Europaweit Schlusslicht

Kreditausfälle setzen deutsche Banken unter Druck – EZB sieht Wirtschaft in Gefahr

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Notleidende Kredite treffen deutsche Banken am härtesten in Europa. Corona-Nachwirkungen werden spürbar, Firmenpleiten nehmen zu, Büroräume bleiben unvermietet.

München – Deutschlands Finanzinstitute schlagen Alarm: Noch nie seit der Finanzkrise war der Anteil notleidender Kredite so hoch wie im Jahr 2024. Eine Mischung aus wirtschaftlicher Schwäche, Insolvenzwelle und Immobilienkrise droht nun auch die Kreditvergabe in Mitleidenschaft zu ziehen. Die Nachwirkungen der Pandemie treffen das Bankensystem und könnten weitreichende Folgen für Unternehmen, Investitionen und Wachstum haben.

Notleidende Kredite: Folgen der Coronapandemie werden spürbar

Während sich Europas Wirtschaft allmählich aus der post-pandemischen Krise befreit, bleibt Deutschland wirtschaftlich weiter angeschlagen. Diese Schwäche wirkt sich nun mit Verzögerung, aber umso massiver auf die Kreditqualität in den Bilanzen der Banken aus: Viele Unternehmen geraten erst jetzt ernsthaft in Schieflage.

Die Bankenbranche spürt das deutlich. Laut einer Analyse des Beratungsunternehmens BearingPoint stieg das Volumen notleidender Kredite – sogenannter Non-Performing Loans (NPL) – in Deutschland 2024 um 24,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Damit liegt der Anstieg hierzulande weit über dem europäischen Durchschnitt von 1,1 Prozent unter den 163 analysierten Geldhäusern. Kein anderes Land in Europa musste eine derart starke Verschlechterung seiner Kreditportfolios verkraften, berichtet Market Screener. Notleidende Kredite – also solche, bei denen Rückzahlungen gefährdet sind – belasten nicht nur die Gewinn- und Verlustrechnung der Banken. Sie sind auch ein Warnsignal für gesamtwirtschaftliche Instabilität.

Mehr Kreditrisiken bei Deutschlands Banken (Symbolbild)

Insolvenzen in Deutschland auf Höchststand

Hinter diesem Anstieg stehen vor allem zwei Entwicklungen: die wachsende Zahl an Unternehmensinsolvenzen und die Krise im gewerblichen Immobiliensektor. Mit 21.812 Firmenpleiten erreichte die Zahl der Unternehmensinsolvenzen in Deutschland 2024 den höchsten Stand seit 2015. Der starke Anstieg war erwartet worden, nachdem staatliche Hilfen aus der Corona-Zeit ausgelaufen waren.

Zudem verschärft sich die Lage auf dem Gewerbeimmobilienmarkt. Sinkende Immobilienwerte, ausbleibende Anschlussfinanzierungen und steigende Zinsen setzen Eigentümer unter Druck. Die Nachfrage nach Büroflächen ist angesichts des anhaltenden Homeoffice-Trends deutlich gesunken, vielerorts stehen Geschäftsimmobilien leer. Parallel dazu verlagert sich der Einzelhandel zunehmend ins Internet.

EZB warnt vor zunehmenden Risiken

Die Europäische Zentralbank (EZB) beobachtet diese Entwicklung mit wachsender Sorge. Noch kürzlich warnte Sharon Donnery, Chefaufseherin der EZB, vor zunehmenden Risiken bei Krediten an kleine und mittlere Unternehmen, Konsumenten und Gewerbeimmobilienbesitzer. Zwar liegen die NPL-Raten in Europa noch auf historisch niedrigem Niveau, doch die Frühindikatoren deuten auf eine bevorstehende Verschärfung der Situation hin. Eine Zunahme von Kreditausfällen könnte nicht nur die Kapitaldecke einzelner Institute schwächen, sondern auch die Bereitschaft zur Vergabe neuer Darlehen deutlich reduzieren.

Krise erschwert Kapitalzugang für Unternehmer

Diese Zurückhaltung könnte vor allem für junge Unternehmen, Mittelständler und Investoren problematisch werden – also genau jene Gruppen, auf die Deutschland in seiner wirtschaftlichen Stabilisierung angewiesen ist. Bereits jetzt verschärfen viele Banken ihre Kreditvergabestandards. Besonders in risikobehafteten Branchen wie Gastronomie, Handel und Immobilien ist der Zugang zu frischem Kapital zunehmend erschwert. Mit Material von dpa und Reuters.

Rubriklistenbild: © Frank Rumpenhorst/dpa

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