Weniger Netto vom Brutto

Kassenchef warnt vor Beitragsschock – Versicherte zahlen drauf

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Die Krankenkassen steuern auf eine Beitragskrise zu. Ohne Reformen könnten die Zusatzbeiträge bis 2029 auf über vier Prozent steigen. Was das für Versicherte bedeutet.

Berlin – Krankenversicherte müssen sich auf steigende Kassenbeiträge einstellen. „Weil die nötigen Strukturreformen fehlen, zahlen wir alle mehr, spüren aber keine bessere Versorgung,“ sagte Oliver Blatt, der neue Vorsitzende des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Er erwartet kontinuierliche Beitragssteigerungen und warnt die Bundesregierung vor den Folgen.

Kassen schlagen Alarm wegen wachsender Kosten – Strukturreformen bleiben aus

Aufgrund wachsender Kosten müssen die Versicherungen ihre Zusatzbeiträge erhöhen. Blatt fordert konkrete Maßnahmen, um die Ausgaben zu reduzieren. „Ohne Reformen steigt der Zusatzbeitrag Anfang 2026 auf über drei Prozent“, warnte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Der Durchschnitt liege aktuell bei 2,9 Prozent. Das erhöhe die Lohnnebenkosten. „Am Ende zahlen die Versicherten mehr, ohne mehr zu bekommen“, so Blatt.

Kassen schlagen Alarm wegen wachsender Kosten und höheren Beiträgen.

Die finanzielle Notlage der Kassen brachte auch den Bundesrechnungshof auf die Bühne. Er forderte die Regierung auf, schnell ein Konzept zu erarbeiten, um die Finanzen der Kassen langfristig zu stabilisieren und warnt ebenfalls vor einer dramatischen Beitragssteigerung: Zum Jahr 2029 könnten die Zusatzbeiträge auf 4,05 Prozent steigen, heißt es in einem Bericht mit Verweis auf eine Prognose des Bundesgesundheitsministeriums. Die steigenden Beiträge könnten sogar die Wirtschaft belasten.

Kassen erhöhten bereits mehrfach ihre Beiträge – Ausgaben wachsen weiter

Seit Jahresbeginn haben die Kassen ihre Zusatzbeiträge angehoben, zuletzt passten einige Kassen ihre Beitragssätze auch im August 2025 an. Angesichts der Entwicklung drängt der Verband der gesetzlichen Krankenkassen schon länger auf einen Stopp der Ausgabensteigerungen. Aufgrund der Kluft zwischen den Einnahmen und Ausgaben verzeichneten die Kassen im Jahr 2024 ein Defizit von 6,2 Milliarden Euro. Hinzu kommen die steigenden Medikamentenpreise.

Bislang will die Bundesregierung den Krankenkassen mit einem Darlehen unter die Arme greifen – aus Sicht der Krankenkassen völlig unzureichend. Ebenfalls enttäuscht sind die Kassen über fehlende Mittel für die Finanzierung versicherungsfremder Leistungen. Darunter würden beispielsweise auch die Leistungen für Menschen im Bürgergeld-Bezug fallen.

Versicherungen verlangen Kostenübernahme für Bürgergeld-Bezieher – Kanzler zeigt sich reserviert

Die Kassen verlangen vom Bund eine Kostenübernahme der Leistungen für Menschen, die Bürgergeld erhalten. Das würde die Kassen um zehn Milliarden Euro entlasten, erklärte bereits der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse, Jens Baas. Auch nach Auffassung von Blatt muss der Staat einspringen. Bislang zahlt der Bund Beiträge für die Bezieher von Bürgergeld an die gesetzlichen Krankenkassen. Allerdings reichen diese Beiträge nicht aus, um die tatsächlichen Kosten zu decken. Im Jahr 2025 liegen die Beiträge pro Person bei 133 Euro monatlich.

Kanzler Friedrich Merz (CDU) betonte in einer Pressekonferenz im Juli, die finanzielle Herausforderung der Kassen lösen zu wollen. Zur Forderung der Kassen, die Leistungen der Bürgergeld-Bezieher zu übernehmen, hielt sich Merz zurück. Die Schwierigkeiten mit wachsenden Beiträgen und die Geldnot der Versicherungen würden nicht über „kurzfristige Hebel und nur über versicherungsfremde Leistungen“ lösen lassen.

Er verwies unter anderem auf die Fachgremien, die künftig Vorschläge erarbeiten werden, auf deren Basis die Beitragssätze dauerhaft stabilisiert werden sollen. Auch mit den Herausforderungen der Pflegeversicherung soll sich eine Kommission befassen. Der kommende Herbst soll im Zeichen der Reformen stehen. Arbeitsministerin Bärbel Bas (SPD) setzte ebenfalls eine Kommission ein, die künftig Sozialleistungen wie das Bürgergeld unter die Lupe nehmen soll.

Rubriklistenbild: © Niehoff / IMAGO

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