Experte sieht große Probleme

Kampf um Putins Milliarden: Ukraine steht vor Finanzloch – und hat sich mit EU-Schlingern „abgefunden“

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Krieg, Korruption – und ein Finanzproblem. Die Ukraine steht im Krieg vor Problemen. Ein Experte sieht in EU-Hilfsplänen nur eine Teil-Lösung. Analyse.

Die Ukraine steht vor einem Problem. Einem weniger offensichtlichen als die stetigen brutalen Luftangriffe aus Russland oder schleichenden Landverlusten im Verteidigungskampf gegen Wladimir Putins Armee: Es droht ein Finanzproblem. „Im neuen Staatshaushalt klafft, bedingt vor allem durch die hohen Verteidigungsausgaben, ein Loch von umgerechnet circa 38 Milliarden Euro“, sagt Ukraine-Experte Eduard Klein der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Hilfe könnte aus der EU kommen – das entscheidet sich wohl nächste Woche. Doch selbst das wäre letztlich nur ein Art Vorschuss. Und kein Allheilmittel.

Drohungen aus Russland – und ein schwieriger Partner EU: Wolodymyr Selenskyj muss Überzeugungsarbeit leisten.

„Diese Lücke zu decken, wird nicht leicht, ist aber vielleicht mit internationaler – vor allem europäischer – Hilfe machbar“, erklärt Klein, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen. Die Blicke richten sich auf Belgien: Dort liegt der Großteil eingefrorener russischer Gelder in Höhe von 200 Milliarden Euro. Seit Jahren fordern auch deutsche Politiker, diese Mittel für die Ukraine zu verwenden. Doch Belgien fürchtet, letztlich für die Verwendung dieser Mittel haftbar gemacht zu werden. Für den 18. Dezember hat EU-Ratspräsident António Costa zum Gipfel geladen.

200 Putin-Milliarden für die Ukraine auf dem Tisch – später könnten sie fehlen

Aus Kleins Perspektive ist zuletzt immerhin „Bewegung in die Sache“ gekommen. Eine Rolle habe der ominöse 28-Punkte-Plan der USA gespielt. Dem zufolge sollten die eingefrorenen Gelder nur zum Teil für die Ukraine verwendet werden. Die EU könnte nun russischen Drohungen zum Trotz versuchen, Fakten zu schaffen – auf einem Feld, auf dem sie ausnahmsweise die Lufthoheit hat.

Der Experte weist allerdings auf Probleme hin. „Diese Mittel könnten das Staatsdefizit zwar für zwei bis drei Jahre decken – würden dann aber für den Wiederaufbau fehlen“, mahnt er. Der werde noch weitaus teurer. Und bisher wisse niemand, woher das nötige Geld kommen sollte, wenn denn nicht aus Russlands Vermögen in der EU.

Trump und Putin: Die Geschichte ihrer Beziehung in Bildern

Wandbild Putin Trump Litauen
Einen besseren US-Präsidenten als Donald Trump kann sich Kremlchef Wladimir Putin gar nicht wünschen: So könnte dieses Wandbild in der litauischen Hauptstadt Vilnius interpretiert werden. Bemerkenswert: Es ist eine Aufnahme aus dem Mai 2016, als Trump nicht gar nicht im Amt war. Offenbar schwante den Menschen in Litauen schon damals Böses. © Petras Malukas/AFP
Trump telefoniert mit Putin
Trump hat seit Jahren einen guten Draht zu Putin. Am 28. Januar 2017 telefonierte er im Oval Office des Weißen Hauses zum ersten Mal mit dem russischen Präsidenten. © Mandel Ngan/AFP
Wachsfiguren von Trump und Putin
Schon damals standen sie sich auch in Wachsfigurenkabinetten nahe, so auch in Sofia (Bulgarien). © Valentina Petrova/dpa
G20-Gipfel - Trump trifft Putin
Das erste persönliche und extrem heikle Treffen mit Putin wickelte Trump beim G20-Gipfel in Hamburg im Juli 2017 unfallfrei ab. Im Kreml wie im Weißen Haus herrschten anschließend Optimismus und Zufriedenheit.  © Evan Vucci/dpa
G20 Summit - Demonstration
Aktivisten von Oxfam standen dem G20-Gipfel kritisch gegenüber. Mit ihrer Aktion wollten sie auf den Abzweig zwischen mehr sozialer Ungleichheit und weniger Armut hinzuweisen. Sie trugen Masken von Theresa May, Donald Trump, Shinzō Abe, Emmanuel Macron, Angela Merkel, Justin Trudeau, Wladimir Putin, und Jacob Zuma. © Michael Kappeler/dpa
G20-Gipfel - Trump trifft Putin
„Der Fernseh-Trump unterscheidet sich sehr vom realen Menschen,“ sagte Putin nach dem G20-Gipfel in Hamburg vor der Presse über seinen US-Kollegen Donald Trump. © Steffen Kugler/dpa
Apec-Gipfel in Vietnam
Ein zweites Mal trafen sich Trump und Putin am Rande des Gipfels der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftsgemeinschaft (Apec) im vietnamesischen Da Nang. © dpa
Putin trifft Trump beim Apec-Gipfel in Vietnam
Beide Präsidenten stimmten damals überein, dass das Verhältnis ihrer Länder nicht gut sei. Putin sah weiter eine tiefe Krise. Russland sei aber bereit, „eine neue Seite aufzuschlagen, vorwärtszugehen, in die Zukunft zu schauen“. © Mikhail Klimentyev
Trump Putin Da Nang
„Wenn wir ein Verhältnis zu Russland hätten, das wäre eine gute Sache“, sagte Trump. Sein persönliches Verhältnis zu Putin sei gleichwohl in sehr gutem Zustand, obwohl man sich nicht gut kenne. © Jorge Silva/AFP
Helsinki-Gipfel
Im Juli 2018 kamen Trump und Putin in Helsinki zu ihrem ersten offiziellen Gipfel zusammen.  © Heikki Saukkomaa/dpa
USA Ausstieg aus INF-Abrüstungsvertrag
Sie begrüßten sich mit einem kurzen, doch kräftigen Händedruck. „Es ist an der Zeit, detailliert über unsere bilateralen Beziehungen zu sprechen und über die schmerzhaften Punkte auf der Welt. Davon gibt es sehr viele“, sagte Putin. Trump betonte: „Die Welt möchte, dass wir miteinander auskommen.“ © Alexander Zemlianichenko/dpa
Helsinki
Während des Gipfeltreffens gingen in Helsinki mehrere Hundert Menschen aus Protest auf die Straßen. Dabei machten sie auf eine Reihe von Missständen aufmerksam.  © Joonas SaloIlta-Sanomat/Imago
Melania Trump
Auch First Lady Melania Trump war in Helsinki mit von der Partie. © Alexei Nikolsky/AFP
Trump und Putin
Trump äußerte sich hinterher zufrieden über sein Treffen mit Putin: „Der Dialog ist sehr gut verlaufen“, sagte er bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Putin. „Ein produktiver Dialog ist nicht nur gut für die Vereinigten Staaten und Russland, sondern für die Welt.“ © Brendan Smialowski/AFP
Proteste gegen Treffen von Trump und Putin
Derweil protestierten die Menschen auch im fernen Washington, D.C., gegen das Treffen. Unter anderem hielt eine Frau vor dem Weißen Haus ein Schild in die Höhe, auf dem die beiden Präsidenten karikiert waren.  © Andrew Harnik/dpa
100. Jahrestag Waffenstillstand Erster Weltkrieg
Im November 2018 nahmen Trump und Putin an einer Gedenkfeier anlässlich des Endes des Ersten Weltkriegs in Paris teil. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron lud damals zum Spitzentreffen ein. © Ludovic Marin/AFP
Erster Weltkrieg - Waffenstillstand 1918
Auch vor Ort waren First Lady Melania Trump (links), die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und Brigitte Macron, die Ehefrau des französischen Präsidenten. © Francois Mori/dpa
Beginn des G20-Gipfels
Kurz danach trafen Trump und Putin beim G20-Gipfel in Buenos Aires erneut aufeinander. © Ralf Hirschberger/dpa
G20-Gipfel in Argentinien
Die Gespräche wurden von der Eskalation zwischen Russland und der Ukraine um einen Seezwischenfall vor der Krim überschattet. Deshalb sagte Trump ein direktes Treffen mit Putin am Rande des Gipfels kurzfristig ab.  © dpa
Japan, Osaka
Im Juni 2019 trafen Trump und Putin beim G20-Treffen im japanischen Osaka zusammen. © Imago
Osaka 2019
Trump wurde dabei von einem Reporter angesprochen, ob er Putin bei ihrem gemeinsamen Treffen auch sagen werde, dass sich der Kremlchef nicht in die US-Wahlen einzumischen habe. Trump beugte sich zu Putin und sagte: „Mische Dich nicht in unsere Wahlen ein“ – ein Lächeln glitt dabei über Trumps Gesicht. Die Aktion war allerdings nicht ganz ernst gemeint. © Brendan Smialowski/AFP
Osaka 2019
Trump nannte das Verhältnis zu Putin „sehr, sehr gut“.  © Brendan Smialowski/AFP
Trump Putin
Am Ende seiner ersten Amtszeit musste sich Trump wegen Machtmissbrauchs und Behinderung der Ermittlungen im Senat verantworten. Hintergrund war die sogenannte Ukraine-Affäre. Viele Menschen in den USA sahen Trump als Verräter – und Putin als Feind. © Olivier Douliery/AFP
Ukrainekrieg - Anti-Kriegsprotest in New York
Im Januar 2025 kam Trump zum zweiten Mal an die Macht. Im Ukraine-Krieg stellte er sich auf die Seite von Putin. Das rief Proteste hervor. Auch am Times Square in New York galt: Trump ist ein Verräter. © Adam Gray/dpa
Trump Putin
Trump sucht dennoch weiter die Nähe zu Putin. Nach offiziellen Angaben haben beide im Februar 2025 ein erstes Mal miteinander telefoniert, seit der US-Präsident wieder im Amt ist. Vor dem zweiten Gespräch am 18. März verkündete Trump: „Ich freue mich sehr auf das Gespräch mit Präsident Putin.“ Auch danach telefonierte er noch mehrmals mit seinem russischen Amtskollegen. © Alexander Nemenow/AFP
Trump und Putin
Am 15. Augsut 2025 kam es zum Gipfel zwischen Trump und Putin in Alaska. Es handelte sich um das erste persönliche Treffen der beiden Staatschefs seit Putins Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022. Das Treffen fand in der Stadt Anchorage statt. Am Ende gab es von beiden Staatschefs nichts Konkretes. © Andrew Caballero-Reynolds/AFP

Der Wiederaufbau ist freilich Zukunftsmusik. Vorerst richtet Russland weiterhin täglich neue Zerstörungen in der Ukraine an. Dass sich das bald auf dem Verhandlungswege ändert, glaubt Klein nicht: „Putin besteht weiterhin auf seinen Maximalforderungen, die sich für die Ukraine wie eine Kapitulation anfühlen – da ist nur wenig Spielraum für Verhandlungen.“ Selbst, wenn der US-Druck steige, eine „bittere Pille zu schlucken“. Die Klein ebenfalls nicht als Lösung sähe. Er verweist auf die gebrochenen Friedensabkommen Minsk I und II.

„In der Ukraine hat man sich mit der langsamen Reaktion der Europäer abgefunden“

Insofern richtet sich der Blick erstmal auf die kurzfristigen Finanzprobleme. Die könnten auch langfristige Ziele beeinträchtigen – etwa den angepeilten EU-Beitritt der Ukraine. „Eine zentrale Herausforderung wird sein, unter diesen schwierigen Bedingungen den Reformkurs Richtung EU entschlossen fortzuführen“, warnt Klein. Zusätzlich erschwert wird das durch eine politische Krise der Regierung um Wolodymyr Selenskyj. Der hatte zuletzt im Zuge des Korruptionsskandals „Minditsch-Gate“ im Energiesektor – Ermittlungen zufolge könnten bis zu 100 Millionen US-Dollar veruntreut worden sein – seinen Stabschef Andrij Jermak opfern müssen. Und weiteres Vertrauen verloren. Auch im Parlament.

Anfang Dezember war der neue Haushalt beschlossen worden. Damals sei trotz absoluter Mehrheit von Selenskyjs Partei Diener des Volkes unklar gewesen, ob die Fraktion „noch geschlossen hinter ihm steht und genügend Stimmen seiner eigenen Partei zusammenkommen“, so Klein. Letztlich sei das geglückt. Und doch: „Es wird vermutlich zunehmend schwer werden, schwierige Gesetzesvorhaben – wie EU, IWF et cetera im Gegenzug für ihre lebensnotwendigen Finanzspritzen fordern werden – durchzubekommen.“ Auch aus dieser Richtung droht also finanzielles Ungemach. Im Sommer hatte Selenskyj bereits mit der versuchten Entmachtung der Antikorruptionsbehörde die EU verärgert.

Auf das Ringen der EU um Russlands eingefrorene Gelder blicke man in der Ukraine indes eher gelassen, meint Klein. „In der Ukraine hat man sich mit der langsamen und zögerlichen Reaktion der Europäer abgefunden und sieht das recht pragmatisch“, erklärt er. „Man ist wirklich dankbar für jede Hilfe, weiß aber, dass man letztlich auf sich gestellt ist.“ (Quellen: Eduard Klein, eigene Recherchen, AFP/fn)

Rubriklistenbild: © Montage: Michael Kappeler/dts Nachrichtenagentur/Mikhail Sinitsyn/Zuma/Imago

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