VonSteffen Herrmannschließen
Eine berufliche Neuorientierung kann die unterschiedlichsten Gründe haben. Der Arbeitsmarkt wandelt sich gerade drastisch.
Thomas Bublat hatte genug von der Mailflut bei einem Weltkonzern, Clara Morgeneyer wollte raus aus dem Tunnel des Jura-Studiums – heute ist er Gastronom in Frankfurt und sie IT-Profi in Seattle. Fabian Donath gab den Job als Kundenbetreuer auf und wurde Trauerredner. Drei Menschen, drei Lebensläufe. Gemeinsam ist ihnen der Bruch, der Karrieresprung, der Spurwechsel.
Branchen in Deutschland in der Krise – der Wechsel eines Jobs kommt da gelegen
Und damit sind sie keine Einzelfälle. Zwar ist die „Great Resignation“ während der Corona-Pandemie ausgeblieben – das Virus hat die Menschen in Deutschland nicht massenhaft in andere Branchen getrieben, wie der Branchenwechsel-Radar zeigt, den das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und die Plattform LinkedIn gemeinsam veröffentlichen. Trotzdem sind viele Lebensläufe heute kleinteiliger als früher, und der Wechsel des Jobs, des Berufs und der Branche ist keine Seltenheit mehr.
Gründe für den beruflichen Neustart gibt es viele: Bei manchen Menschen ist es ein Bruch im privaten Leben, dem ein Bruch im Beruf folgt: der Tod eines lieben Menschen, eine schwere Krankheit, eine Sinnkrise, die Kreise zieht. Andere wollen raus aus dem Hamsterrad, wollen sich weniger an Zielvorgaben und Wachstumszielen orientieren müssen. Wiederum andere treiben die Neugier und die Lust auf Veränderung, der Wunsch: Das kann doch noch nicht alles gewesen sein. Andere wechseln Beruf und Branche, weil die Löhne im angestammten Feld zu niedrig waren.
Manchmal ist es auch der Arbeitsmarkt, der die Richtung vorgibt – zum Beispiel, wenn ein Unternehmen, eine Branche oder eine Gesellschaft in die Krise gerät. Berufe verschwinden zwar eher selten, wie das IAB betont, sie verändern sich aber – und das zum Teil drastisch.
Autobranche in Not: Zehntausende Stellen werden durch Verbrenner-Aus wegfallen
So ist zum Beispiel in der deutschen Autoindustrie viel in Bewegung – vom Verbrenner hin zur E-Mobilität: 840.000 Beschäftigte arbeiten in der Branche und ein Viertel dieser Jobs hängt an der Herstellung von Antriebssträngen. Davon könnten laut einer Studie des Fraunhofer Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation bis zum Jahr 2030 rund 75.000 Stellen wegfallen. Nicht nur, aber auch wegen des Umstiegs auf E-Mobilität.
Zur Serie
In den kommenden Wochen widmet sich die FR Brüchen in der Berufslaufbahn. Die Serie heißt Spurwechsel und stellt Menschen vor, die genau das gemacht haben: Sie haben ihre angestammte Branche verlassen und den Neustart gewagt – in einem anderen Beruf, einer anderen Branche und vielleicht sogar in einem anderen Land.
Die Porträts erscheinen in loser Reihenfolge. Außerdem gibt es Hintergrundberichte und Interviews mit Fachleuten zu den Themen Umschulung und Neustart.
Bereits erschienen sind die Texte über einen Frankfurter Gastronom, der den Schritt ins Unbekannte wagte, und eine Juristin, die heute bei Apple als Software-Profi arbeitet. Fabian Donath wechselte aus dem Callcenter auf den Friedhof. sbh
Auch der Arbeitsmarkt insgesamt wird sich drastisch wandeln. Laut einem Bericht des Weltwirtschaftsforums (WEF) aus dem Jahr 2023 wird es in einem Viertel aller Jobs deutliche Veränderungen geben. Weltweit würden innerhalb von fünf Jahren 69 Millionen neue Jobs geschaffen, aber auch 83 Millionen Jobs verschwinden, so der WEF-Bericht.
Besonders bedroht sind laut dem WEF-Bericht Berufe an der Kasse, in Sekretariaten oder bei der Dateneingabe. Sie würden am schnellsten verschwinden. Auch in der Medien- und Unterhaltungsbranche werde es große Umwälzungen geben. Die geringsten Veränderungen stehen demnach in der Hotellerie und Gastronomie an.
Gewerkschaften fordern ein Recht auf zweite Berufsausbildung
Als Reaktion darauf bietet die Bundesagentur für Arbeit (BA) zum Beispiel Angebote zu Umschulungen und Weiterbildungen an. Die BA richtet ihr Angebot dabei nicht nur an Arbeitslose, sondern auch ausdrücklich an Beschäftigte, die sich beruflich verändern möchten (oder müssen). Auch private Institute haben den wachsenden Markt für sich entdeckt – auch dank der Förderung mit Bildungsgutscheinen durch die BA. Vor allem mit Blick auf die IT-Branche versprechen immer mehr Start-ups den schnellen Wechsel in die Tech-Branche – teilweise dauern die Lehrgänge nur wenige Monate.
Auch die Gewerkschaften haben den Handlungsbedarf erkannt – und erhöhen den Druck auf Politik und Arbeitgeberseite. Die Spitze der IG Metall forderte unter anderem das Recht auf eine zweite Berufsausbildung. Auch Quereinstiege müssten leichter möglich sein. Das geschieht natürlich mit Blick auf den industriellen Wandel: Vom Industriemechaniker ist es nicht allzu weit zum Installateur für Heizungs- und Sanitäranlagen.
