Deutsche hat nur ein Touristenvisum, kann anders als ihr Freund, der damals ein Praktikum bei Microsoft macht, nicht arbeiten. „Das war Chaos, eine blöde Zeit. Aber sobald ich meine Arbeitserlaubnis hatte, habe ich mich beworben.“
Mit Erfolg: Inzwischen arbeitet Morgeneyer seit knapp zweieinhalb Jahren als Software Engineer bei Apple. „Ich hätte nie gedacht, dass ich hier lande würde“, sagt sie und gerät ins Schwärmen – die Unternehmenskultur, die interne University, ein Weltkonzern.
Und jetzt, mit dem Blick zurück, hätte sie etwas anders gemacht? Morgeneyer überlegt. „Vielleicht hätte ich mehr hustlen können. Ich habe es während Covid ziemlich entspannt angehen lassen, auch weil die Arbeitserlaubnis noch nicht da war. Aber vielleicht hätte ich mehr freelancen können.“ Sie zuckt mit den Schultern. Unzufriedenheit klingt anders.
Deshalb rät Morgeneyer auch allen, die sie um Rat fragen: „Tu es.“ Also: Wechsel das Studienfach, den Job, das Land. „Oft haben die Leute schon so viel investiert und natürlich gibt es die Angst, dass es nicht klappt. Die Angst vor dem Scheitern. Aber ich sage immer: Es gibt einen Weg zurück“, erzählt sie mit dem Blick auf den Arbeitsmarkt, der für die Beschäftigten vieler Berufsgruppen vorteilhaft ist. „Und was spricht dagegen, sich ein Jahr zu nehmen, um etwas Neues auszuprobieren?“
Clara Morgeneyer hat ihn gewagt, den Sprung. Für sie hat er sich ausgezahlt.
