Kampf um Seltene Erden: Das Machtspiel der Elite bei kritischen Rohstoffen
VonLennart Schwenck
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Trump und Xi erzielen Seltene Erden-Vereinbarung. Deutschland verharrt in Abhängigkeit von China. Experten mahnen vor strategischen Risiken.
Berlin/Brüssel/Kigali/Peking/Washington/Tokio – Nach monatelangen Spannungen hat US-Präsident Donald Trump nach seinem Treffen mit Chinas Präsidenten Xi Jinping am 30. Oktober eine Einigung bei Streitthema Seltenen Erden verkündet. Die Vereinbarung gelte zunächst für ein Jahr und könne nach Verhandlungen um ein weiteres Jahr verlängert werden. Trump hoffe, dass der Begriff Seltene Erden „für eine Weile aus unserem Vokabular verschwindet“.
Parallel dazu unterzeichneten die USA und Japan zwei Tage zuvor ein Rahmenabkommen zur Sicherung der Versorgung mit kritischen Mineralien und Seltenen Erden. Die beiden Länder wollen „wirtschaftliche Politikinstrumente und koordinierte Investitionen“ nutzen, um „die Entwicklung diversifizierter, liquider und fairer Märkte für kritische Mineralien und Seltene Erden“ zu beschleunigen, heißt es in einer Meldung der Nachrichtenagentur Reuters. Etwa 20 Unternehmen aus Japan und den USA haben bereits Interesse an Investitionsprojekten im Rahmen eines versprochenen 550-Milliarden-Dollar-Investitionspakets gezeigt.
China nutzt Rohstoffmacht als strategische Waffe: Trump verkündet Durchbruch
China baut etwa 70 Prozent der seltenen Erden weltweit ab, und verarbeitet dazu mehr als 90 Prozent der auf dem Weltmarkt angebotenen Seltenen Erden und hat diese Dominanz als Verhandlungshebel eingesetzt. Seit April verlangt die Volksrepublik ein kompliziertes und langwieriges Antragsverfahren für den Export von sieben wichtigen Rohstoffen:
Samarium – unverzichtbar für Permanentmagnete
Gadolinium – verwendet in verschiedenen Hochtechnologieanwendungen
Terbium – wichtig für Magnete und Leuchtstoffe
Dysprosium – essentiell für Hochleistungsmagnete
Lutetium – seltenstes und teuerstes Seltene-Erde-Element
Scandium – verwendet in Legierungen und Brennstoffzellen
Yttrium – wichtig für Leuchtstoffe und Supraleiter
Zusätzlich waren im Oktober fünf weitere Seltene Erden der Exportkontrolle unterstellt: Holmium, Erbium, Thulium, Europium und Ytterbium. Damit waren zwölf der insgesamt 17 Seltenen Erden von chinesischen Exportkontrollen betroffen. Jedes dieser Elemente hat bestimmte Eigenschaften, die sie in bestimmten Produkten unverzichtbar machen. Peking argumentiert, man wolle verhindern, dass Materialien, die auch für die Rüstungsindustrie wichtig sind, ungenehmigt für militärische Zwecke verwendet werden.
Essenziell für Energie und Wirtschaft: Deutschlands gefährliche Abhängigkeit von Seltenen Erden
Die Grünen-Chefin Franziska Brantner warnt in einem Gespräch mit Wirtschaftswoche: „Hier werden wirtschaftliche Verflechtungen als Waffe eingesetzt. Es geht um die Sicherheit unserer Wirtschaft und auch unserer Gesellschaft“. China fordere mittlerweile sogar Betriebsgeheimnisse im Tausch für Lieferlizenzen. Während China global bei der Förderung dominiert, kontrollieren die USA und Myanmar laut Eurasia Group nur zwölf Prozent beziehungsweise acht Prozent der weltweiten Extraktion. Und während die USA und Japan strategische Partnerschaften schmieden, bleibt Deutschland in einer prekären Lage.
Seltene Erden stecken in Bildschirmen von Smartphones, Elektromotoren, Halbleitern, Windkrafträdern und Turbinen. Wer die kritischen Rohstoffe kontrolliert, bestimmt die Regeln des globalen Wirtschaftsspiels. „Jeder Bildschirm, jede Drohne, alle Chips und Batterien benötigen einiges von diesen Seltenen Erden“, erklärt Brantner. Die Risiken sind beträchtlich: Ein Lieferstopp könnte auch die Rüstungsproduktion in Deutschland ausbremsen. In einem Kampfjet stecken angeblich bis zu 400 Kilogramm Seltene Erden. Brantner fordert daher eine strategische Rohstoff-Reserve unter Regie des Verteidigungsministeriums.
Diese Länder besitzen die wertvollsten Rohstoffe der Erde
Politisches Versagen beim Rohstofffonds: Welche Alternativen hat Deutschland?
Deutschland hat bereits vor über 15 Jahren Schwierigkeiten mit der Rohstoffversorgung erlebt. Eine Initiative des Bundesverbands der Deutschen Industrie verlief jedoch im sprichwörtlichen Sande, als die Preise wieder sanken und Unternehmen sich weiter auf billiges Material aus China verließen. „Dann gingen die Preise wieder runter und die Unternehmen haben nicht anderswo investiert; sich weiter auf China verlassen“, kritisiert Brantner rückblickend.
Der von der Ampel-Regierung eingerichtete Rohstofffonds mit einer Milliarde Euro steht bereit, kommt aber nicht voran . „Das Bundesfinanzministerium scheint in der engen Haushaltslogik zu denken, dass sich Investitionen schnell rechnen müssen“, kritisiert Brantner . Ein Scheitern des Fonds wäre „ein fatales Signal für den Standort Europa“ . Der Fonds war gerade eingerichtet und startklar, als die Ampel-Regierung vorzeitig zu Ende ging .
Experten sehen verschiedene Wege aus der chinesischen Abhängigkeit. Unternehmen könnten ihren Einkauf bündeln und branchenübergreifend zusammenarbeiten, um bessere Konditionen zu erzielen. „Die Länder, die Seltene Erden abbauen, sind maximal dankbar, wenn wir sie auch unterstützen könnten, weiterverarbeitende Anlagen zu schaffen“, erklärt Brantner. Diese Länder seien willens und hätten oft das nötige Wissen, aber nicht alle Technologien und vor allem nicht die Investitionen.
Bis zu 43 Millionen Tonnen: Deutschlands Lithium-Hoffnung liegt in der Altmark
Während Deutschland bei Seltenen Erden nahezu vollständig von Importen abhängig ist, gibt es bei anderen kritischen Rohstoffen erste Hoffnungsschimmer. Das Unternehmen Neptune Energy hat in der Altmark in Sachsen-Anhalt ein bedeutendes Lithium-Vorkommen entdeckt. Mit geschätzten 43 Millionen Tonnen Lithiumkarbonatäquivalent handelt es sich laut Neptune Energy um „eine der größten projektbezogenen Lithium-Ressourcen der Welt“.
Das Unternehmen setzt auf ein umweltschonendes Verfahren der direkten Lithiumextraktion aus Tiefenwasser – ohne Tagebau und Verdunstungsbecken. Der weltweite Lithium-Bedarf dürfte durch die Elektromobilität bis 2035 mindestens dreimal so hoch werden. Allerdings stößt die Förderung auf Widerstand von Experten, die vor möglichen Umweltbelastungen wie Tiefwasserproblemen oder Grubenschäden warnen. Dennoch könnte das Altmark-Projekt künftig einen wichtigen Beitrag zur deutschen und europäischen Versorgung mit kritischen Rohstoffen leisten und die Abhängigkeit von problematischen Lieferketten reduzieren.
Alternativen zum Import-Zwang: Recycling als ungenutztes Potenzial
In Europa finden sich aber noch andere Potenziale: Einige Metallrohstoffe finden sich in Nordschweden oder im Erzgebirge. Zwar kommen Seltene Erden – anders als ihr Name vermuten lässt – nicht unbedingt selten vor, jedoch besteht die Herausforderung darin, sie in ausreichend hoher Konzentration zu finden, um sie kosteneffizient zu fördern. In China kommen die Bodenschätze häufig vor, doch ihre Gewinnung ist aufwendig und meist umweltschädigend.
Experten sehen daher im Recycling einen wichtigen Baustein für mehr Unabhängigkeit. Die Recyclingquoten seien jedoch noch sehr gering. Grünen-Chefin Brantner warnt, dass China sogar deutschen Elektroschrott aufkaufe und damit eine weitere Rohstoffquelle abgrabe. „Die Bundesregierung müsste aber auch dafür sorgen, dass China nicht etwa unseren Elektroschrott aufkauft und uns diese Quelle auch noch abgräbt“, erklärt sie und fordert gezielte Exportverbote.
Deal-Maker Trump und Japans neue Premierministerin Sanae Takaichi – Deutschland und Europa sollten schnell handeln, um nicht dauerhaft zum Spielball fremder Interessen zu werden.
Europas Rohstoff-Dilemma: Westliche Doppelmoral bei Rohstoffbeschaffung
Während Europa China für seine Rohstoffpolitik kritisiert, zeigt das Beispiel Ruanda die eigene Doppelmoral auf. Laut Andy Storey, ehemaliger Dozent für politische Ökonomie am University College Dublin, hat die Europäische Union mit Ruandas Regierung ein Abkommen ausgehandelt, um den Abbau von Rohstoffen zu erleichtern – obwohl es klare Hinweise darauf gibt, dass dies zur Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe der benachbarten Demokratischen Republik Kongo (DRK) führt.
Die EU stellte Ruanda über 900 Millionen Euro für die Rohstoffgewinnung zur Verfügung, obwohl ein großer Teil dieser „ruandischen“ Rohstoffgewinnung systematischer Diebstahl von Mineralien aus der DRK ist. Der belgische Europaabgeordnete Marc Botenga erklärt laut Jacobin: „Wir wissen, dass sich ruandische Soldaten auf kongolesischem Boden befinden, um bestimmte natürliche Ressourcen zu stehlen und zu plündern. Die Vereinbarung mit Ruanda bestärkt diese Truppen noch in ihrem Handeln.“ Während Donald Trumps Versuche, den USA Zugang zu natürlichen Rohstoffen zu verschaffen, als „besonders aggressiv“ kritisiert werden, kann Europa laut Jacobin „angesichts seiner eigenen Haltung gegenüber der DRK kaum behaupten, moralisch besser zu handeln.“
Rohstoffpolitik als Machtinstrument: Internationale Vorbilder und deutsche Blockaden
Japan zeigt, wie erfolgreiche Rohstoffpolitik aussehen kann: „In Japan verdient der Staat mit genau solchen Beteiligungen Geld“, erklärt Franziska Brantner. Dort werde investiert, obwohl es keine absolute Gewissheit gebe, ob man in zehn Jahren mit bestimmten Rohstoffen noch Geld verdienen könne. „Kritische Rohstoffe werden langfristig gebraucht, egal für welche Produkte“, betont die Grünen-Politikerin.
In Deutschland hingegen blockiert offenbar das Finanzministerium notwendige Investitionen. Brantner sieht die Hauptverantwortung beim Bundeskanzler Friedrich Merz: „Es braucht wohl den Kanzler, der klar vorgeben sollte, dass wir in Rohstoffe investieren und uns strategisch absichern müssen“. Ein solches Bekenntnis sei von Merz bisher nicht gekommen, obwohl er sich als Außen- und Wirtschaftskanzler verstehe. (ls)