Thomas Bublat gibt die Privilegien in einem großen Konzern auf und wird sein eigener Chef. Ein Porträt von Shulamit Rittwagen.
Von außen sieht es so aus, als hätte Thomas Bublat es „geschafft“: 2016 ist er bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten bei Procter & Gamble angestellt, einem großen Konsumgüter-Konzern. Bublat hat einen sicheren, gut bezahlten Job: 14 Monatsgehälter, 30 Tage Urlaub im Jahr, einen Zuschuss für Aktienpakete und eine Betriebsrente. Doch Bublat ist unzufrieden, ärgert sich. Jahrelang. Ein großes Unternehmen, viel Bürokratie – zu viel für ihn. Die Flut an Mails, die langsamen Entscheidungswege, wenig Handlungsspielraum, der Büroalltag.
Als der Frust zu groß wird, zieht er Konsequenzen und kündigt im Februar 2016 – nach mehr als 21 Jahren. „Schnauze halten oder etwas ändern – das war immer mein Motto, also wollte ich mich auch selbst daran halten“, sagt Thomas Bublat.
Wechsel in die Gastronomie war „im Blut“
Heute, acht Jahre später, ist er eigentlich nie im Feierabend – dafür glaubhaft glücklich. Der inzwischen 56-Jährige hat sich seinen Traum verwirklicht und mit 48 Jahren selbstständig gemacht: Ende 2016 eröffnet er ein Lokal im Frankfurter Stadtteil Gallus, das Talbub. Getreu dem Lokal-Motto „eigen, sinnig, regional“ erwartet die Besucher:innen ein gastronomisches Kleinod. Eine Mischung aus Weinbar, Café und Restaurant mit Angeboten, die von Brunch und Mittagstisch bis zu Abendessen sowie Events reichen.
Dass Thomas Bublat sich ausgerechnet in der Gastronomie selbstständig gemacht hat, ist kein Zufall: Seine Mutter führte eine gutbürgerliche Gaststätte in Offenbach, in der er selbst als junger Mann mitarbeitete. „Das liegt im Blut, ich kann gut mit Menschen“, sagt er. Wie in seinem alten Job nutzt ihm auch im neuen seine Empathie. Alles andere, was er an Wissen und Fertigkeiten brauchte, lernte er autodidaktisch.
Bürokratie-Wahnsinn der Behörden in Deutschland macht zu schaffen
So hat er den Bürofrust hinter sich gelassen. Aber auch Sicherheit, ein überdurchschnittliches Einkommen und einen geregelten Arbeitsalltag. Gewonnen hat er Autonomie und ein neues Lebensgefühl: Er allein kann entscheiden, was als Nächstes passiert.
Doch der Weg dahin war alles andere als leicht. Nach seiner Kündigung bei Procter & Gamble im Frühjahr 2016 reist Bublat mit seinem Sohn für eine Auszeit nach Sansibar. Dann, zurück in Frankfurt, beginnt die aufreibende Suche nach der passenden Lokalität. Er findet einen Ort in Sachsenhausen, schmiedet Pläne, hat Visionen für die Gestaltung.
Doch die Stadt macht ihm einen Strich durch die Rechnung. Viele Auflagen und Regulierungen verhindern den angedachten Umbau. Rückzug. Monatelang sucht er danach erfolglos. Er sei kurz vor der Kapitulation gewesen und habe keine Lust mehr gehabt, sagt er heute über diese Zeit. Bis er auf einem Spaziergang ein Schild im Fenster eines Ladens auf der Frankenallee entdeckt. Sofort nimmt er Kontakt zum Makler auf, trifft die Inhaber und – erhält ein paar Tage später die Zusage und lang ersehnte Möglichkeit.
Ende 40 ein Neustart – doch wie soll der Name des Lokals lauten?
Und der Lokalname „Talbub“? Er sei das Einzige gewesen, was am Ende noch fehlte, erzählt Bublat. Er trifft sich mit Freund:innen aus dem Marketing-Bereich zum Brain-Storming, Flip-Charts inklusive. Nichts überzeugt so richtig.
Zur Serie
In den kommenden Wochen widmet sich die FR Brüchen in der Berufslaufbahn. Die Serie heißt Spurwechsel und stellt Menschen vor, die genau das gemacht haben: Sie haben ihre angestammte Branche verlassen und den Neustart gewagt – in einem anderen Beruf, einer anderen Branche und vielleicht sogar in einem anderen Land.
Die Porträts erscheinen in loser Reihenfolge. Außerdem gibt es Hintergrundberichte und Interviews mit Fachleuten zu den Themen Umschulung und Neustart.
Bereits erschienen ist zum Beispiel ein Text über Fabian Donath, der aus dem Callcenter auf den Friedhof wechselte, und Clara Morgeneyer, die als ehemalige Juristin heute bei Apple arbeitet - als Software-Ingenieurin. sbh
Dann beschließt Bublat wie beiläufig: „Ach egal, ich nehme jetzt einfach meinen Nachnamen rückwärts.“ Erst Staunen, dann Zustimmung. Warum nicht? Eine befreundete Architektin entwickelt ein Design, kreiert ein Logo. Sie hilft bis heute kreativ mit. Generell habe er viel Unterstützung von Freund:innen und auch ein finanzielles Polster gehabt, was es ihm erleichterte, mit Ende 40 seinen neuen Weg einzuschlagen.
Nach einem holprigen Start, der viel Kraft abverlangt, läuft es für Bublat. Der selbsterklärte Namens-Legastheniker entwickelt schnell den Ehrgeiz, alle Stammgäste namentlich zu kennen. Also lernt er eine Methode und begrüßt nun seit Jahren alle bekannten Gesichter beim Namen.
Dann kommt Corona: Ohne staatliche Corona-Hilfen „wäre ich jetzt weg vom Fenster“
2020 dann der herbe Rückschlag: Pandemie. Wie die ganze Branche steht Bublat extrem unter Druck. Er verkauft Mittagessen „to go“ aus der Türe. Doch die 30 bis 40 Essen pro Tag, die er verkauft, reichen nicht, um den Laden am Laufen zu halten. „Ohne die Corona-Hilfen wäre ich jetzt weg vom Fenster“, stellt Bublat klar. Er sei sehr dankbar. Und das trotz der Hindernisse, die ihm vonseiten der Behörden immer wieder mal in den Weg gestellt worden seien.
Eigentlich, so erzählt er exemplarisch, hätte er viel mehr aus dem Außenbereich des Ladens machen wollen. Doch das Ordnungsamt erteilt Bublat strenge Auflagen für Blumenkübel und Co. Er lässt sich nicht aufhalten und setzt, was geht, auflagengerecht um. Bublats Wege enden nicht beim Hindernis, sondern stets bei der Chance.
„Es ist nie zu spät für Veränderung“ – Bereut er den Neustart?
Wie kommt man zu so einer Haltung? „Viel Arbeit“, so Bublat, und: „Das hat jetzt wirklich auch einige Jahre gedauert, aber ich habe viel an mir gearbeitet – und höre auch nicht damit auf“, erklärt er und grinst. Mut und Selbstsicherheit, das seien die Zutaten, um einen Schritt aus der Komfortzone zu wagen: „Es ist nie zu spät für Veränderung.“ Heute wisse er, dass er alles machen könne, wenn er es wirklich wolle.
Ob er manchmal auch an seiner Entscheidung zweifele? Ja. Letztes Jahr erst hatte er diesen Punkt erreicht, überlegte, den Laden zu verkaufen. Manche seiner alten Arbeitskolleg:innen von Procter & Gamble seien heute bereits im Vorruhestand, da kommt ein bisschen Wehmut auf. Aber erst mal macht Bublat weiter. „Und wer weiß, vielleicht arbeite ich ja in zwei Jahren wieder in Teilzeit im Büro und abends an einer Bar“. Es gilt eben: Schnauze halten oder etwas ändern.